Michael Palin : "Diese Kamelniere war ein Graus"

Kofferpacken, exotische Gerichte, Reiseapotheke – damit kennt sich Michael Palin aus. Und für gefährliche Situationen rät er Urlaubern: Machen Sie einen guten Witz!

von und Interview: Andreas Austilat

Mr. Palin, Sie sind für die BBC um die Welt gereist, zu Nord- und Südpol, durch die Sahara und in den Himalaya. Wissen Sie, in wie vielen Ländern Sie waren?



Es dürften 95 sein. Da den Überblick zu behalten, ist nicht ganz einfach. Nehmen Sie nur mal die Bundesrepublik und die DDR: Die kann man ja nicht mehr als zwei Länder zählen, schon muss ich eines von meiner Liste streichen.

In Berlin beginnt nächste Woche die Tourismusbörse ITB. Einen größeren Experten als Sie können wir zum Thema Reisen kaum finden. Wenn einer weiß, wie man Koffer packt, dann Sie!

Stimmt. Ich habe meine Tasche in den vergangenen 20 Jahren sehr oft gepackt. Wenn Sie meinen Rat hören wollen: Nehmen Sie keine Sachen mit, von denen Sie nicht sicher sind, dass sie die wirklich brauchen. Vor allem, wenn Sie einen Tag hier sind und den nächsten dort. Ich habe mal zehn Nächte hintereinander an zehn verschiedenen Orten verbracht. Da hilft mir mein fotografisches Gedächtnis. Ich weiß genau: Da ist die Wäsche, da sind die Socken, dort die Hemden, vier blaue, zwei weiße, die finde ich im Schlaf. Nur bei den Medikamenten, da empfehle ich Ihnen, nehmen Sie so viel mit, wie Sie können.

Was muss denn alles rein in die Reiseapotheke?

Ganz egal, ob es für den Magen ist, den Hals, den Kopf, nehmen Sie es mit. Vorher lassen Sie sich gründlich impfen. Und selbst wenn nur eine fünfprozentige Chance besteht, Malaria zu bekommen, nehmen Sie die Prophylaxe!

Hatten Sie denn jemals Malaria?

Zum Glück nicht. Ich war ja gewappnet. Allerdings hatte ich jede Menge Magen-Darm-Probleme. Das bleibt nicht aus, wenn Sie jeden Tag aus einer anderen Küche essen.

Sie sind jetzt Präsident der Royal Geographical Society. Gab es nicht Mitglieder, die es merkwürdig fanden, dass ein Komiker Chef einer Gesellschaft wird, deren Name mit Entdeckern wie David Livingstone oder Robert Scott verbunden wird?

Es hätte mich nicht überrascht, wenn es so gewesen wäre, tatsächlich hat sich niemand daran gestoßen. Sie wollten jemanden haben, der bekannt ist und Geografie attraktiv machen kann, gerade in Schulen. Dafür hielten sie mich wohl für geeignet.

Als Mitglied der Komikertruppe Monty Python haben Sie sich in den 70er Jahren über das Empire und seine Entdecker lustig gemacht.

Damals haben wir alles infrage gestellt. Aber ich sehe es auch nicht als die Aufgabe der Royal Geographical Society an, das Empire zusammenzuhalten. Klimawandel, Pandemien, Bevölkerungsentwicklung: Das sind unsere Fragen für die Zukunft.

Um auf Ihre Reisen zurückzukommen: In Ihrer Dokumentation „Von Pol zu Pol“ sagen Sie in der Episode im Sudan, selten hätten Sie sich so fremd gefühlt.

Ich denke, es lag daran, dass es dort so gar keinen Anknüpfungspunkt zu dem gab, was einem vertraut ist. Die Art der Unterkunft, der Zug, der morgen fährt oder auch übermorgen. Niemand weiß das, einen Fahrplan gibt es nicht. All deine Erfahrungen werden an so einem Ort bedeutungslos.

Fällt es Ihnen schwer, damit umzugehen?

