Michael Jackson : Eine Frage der Hautfarbe

Als Jacko weißer wurde, empfanden viele Schwarze das als Verrat. Jetzt gehört er wieder dazu.

Christoph von Marschall[Washington]

Der Tod überwindet die Zweifel und Verletzungen. Als Michael Jackson noch sang und tanzte, waren schwarze Amerikaner nicht immer gut auf ihn zu sprechen. Je heller seine Haut im Zuge seiner Metamorphosen geworden war, desto mehr hatten sie sich verraten gefühlt. Auf sie wirkte es so, als wolle Jackson seine Herkunft aus einer schwarzen Familie und seine künstlerischen Wurzeln in der afroamerikanischen Kultur verleugnen. Doch nun, in den Stunden des Abschieds, trauern die Schwarzen um ihn, als hätten sie eine Leitfigur verloren.

Besonders augenfällig war das, als am Sonntagabend die Verleihung der „Black Entertainment Television Music Awards“ übertragen wurde. Afroamerikanische Künstler zollten Jackson Tribut. „Wir wollen diesen schwarzen Mann feiern“, sagte Gastgeber Jamie Foxx. „Er gehört zu uns. Wir haben ihn mit allen anderen geteilt.“ Im Publikum saß Vater Joe Jackson neben Pfarrer Al Sharpton. Foxx machte den Abend zur Hommage an Jackson. Er trug Kostüme aus dessen Konzerten, ließ die bekannte Inszenierung des „Beat it“-Musikvideos aufleben und imitierte den „Moonwalk“. Michaels Schwester Janet trat im langen weißen Mantel ans Mikrofon, während Kindheitsbilder von gemeinsamen Auftritten der „Jackson 5“ über die Leinwand zogen. Der kleine Michael mit dem Afrolook aus fülligem Kraushaar wurde in den USA jetzt ein „schwarzes Erzengelchen“ genannt.

In schwarzen Kirchen war der Tod des Sängers Predigtthema. „Er war nicht der König der Könige, aber er war der King of Pop und ein Geschenk Gottes“ an die Menschheit, sagte, zum Beispiel, Carolyn Herron in der First African Methodist Episcopal Church in Los Angeles. Anderswo hieß es, Jackson habe dieselbe ikonografische Bedeutung für das afroamerikanische Selbstbewusstsein in der Musik wie der Basketballer Michael Jordan im Sport und Barack Obama in der Politik.

Der Pfarrer und Bürgerrechtler Jesse Jackson – er fungiert, obwohl nicht verwandt, derzeit als Sprecher der Familie des Popidols – vereinnahmt den Sänger gar für die schwarze Emanzipationsbewegung. Wie der Boxer Muhammad Ali oder die Tänzerin Josephine Baker habe Michael Jackson die Berufs- und Erfolgsmöglichkeiten Schwarzer neu definiert.

In den Jahren der Solokarriere Michael Jacksons war das Verhältnis der Schwarzen zu ihm ambivalent gewesen. Er hatte sich mehrfach operieren lassen, um typische Merkmale wie die breite Nase oder die dunkle Haut abzulegen. Das führte zu einer Entfremdung. Als er beschuldigt wurde, Kinder belästigt zu haben, erfuhr er jedoch viel Solidarität von Afroamerikanern. Die Ermittlungen wurden, ähnlich wie bei der Mordanklage des Football-Stars O. J. Simpson, als rassistischer Versuch des „weißen Systems“ interpretiert, einen erfolgreichen Schwarzen zu stürzen. Jacksons Song „Black or White“ erklärt die Hautfarbe für irrelevant. Jahrelang haderten Schwarze mit der Frage, warum er dennoch seine Haut aufhellte. Er wird sie nicht mehr beantworten, aber mit seinem Tod verliert sie an Gewicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben