Merkel und die Basketball-Fans : Wie Europa mit der Aschewolke zurechtkommt

Kanzlerin Merkel muss ihre Teilnahme am Begräbnis des polnischen Staatspräsidenten absagen. Sie ist nicht die Einzige, die von der Aschewolke betroffen ist. Geschichten eines Naturspektakels.

von , und Alva Gehrmann

In Vesturbaejarlaug sind alle entspannt. Bei Sonnenschein, null Grad Außentemperatur und mindestens 30 Grad Wassertemperatur. Es ist ein schöner Samstagmorgen in Reykjavik und die Isländer genießen den Tag im Freibad. Diese haben alle Hot-Pots, kleine, heiße Bäder, die einem Whirlpool gleichen. Der Hot-Pot ist das Café der Isländer. Dort sitzen sie auch am Samstag wieder, starren in den wolkenlosen Himmel und lassen das über sich ergehen, was sie nicht ändern können: sie kommen nicht weg, wollen das vielleicht auch gar nicht. Weil einige hundert Kilometer entfernt ihr Vulkan Eyjafjöll Asche in rauen Mengen in die Luft spuckt, steht in Europa das halbe Leben still, zumindest das, was sich in der Luft abspielt. Die Isländer sind das gewohnt. „Wenn wir heute nicht fliegen können, dann eben morgen“, heißt es im Hot-Pot. Dabei ist der Vulkanausbruch nur eines von vielen Themen. Das wichtigste ist: Wie schön ist doch das heiße Wasser. Doch es ist nicht so, dass sie sich gar nicht sorgen, um die Folgen des Vulkans. Ihre größte Angst ist, dass der Ausbruch des Eyjafjöll zum Ausbruch des Katla führen könnte.

Gut hundert Kilometer entfernt von der isländischen Hauptstadt im kleinen Örtchen Vik sieht die Lage ganz anders aus. Dort sitzen die Bewohner fest, weil sie auf der einen Seite vom Vulkan bedroht sind und auf der anderen Seite die Straße aufgebrochen ist, damit das geschmolzene Gletscherwasser abfließen kann. Aber auch das sind sie gewohnt in Island. Nur, dass sie jetzt für alles Übel verantwortlich sein sollen, wollen sie nicht akzeptieren. Isländische Zeitungen bekommen schon böse Briefe aus Großbritannien. „Erst wollt ihr unser Geld nicht zurückzahlen und jetzt bringt ihr auch noch die Asche zu uns“, heißt es in den Beschwerdebriefen. Im Hot-Pot reagiert man kühl: „Für die Asche können wir ja auch nichts.“

Merkel sagt Begräbnis-Teilnahme ab

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat ihre für Sonntag geplante Teilnahme am Begräbnis des polnischen Staatspräsidenten Lech Kaczynski und seiner Ehefrau Maria in Krakau abgesagt. Grund dafür seien die massiven Einschränkungen im Flugverkehr, teilte die stellvertretende Regierungssprecherin Sabine Heimbach am Samstagabend in Berlin mit.

Merkel habe ihre Entscheidung dem polnischen Außenminister Radoslaw Sikorski „mit dem Ausdruck größten Bedauerns“ mitgeteilt, hieß es. Außenminister Sikorski habe „vollstes Verständnis“ für die Absage der Bundeskanzlerin geäußert, deren Rückreise aus den USA in Folge des Vulkanausbruchs sich außerordentlich kompliziert und langwierig gestaltete.

Merkels Regierungsmaschine war am Freitag auf dem Rückweg von der USA-Reise wegen der Sperrung weiter Teile des europäischen Luftraumes nach Lissabon umgeleitet worden. Am Samstagmittag war sie nach Rom weitergeflogen. Von der italienischen Hauptstadt aus reiste die Delegation mit Autos und Bussen nach Bozen in Südtirol, wo die Übernachtung geplant war.