Oh nein, ich mag das Fremde. Für mich bedeutet wahres Reisen, Vertrautes zurückzulassen. Und wenn es mich überkommt, kann ich doch heutzutage fast von überall auf der Welt zu Hause anrufen. Ich habe einmal mitten in Tibet mit meiner Frau gesprochen, als die gerade in der Küche stand. Mobiltelefone haben vieles verändert.

Als Sie vor 20 Jahren mit dem Reisen begonnen haben, war das noch anders.

Ja, aber auch da war ich nicht auf mich allein gestellt. Ich hatte zwei Kameraleute dabei, einen Tonassistenten, einen Regisseur, wir waren zu sechst und bildeten unsere eigene kleine britische Insel, machten unsere Witze. Je schlimmer die Situation, desto mehr neigen Briten dazu, einen Witz darüber zu machen.

Über den dann alle Briten herzlich lachen. Anderswo geht so ein Scherz vielleicht nach hinten los.

Humor ist immer gut. Das nimmt die Spannung. Selbst in den gefährlichsten Momenten solltest du noch versuchen zu lächeln. Wenn keiner mehr lächelt, dann wird es wirklich ernst.

Dann machen Sie einen Monty-Python-Scherz?

Die meisten Leute mögen es, wenn man irgendeine Form von Inkompetenz demonstriert. Wenn Sie mit Kindern Ball spielen und danebenhauen. In Tibet wollte unser Tonmann mit seinem Mikro die Halsglocke von einem Yak aufnehmen. Das blieb aber nicht stehen, und er musste hinterherrennen. Sie hätten mal sehen sollen, wie herzlich die Tibeter und wir miteinander gelacht haben. Gemeinsam lachen und gemeinsam essen, das ist wichtig, vor allem, wenn man die Sprache nicht beherrscht.

Kommt es eigentlich vor, dass mal jemand sagt, hey, das ist doch Ken aus „Ein Fisch namens Wanda“?

Dort, wo wir hinkommen, selten. Ich erinnere mich an eine Begegnung auf einem sehr abgelegenen Eiland zwischen Russland und Alaska. Wir wollten gerade gehen, da beugt sich einer der älteren Inuit zu mir und guckt ganz ernst. Ich dachte, jetzt kommt irgendeine Abschiedszeremonie, dass wir die Nasen aneinander reiben müssten oder so. Er sagte nur: Verzeihung, sind Sie nicht der Kerl aus „Die Ritter der Kokosnuss“?

Sie sagten gerade, miteinander zu lachen sei ebenso wichtig wie zusammen zu essen.

Unbedingt. Vor allem, wenn Sie keine Ahnung haben, wann es wieder etwas gibt.

Dann trinken Sie auch Bier mit Spucke.

Sie meinen diese Geschichte in Peru. Das war Palmwein auf einem Dorffest im Quellgebiet des Amazonas. Eine alte Dame reichte mir eine hölzerne Schale. Ich habe ein wenig daraus getrunken, es erinnerte an Joghurt, dicklich, süß, mit einer leicht sauren Note. Ich fragte meinen Führer, was das sei. Palmwein, sagte er. In vielen Dörfern würden sie die halbe Zuckerernte verwenden, um diesen Wein zu fermentieren. Und wo sie keinen Zucker haben, nehmen sie ihre Spucke. Oh, sagte ich, gibt es in diesem Dorf Zucker? Ich hörte, wie mein Dolmetscher mit den Frauen diskutierte, und dann schüttelten sie alle ihre Köpfe. Na ja, es gab Schlimmeres.

Sie machen uns neugierig.

In Algerien haben wir mal ein Lager der Sahauri besucht, Flüchtlinge aus ehemals Spanisch-Sahara, das heute von Marokko beansprucht wird. Sie leben dort schon seit 25 Jahren und haben wenig Hoffnung, dass sich ihre Lage jemals bessert – einer der traurigsten Orte, den ich je besuchte.

Und was hat man Ihnen Furchtbares serviert?

