Mexiko : Mit Kunst gegen Kriminalität

Vor drei Jahren wurde ein Arbeiterviertel in Mexiko in Regenbogenfarben angemalt. Seitdem ist die Kriminalitätsrate stark zurückgegangen. Kommt es von der Kunst - oder doch von den Überwachungskameras?

Eine Aufnahme vom August 2015: Das Arbeiterviertel "Las Palmitas" in Mexiko wurde bunt angemalt. Seitdem ist die Kriminalitätsrate stark gefallen.
Eine Aufnahme vom August 2015: Das Arbeiterviertel "Las Palmitas" in Mexiko wurde bunt angemalt. Seitdem ist die Kriminalitätsrate...Foto: AFP

Noch vor kurzem galt der Stadtteil Palmitas im mexikanischen Pachuca als gefährlich: In den steilen Straßen etwa 100 Kilometer nordöstlich von Mexiko-Stadt bekämpften sich rivalisierende Jugendbanden, die Gegend war berüchtigt für ihre hohe Kriminalitätsrate. Doch dann malten Street-Art-Künstler mit Hilfe der Einwohner ein riesiges Wandbild auf die Häuser am Hang - und verwandelten das Armenviertel in eine Attraktion. Von weither bilden die Häuserfronten von Palmitas nun eine leuchtende, regenbogenfarbene Welle: Insgesamt erhielten in fünfmonatiger Arbeit fast 20.000 Quadratmeter Mauern und Wände einen bunte Fassade, darunter 202 Häuser von 452 Familien. Etwa 20 Einwohner wurden für das riesige Gemälde angestellt - nach Angaben des Rathauses das größte in ganz Mexiko.

Die Regierung finanzierte das Sozialprojekt mit 280.000 Euro. Und tatsächlich: Das Wandbild des mexikanischen Graffiti-Kollektivs Germen Crew verschönerte nicht nur das Viertel, es senkte auch die Kriminalitätsrate. "Die Verbrechen gingen seit Start des Projektes vor drei Jahren um 35 Prozent zurück", berichtet Ana Estefania García von der Stadtverwaltung. "Mitglieder rivalisierender Banden arbeiteten zusammen und lernten sich dabei kennen." Zwar existierten die Gangs noch immer, doch inzwischen "essen und malen sie zusammen und kommen miteinander aus". Der Anfang war nicht einfach: "Wir mussten die Einwohner überzeugen, dass sie uns ihre Häuser anmalen ließen", erzählt die Stadtplanerin. "Zunächst wurde alles weiß gestrichen, nach dem Motto: Wir fangen ganz neu an. Das war ein Schock für sie." Gleichzeitig räumte die Stadt in den Straßen auf, entsorgte rostige Autowracks, installierte neue Straßenlampen und acht Überwachungskameras.

Und so sieht es von Nahem aus: Die Einwohner musste überzeugt werden, nicht alle wollten ihr Haus bunt anmalen lassen.
Und so sieht es von Nahem aus: Die Einwohner musste überzeugt werden, nicht alle wollten ihr Haus bunt anmalen lassen.Foto: AFP

Dann wurde das Wandbild entwickelt und auf die Häuser übertragen - eine weltweit berühmt gewordene Technik des 1957 verstorbenen mexikanischen Malers Diego Rivera. Graffitikünstler Roberto Robles Jaimez ist vom sozialen Nutzen überzeugt: "Ein Kind sagte mir, dass es wieder mehr Lust auf Schule hat, seit sein Haus gestrichen wurde - weil es glücklicher ist", erzählt der 36-Jährige. "Manche Einwohner boten uns Kleidung und Essen an. Die Leute sind viel offener, nicht mehr so verschlossen." In einer Nachbarstraße kicken Kinder mit einem Ball herum. "Früher erlaubten die Eltern ihnen nicht, nach der Schule auf der Straße zu spielen, aus Angst, sie könnten in Auseinandersetzungen zwischen den Banden geraten. Doch jetzt hat sich das geändert", berichtet Verwalterin García zufrieden. Seit Fertigstellung des Wandbildes gab es weder Beschädigungen noch wilde Graffiti.

Adante López ist trotzdem skeptisch: "Es sind vor allem die Kameras, die die Gewalt senkten. Ein Verbrecher bleibt ein Verbrecher, unabhängig von der Farbe der Wände", glaubt der Anwohner. Doch auch er räumt ein: "Die Farben sorgen für Heiterkeit, und die Leute sind besser drauf". Inzwischen begann Germen Crew mit der Umsetzung anspruchsvollerer Gemälde, sie sollen die Geschichte des Viertels und seiner Einwohner erzählen. "Die Kunst muss zu denen gebracht werden, die keinen Zugang zu ihr haben", erklärt der 24-jährige Künstler Irving Trejo. Dabei malt er weiter fleißig an einem überlebensgroßen Porträt einer alten Bürgerin - auf der Außenwand ihres Hauses. Er nennt es "Hommage an die Weisheit der Alten". Nun will die Stadtverwaltung mit den Einwohnern besprechen, wie der Regenbogen von Pachuca touristisch vermarktet werden kann. Einwohner des Nachbarviertels fragten bereits an, ob so ein Projekt auch bei ihnen möglich wäre. (AFP)

Ein Blick auf das Arbeiterviertel "Las Palmitas" im mexikanischen Pachuca. Noch vor kurzem galt es hier als äußerst gefährlich. Vor drei Jahren wurde damit begonnen, den Stadtteil bunt anzumalen. Nun ziehen Politiker eine positive Bilanz: Die Kriminalitätsrate ist stark zurückgegangen.
Ein Blick auf das Arbeiterviertel "Las Palmitas" im mexikanischen Pachuca. Noch vor kurzem galt es hier als äußerst gefährlich....Foto: AFP
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