Welt : Mezzo voller Glut

Elina Garanca feiert jetzt ihren Durchbruch im Klassikgeschäft – und der Dresdner Opernball ihre Stimme

Christoph Vratz

Berlin - Die Nacht muss großartig gewesen sein. Den Österreicher Maximilian Schell hat sie zu dem gerade für ihn gewagten Lob hingerissen, dieser Opernball in Dresden sei „besser als Wien“. Und wenn einem etwas im Ohr bleibt von diesem glanzvollen Fest, dann ist es eine Stimme. Eine Stimme und die Bravorufe, die ihr galten. Zum zweiten Mal nach 67 Jahren hat die Semperoper am Freitag die Tänzer geladen, zum ersten Mal hat Elina Garanca gesungen. Und hat, so liest man es in der „Sächsischen Zeitung“, ein akustisches Zeichen gesetzt.

Das Klassik-Karussell dreht sich unablässig. Doch zu viele haben auf ihm Platz genommen, als dass die Welt immer noch staunen würde. Erst wenn jemand aufsteigt, dessen Qualitäten wirklich Außerordentliches versprechen, erscheint das Karussell wieder in gleißendem Licht. Nun hat dort die junge Lettin Elina Garanca Platz genommen. Die 30-jährige Mezzosopranistin mit den quellklaren Augen bringt eine Menge mit, um sich längerfristig behaupten zu können: Technik, Handwerk, Atemwerk, Gurgelwerk und eine gehörige Portion Musikalität.

Eine Unbekannte auf dem Klassik-Jahrmarkt ist sie längst nicht mehr; doch erst der Wechsel zu einer neuen Plattenfirma und einer ebensolchen PR-Kampagne machen glauben, hier handele es sich um eine Neuentdeckung. Schon vor vier Jahren sang Garanca in einer hochkarätig besetzten Produktion der Salzburger Festspiele den Annio in Mozarts „La Clemenza di Tito“; vor vier Jahren glänzte sie mit glutvollem Mezzo und viel Ausdruckslust als Adalgisa in Bellinis „Norma“. Jedoch blieb ihr größere Aufmerksamkeit versagt, da just bei dieser Produktion Edita Gruberova ihr Rollendebüt als Titelheldin gab. Im Sommer 2005 brillierte Garanca in Südfrankreich als Dorabella in „Così fan tutte“. Doch Regie führte, erstmals nach langer Abstinenz, Patrice Chéreau, dessen Name immer noch mit dem Bayreuther Jahrhundertring befrachtet ist, und der bei seinem Comeback einen Großteil des Kritiker-Interesses auf sich vereinte. Schließlich 2006: runder Geburtstag, Heirat, neuer Plattenvertrag – ein Siebenmeilenjahr.

Wer aber ist diese Elina Garanca, die oft mit der Russin Anna Netrebko in eine Schublade gesteckt und zum neuen Sternchen am Sänger-Himmel hochgejubelt wird? Aufgewachsen ist sie halb in der Stadt Riga und halb auf dem Land, wo ihre Großeltern lebten. Der Vater verdiente sein Geld als Chorleiter, züchtete Gemüse, erntete Kartoffeln.

Weil die Tochter das Klavier nicht lernen wollte, übernahm ihre Mutter, eine in Lettland bekannte Liedersängerin, die stimmliche Grundlagenarbeit. Ihre „härteste Lehrerin“, sagt Garanca. Durch die Mutter drang sie in Künstlerkreise vor, lernte Schauspieler, Sänger und die High Society kennen. Doch Elina als Opernstar? Nein, sie eiferte Mariah Carey und Whitney Houston nach. Dass ihre künstlerische Heimat nicht das Musical wurde, verhinderten die politischen Verhältnisse. Als die Sowjetunion bröckelte, wäre ein Studium wohl nur in Finnland oder Estland infrage gekommen. Doch die Mutter wollte nicht, dass ihre Tochter so jung in die Ferne zog. Sie blieb und beendete die Schule.

Ihre erste Begegnung mit der Oper? Mit 17 wurde die Leidenschaft geweckt: „Ich legte Sutherlands Platte mit ‚Casta diva‘ auf und sang bei offenem Fenster so laut mit, bis die Nachbarn schrien, ich solle aufhören!“ Was sie zum Glück nicht getan hat. Wer Garanca heute singen hört, erlebt eine wunderbar diskrete Mischung aus Fülle, Dramatik, Glanz und Beweglichkeit. Wie sie sich durch Rossinis Koloraturen perlt, wie sie die Charlotte in Massenets „Werther“ als Liebesleidfigur glaubhaft darstellt, wie sie hell und liquide durch Offenbach schäumt – das überzeugt, dass sie für kommende Aufgaben gewappnet ist, allen voran Bizets „Carmen“, die sie erstmals in diesem Jahr in Lettland singen wird.

Dabei wäre Elina Garanca fast in einem anderen Stimmfach gelandet. 1999 bescheinigte man ihr, auch als dramatische Sopranistin bestehen zu können. Berauscht von der Idee spitzte Garanca ihre Stimme zu und schraubte sie in die Höhe. Dann aber erlebte sie die Sängerin Dolora Zajick in der klassischen Mezzosopran-Rolle der Amneris in Wien – ihrer heutigen Wahlheimat – und war hingerissen. So blieb sie ihrem Fach treu, auch wenn der Mezzosopran meist erst an dritter oder vierter Stelle auf den Opernplakaten erwähnt wird. In Wien hat sie übrigens auch schon auf dem Opernball gesungen.

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