Wir wurden mit Kamelfleisch bewirtet, das Wertvollste, was es dort gibt. Jeden Tag kriegten wir die besten Stücke, das war beschämend. Irgendwann war das Fleisch alle. Darauf bot mir die Frau Kamelnieren an. Ich wagte es nicht, sie zurückzuweisen. Doch schon beim ersten Bissen spürte ich, diese Niere hat ihr Haltbarkeitsdatum überschritten.

Zum Glück hatten Sie Ihre Reiseapotheke.

Die nächsten 24 Stunden ging es mir verdammt schlecht. Leider begleiteten wir einen Konvoi der Sahauris, der wegen mir ziemlich oft stoppen musste. Und dann interviewte ich auch noch den Kommandanten. Ich stellte meine Fragen, ging weg, übergab mich, kam wieder, um ihn weiter zu interviewen. So ging das eine Weile. Ich habe wirklich schon eine Menge eigenartiges Zeug gegessen, Insekten, was weiß ich, wenn sie vernünftig zubereitet sind, mit einer guten Sauce, alles kein Problem. Diese Kamelniere war ein Graus.

Kann es sein, dass Sie manchmal zu höflich sind?

Das Wichtigste für meine Reisereportagen ist doch, dass ich mit den Leuten in Kontakt komme. Also bleibt mir gar nichts anderes übrig, als so nett und so offen wie möglich zu sein.

Hatten Sie nie das Gefühl, dass Sie in eine Situation geraten sind, die Sie besser hätten meiden sollen?

Oh sicher, ein paar Mal. Im Sudan hat ein Mann einmal sehr verärgert auf unsere Dreharbeiten reagiert und uns beschimpft. Dann waren es zwei oder drei, plötzlich 20, die uns als ihre Feinde ansahen. Wir konnten das auf die Schnelle nicht erklären. Wir konnten nur flüchten, zum Glück war der Fahrer geistesgegenwärtig genug, den Wagen bereit zu haben. Ein anderes Mal sind wir mit einem russischen Hubschrauber zu nordsibirischen Nomaden geflogen. Der Helikopter sah sehr alt aus. Und er klang auch so. Meistens bin ich Optimist, doch in solchen Situationen frage ich mich schon manchmal: Was tue ich hier gerade?

Und, haben Sie die Frage für sich beantwortet?

Ich bin nun einmal neugierig und überzeugt davon, eine Welt, die wir kennen, ist sicherer als eine, in der jeder für sich bleibt. Es passte mir sehr gut, als mir die BBC dieses Angebot machte, wie Jules Verne in 80 Tagen um die Welt zu reisen. Damit fing es an. Für die Fortsetzung schlug ich vor, nach Brasilien zu fahren und dort sechs Folgen zu machen. Aber die wollten mich immer in Bewegung sehen. Nun, ich bedaure nichts, auch wenn das Konzept nicht überall funktioniert.

Wo sind Sie gescheitert?

Wenn Sie die Wüste durchqueren oder die Antarktis, ist das einfach. Sie beschreiben das Terrain, das ist sensationell genug. Es gibt dort außerdem nicht viel Leben. In Europa ist das anders. Sie reisen durch Albanien, Mazedonien, die baltischen Staaten, alle haben eine Riesengeschichte zu erzählen. Doch Sie können gar nicht zuhören, weil Sie ja weitermüssen. Das ist ein Problem.

Bruce Chatwin, auch ein großer Reisender, sagte einmal, er sei auf der Suche nach sich selbst.

Ich fürchte, für mich gilt das nicht. Ich habe einfach Spaß daran, die Welt zu sehen. Aber ich bin mir dessen bewusst, dass das eine große Herausforderung ist. Denn mein Job ist es, meine Erlebnisse möglichst genau zu dokumentieren. Sie liegen nach einem sehr langen Tag da und haben alles aufzuschreiben, während Sie gleichzeitig denken, oh Mann, morgen, das wird wieder ein schwieriger Tag. Ich hatte so etwas ja nie vorher getan.