Zuvor hatten Merkels Reisedelegation in San Francisco zwei schlechte Nachrichten erreicht. Erst die vier toten Bundeswehrsoldaten in Afghanistan und dann der Vulkanausbruch. Dass sie aber die Aschewolke noch so lange beschäftigen würde, ahnte in Merkels Delegation am Freitagmorgen noch niemand. Gerüchte kamen auf, dass die Flugroute beeinträchtigt sein könnte. Ein Non-Stopp-Flug von San Francisco nach Berlin hätte Merkel sowieso nicht machen können. Die Maschine musste kurz vor der Atlantiküberquerung nochmal aufgetankt werden. Teilnehmer der Reise berichten, dass da zum ersten Mal München als Landeziel angepeilt werde, weil Berlin gesperrt sei. Busse würden bereitgestellt, mit denen man nach Berlin fahren könne. Doch auch diese Meldung war später über dem Atlantik Makulatur. Die Bundeskanzlerin persönlich verkündete ihrer Delegation, dass man nicht nach München, sondern nach Lissabon fliegen werde. Spätestens da war klar, aus der Amerika-Reise würde eine Abenteuerreise für Merkel und ihren Tross. Mitreisende sprechen davon, dass Merkel recht locker und ungenervt auf diese Situation reagierte. Was sollte man auch ändern. Es war klar, dass man nun etwas aus der üblichen Berufsroutine herauskommt.

In Lissabon nutzte Ministerpräsident Sokrates den spontanen Staatsbesuch und empfing die Bundeskanzlerin am Flughafen. Alles war organisiert. Im Konvoi wurde Merkel und ihre Delegation in zwei Hotels gefahren. Und während die einen die Stadt besuchten, kurierten andere den Jet-Lag aus. Die Kanzlerin nutzte einen halbwegs freien Freitagabend im Ritz-Hotel, um nach dem anstrengenden USA-Aufenthalt wieder Kraft zu tanken. Vor allem dass Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen aus Madrid nach Lissabon gekommen war, freute die Kanzlerin. Er hatte in der spanischen Hauptstadt an der EU-Finanzministerkonferenz teilgenommen und wegen der gestrichenen Flüge nach Deutschland die Chance ergriffen, sich der Delegation der Kanzlerin anzuschließen. Damit war seine Rückkehr eher garantiert. Und Merkel konnte mit ihm über die Finanzkrise in Griechenland und die Pläne der EU-Kommission beraten zu können.

Merkels Abenteuerfahrt durch Europa

Am nächsten Morgen dann erstmal wieder Verwirrung. Um sechs Uhr hieß es, kein Rückflug nach Deutschland. Um 6.30 Uhr Rückflug und um sieben Uhr dann: Flug ja, Deutschland nein. Nach Rom sollte die Reise gehen. Schließlich war der Luftraum über Südeuropa am Samstag offen.

Nur, wie die Reise aus Rom weitergehen sollte war noch unklar. Um zehn Uhr am Samstag ging es für die Reisegruppe Merkel dann los Richtung Rom. Doch lange, das stand mittlerweile fest, würden sie nicht in der italienischen Hauptstadt verweilen. Auch der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi war nicht am Flughafen. Dafür standen Busse für die Delegation und eine Limousine für Merkel bereit. Damit ging es weiter nach Bozen, Norditalien.

Dort übernachtete Merkel samt Mitreisenden im Hotel. Für Sonntag ist die Weiterfahrt nach Deutschland geplant. Wie es von dort weitergehen sollte, war am Samstag zunächst noch unklar. Erwogen wurde zumindest für Angela Merkel die Weiterreise nach Berlin per Hubschrauber. Die sind von der Sperrung des Luftraums nicht betroffen, weil sie nicht so hoch steigen, wie Passagierflugzeuge und somit nicht mit der Asche in Kontakt geraten.

Doch Merkel war nicht die einzige Politikerin, der die Asche einen Strich durch die Reiseplanung machte. Auch Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) musste Umwege fliegen. Er flog zusammen mit den fünf in Afghanistan verletzten Bundeswehrsoldaten nach Istanbul. Die Verletzten blieben am Bosporus. Guttenberg hingegen sollte zumindest bis Samstagnachmittag in Istanbul bleiben. Es werde aber überlegt, ob er später dann etwa nach Rom oder in eine andere, näher gelegene Stadt fliegen könne, sagte ein Ministeriumssprecher.

