Messners Museum : Tanzplatz der Götter

Wie Reinhold Messner mit seinem "Mountain Museum" in Südtirol die Bergwelt als geistiges Abenteuer inszeniert.

Der Tagesspiegel - Von überall fällt der Blick auf Sigmundskron. Mit ihren Mauern, Türmen und Bastionen thront die größte Burg Südtirols gewaltig über der Landeshauptstadt Bozen. Nie angegriffen und nie erobert, hat der Platz trotzdem Geschichte gemacht: 1957 versammelten sich die Südtiroler unter der Führung ihres Landeshauptmanns Silvio Magnago in der Ruine und forderten von Italien die ihnen versprochene Autonomie. Dass die Burg in luftiger Höhe ein heiliger Ort der erkämpften Selbstbestimmung sei, fiel den Bozenern erst wieder ein, als Bergsteigerlegende Reinhold Messner sich darum bemühte, Sigmundskron als Bergmuseum nutzen zu dürfen. Über Jahrzehnte hatte man das Gemäuer schnöde vernachlässigt und nebenan einen Müllberg aufgeschüttet, den seit 1969 die Abfälle der Stadt Bozen höher und höher haben wachsen lassen.

Die jahrelangen, erbittert geführten politischen Auseinandersetzungen um das Für und Wider sind jetzt vorbei, der Müllberg wird "saniert" und Messners Mountain Museum ist eingerichtet. Es wird, soviel steht heute schon fest, den Blick auf die umliegende Berglandschaft, ja den Blick auf die Berge selbst verändern.

Noch im 18. Jahrhundert war es keinesfalls selbstverständlich, die Berge der Anschauung wert zu halten. Auf der Durchreise nach Italien in den Alpen angekommen, ließ der Kunsthistoriker Johann Joachim Winckelmann die Fenster seiner Kutsche verhängen, weil er den Anblick der Berge "schrecklich" fand. Der erste Alpenmaler, Caspar Wolf, verkaufte 1780 in Paris kein einziges seiner später so berühmten Bilder. Erst die Romantiker und Rousseaus Ruf "Zurück zur Natur" lösten einen Wandel aus, der die Berge positiv besetzte, sie als Erfahrungsorte jenseits von der Zivilisation und der mit ihr verknüpften Zwänge attraktiv machte. Die Begehung der Gletscher und Pässe wurde Teil des neuen Bildungsprogramms, das selbst Goethe auf den St. Bernhard trieb. Doch erst die Engländer erfanden das sportliche Bergsteigen, erklärten die Alpen zum "Spielplatz Europas" und erklommen im Laufe des 19. Jahrhunderts die meisten der noch unbestiegenen Gipfel.

Der K2 steht auf dem Kopf, der Mont Blanc ist gekippt

Im weiteren Verlauf der Entwicklung spaltete sich die Gemeinde der Bergbegeisterten. Hier die Naturfreunde, denen das Bergerlebnis auch jenseits einer Gipfelbesteigung, Genuss und ein Erhabenheitsgefühl angesichts der "Kathedralen der Erde" (John Ruskin) bot; dort die Kletterer aller Grade, die auf immer schwierigeren Routen, ehrgeizig, besessen, bis an die Grenze des Möglichen und oft darüber hinausgehend, ihrem "Durst nach Todesgefahr" (Eugen Guido Lammer) frönten.

Seinen 15. Achttausender nennt Messner das Museum, das seit Anfang Juni der Öffentlichkeit zugänglich ist. Perfekt muss alles sein, so perfekt wie damals seine Ausrüstung und seine Vorbereitung auf die Expeditionen, mit denen er Alpingeschichte schrieb. Um jedes Detail hat sich der ehemalige grüne Europa-Parlamentarier gekümmert. Noch immer hat er ein Auge auf die Putzkolonne, die Böden reinigt und Wände entstaubt, damit sich die Exponate vor den edelschwarzen Hintergründen effektvoll abheben. Architekt Werner Tscholl überbaute die Ruine mit Stahl und Glas, verband Türme mit metallenen Wehrgängen, die planmäßig rosten und sich so dem Braun der Mauern angleichen. Atemberaubend: die Treppenkonstruktionen, die durch Glasböden einen schwindelnden Blick in die Tiefe bieten.

Ein Bergmuseum will die Anlage sein und setzt vor allem inhaltlich neue Maßstäbe. Denn es funktioniert nicht als didaktisches Konzept, will nichts zu schaffen haben mit den klassischen Museen zur alpinen Geschichte wie sie in München oder in Kempten aufgebaut wurden. Keine Chronologie des Bergsteigens von Petrarca bis zu den Achttausender-Bezwingern wird hier geboten, keine Geschichte des Bohrhakens, und auch die Entwicklung der Skibindung von 1865 bis zur Gegenwart wird man hier vergeblich suchen. Stattdessen rückt Messner das Verhältnis des Menschen zu den Bergen in den Mittelpunkt. Der Stein des Sisyphos wird mit dem Camusschen Satz kombiniert, dass man sich den zur ewigen Fron Verurteilten als glücklichen Menschen vorstellen müsse. Ein mit Expeditionsmüll vom Everest verfüllter Raum gibt durch ein Fenster den Blick auf den Bozener Müllberg frei.

Überall wird inszeniert, ob am "Tanzplatz der Götter" oder in den Türmen, wo ein auf dem Kopf stehender Achttausender, der K2, und ein gekipptes Montblanc-Massiv auf die Interpretation des Betrachters warten. Arena der Leidenschaften und des Todes sind die Berge in diesem Museum, immer gefährlich und ein geistiges Abenteuer. Und weil Regisseur Messner sich in diesem Haus verwirklicht hat, braucht er nicht darin vorzukommen. Zum ersten Mal in seinem Leben hat er auf sich verzichtet.

Den Berg als Hort spiritueller Erfahrungen hat sich der einst erfolgsbesessene Extremkletterer erst nach und nach erschlossen. Im Nordrondell stößt der Besucher auf eine riesige Gebetsmühle, die er selbst in Bewegung setzen kann. In den Nischen schauen ihm die sechzehn Erscheinungsformen Buddhas dabei zu, und aus dem Off tönt der monotone Gesang lamaistischer Mönche. Hier wie überall wird man wenig erklärende Texte finden, stattdessen bedecken Sinnsprüche der großen Geister der Menschheitsgeschichte die Wände, denn von Moses bis Benn, von Konfuzius bis Kant gibt es keinen, der sich nicht über die Berge geäußert hätte.

Als Rundgang ist dieses Museum konzipiert, die Abfolge der Stationen vorgeschrieben, einen Rückweg gibt es nicht, nur ein Vorwärts. Und es geschieht auch nicht zufällig, dass die Begehung im Uhrzeigersinn erfolgt wie diejenige des heiligen Berges der Buddhisten und Hindus, des Kailash in Tibet. Wie dort harrt des Wissensdurstes auch hier ein sakrosanktes Zentrum, das niemand betreten darf: Die alte Kapelle der Burg mit kunsthistorisch bedeutenden Fresken aus dem 11. Jahrhundert, sie ist tabu.

Aber man kann sich ihr nähern. Durch einen in das Felsmassiv gebohrten Tunnel, der die Mythen- und Sagenwelt der Berge zeigt: Laurins Zaubergarten, den die südtiroler Überlieferung in der Rosengartengruppe vermutet, deren Zinnen und Grate beim Abendrot leuchten, als seien sie vom Zwergenkönig aus purem Gold gemacht.

Wie stark das gesamte Arrangement Züge einer assoziativen Kunstinstallation trägt, die ins Philosophische vordringt, erschließt sich auf der oberen Aussichtsplattform. Dort ragt eine Gerätschaft in den Burghof, die auf die christliche Eroberung der Berge mittels Kapelle und Gipfelkreuz anspielt. Dabei liegt die Christianisierung der höchsten Alpenpunkte keineswegs lange zurück. Das Aufstellen immer größerer Balkengebilde wurde erst in den zwanziger Jahren populär, als der bisher einzige bergsteigende Papst, Pius XI., sie als weithin mahnende Zeichen gegen den anwachsenden Atheismus propagierte.

Messner hat ein Museum der Querverweise und Gedankensplitter geschaffen, in dem es auch um so Gewichtiges wie "Die Entstehung der Berge" oder "Alpine Besteigungsgeschichte" geht und eine Wechselausstellung sich den Bergen in der Romantik widmet. Aber wer wird schulterzuckend an jener originalen Wollmütze vorbeiwandern, die Anderl Heckmair 1938 bei seiner Erstdurchsteigung der Eiger-Nordwand trug? Am Eröffnungsabend freilich, als Messner die andere Dimension des Museums erprobt, Ort der Begegnung und Kultur zu sein, kann er sich einen Auftritt dann doch nicht verkneifen. Im kleinen Theater, das in der Manier einer griechischen Bühne zwischen Burgmauer und Fels angelegt wurde, gelangt Christoph Ransmayrs "Ballade von der glücklichen Rückkehr" zur Aufführung. Beim Satz: "Eines Tages kehren wir unseren Träumen den Rücken und machen uns auf dem Weg in die Tiefe zurück zu den Menschen", seilt sich plötzlich ein Bergsteiger elegant durch die glatte Wand ab. Nur eine Geste? Reinhold Messner ist angekommen. (Von Ralf-Peter Märtin)

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