Alba-Fans reisen mit dem Bus

Persönlich wollte der Geschäftsführer der Basketball-Euroleague, Jordi Bertomeu, jeden Fan begrüßen, der es trotz Vulkanasche und Flugstopp bis in die Sporthalle im spanischen Vitoria schaffen würde. Und ein Willkommensbüffet für die tapfersten Reisenden war im Vip-Raum auch organisiert. Die Basketballer von Alba Berlin standen am Samstagabend im Final Four des Basketball Eurocups, eine kleine Sensation schon an sich. 400 Fans hatten sich wochenlang auf die Reise nach Vitoria vorbereitet, wo Alba im Halbfinale gegen Bizkaia Bilbao antreten musste. Aber am Donnerstag Abend, 17 Uhr 49, kam der Schock, in Form eines Postings auf der Basketball-Fanseite „Schoenen Dunk“. Im „offiziellen Reisethread zu den Eurocup Finals“ schrieb unter Pseudonym „herimue“: „Erster Hinweis auf gigantische Aschewolke“.

Seit Donnerstagabend schlief offenbar kaum ein echter Alba-Fan mehr. Auf „Schoenen Dunk“ entwickelte sich eine wilde Reisebörse. Ideen, doch noch nach Vitoria zu kommen, wurden entwickelt, diskutiert, verworfen. Jeder, der sich auf den Weg machte, konnte sich der Live-Beobachtung sicher sein. Bejubelt wurden „9 Flughelden“, die noch um 19 Uhr 31 am Freitagabend in Spanien landeten. Die Helden hatten sich am Freitag früh am Flughafen Berlin-Tegel getroffen und waren in zwei Mietautos nach München aufgebrochen, um dort offenbar den vorletzten Flug aus Deutschland zu erreichen. Von der Raststätte Frankenwald hatten sie sich zwischendurch auf „Schoenen Dunk“ gemeldet. Um 16 Uhr 39 dann unkten sie: „Wir sitzen im Flieger.“

Etwas strapaziöser pilgerten rund 50 weitere Fans nach Vitoria. Ebenfalls auf der Fanseite hatten sich die Leute zusammengefunden, um einen ALBA-Bus zu organisieren. Um 16 Uhr 49 am Freitag dann kam die Meldung: Der Bus ist auf dem Weg. Zunächst noch auf der Fanseite, später auf Twitter war die komplette Fahrt zu verfolgen, inklusive Fotos. Auch ein Tagesspiegel-Redakteur berichtet live von der Fahrt zum Spiel.

Wer unterwegs sein muss und von Zug, zu Bus, zu Mietwagen hetzen muss, um ausgefallene Flüge zu kompensieren, hat keinen Sinn dafür. Aber wer all das nicht muss, kann ihn genießen: den Blick zum Himmel. Kein Flugzeug und damit auch keine Kondensstreifen sind zu sehen. „So ein strahlendes Blau gibt es nur ganz ganz selten“, sagt Helmut Malewski vom Deutschen Wetterdienst. Also, sehen und genießen, wenn es geht!

Wer keinen Zug oder Mietwagen mehr bekommt, könnte es vielleicht bei der Mitfahrzentrale versuchen. Mitfahrgelegenheit.de, die größte deutsche Online-Mitfahrzentrale, verzeichnet seit gestern Abend Rekordzugriffszahlen. „Wir können eine Steigerung von fast 30 Prozent im Vergleich zu den üblichen Zugriffszahlen unseres Vermittlungsportals verzeichnen. Dies ist enorm“, erklärt Michael Reinicke, Geschäftführer von mitfahrgelegenheit.de. (mit ddp)

Alba-Fans: Dann eben mit dem Bus nach Spanien (Der Tagesspiegel war live dabei)

Autoren

3 Kommentare

Neuester Kommentar