War das ein Kindheitstraum von Ihnen: einmal wie Livingstone am Sambesi stehen?

Ich war schon als kleiner Junge von Berichten über fremde Länder fasziniert. Insofern war es das vielleicht. Sonst hätte ich Nein gesagt, schließlich war ich Schauspieler, als die BBC mich 1987 fragte. Ich habe meine eigenen Filme gedreht, und es lief ganz gut.

„Das Leben des Brian“ soll doch beinahe nicht produziert worden sein.

Das war Ende der 70er. Der Film war geschrieben, die Kulissen gemietet, als die EMI ausstieg, weil sie plötzlich meinten, „Brian“ würde religiöse Gefühle verletzen. Da sprang George ein und gab eine Menge Geld.

Sie meinen George Harrison von den Beatles!

Ja, wir waren gute Freunde. Er hat dann noch andere Filme von mir finanziert.

Sie sprachen über Kindheitsträume. Wir haben gelesen, Ihre Kindheit war nicht besonders harmonisch.

Meine Mutter war großartig. Mein Vater war ziemlich aufbrausend. Das war damals, kurz nach dem Krieg, keine leichte Zeit, wir hatten nicht viel Geld. Bücher von Abenteuern in der Wüste Gobi und verschollenen Inkastädten, die halfen einem da raus aus einem grauen Tag in Sheffield.

Ist es eigentlich wahr, dass Ihr Vater das Vorbild für Ken in „Ein Fisch namens Wanda“ war?

Wahr ist, dass mein Vater gestottert hat. John Cleese wusste das, er sagte, er wolle sich nicht auf Kosten der Stotterer lustig machen, aber eine der Figuren würde nun einmal stottern und er wüsste gern von mir, wie das ist. Ich habe es ihm erzählt, und er fand, ich sollte die Rolle spielen.

Das war nicht Ihre einzige Rolle, in der Sie einen Sprachfehler spielten. Pontius Pilatus ging es ähnlich in „Das Leben des Brian“. Wollten Sie sich an Ihrem Vater rächen?

Nein, das war keine Absicht. Ich glaube sogar, ich hätte das nicht so gespielt, wenn er noch gelebt hätte. Wobei wir in der Familie nie darüber geredet haben, warum er stottert, und wann es angefangen hat. Nachdem ich Ken gespielt hatte, erzählte mir eine Sprachtherapeutin, dass sie ein Zentrum für stotternde Kinder gründen würde. Sie fragte mich, ob sie es nach mir benennen dürfe. Ich habe zugestimmt, das Center, das ich noch heute unterstütze, ist die einzige Einrichtung, die meinen Namen trägt. Und es hat das Leben von so vielen Kindern verändert, dass ich das Gefühl habe, wenigstens auf Umwegen etwas für meinen Vater getan zu haben.

Sind Sie als Kind jemals verreist?

Jedes Jahr haben wir die Sommerferien in East Anglia verbracht, in Suffolk. Mit zehn bin ich mal mit dem Zug nach London gefahren, das fand ich sehr exotisch. Ich glaube, ich war 19, als ich das erste Mal England verlassen habe. Aber ich habe gute Erinnerungen an die Urlaube in Suffolk. Immerhin habe ich dort vor 50 Jahren meine Frau kennengelernt. Ich war mit meinen Eltern dort und sie mit ihrem Onkel. Wir haben uns dann ein Jahr nicht gesehen, bis zu den nächsten Sommerferien. Im dritten Jahr war sie nicht da, ich dachte, mein Herz bricht. Als wir uns dann später wiederfanden, glaubten wir, das wäre Schicksal. 1966 haben wir geheiratet und sind immer noch zusammen.

Verreisen Sie auch zusammen oder bleiben Sie lieber zu Hause, weil Sie oft genug weg sind?

Nein, wir verreisen gern. Wobei meine Frau nicht so der Typ des Abenteurers ist.

Sie könnten ihr sagen, wo es am schönsten ist.

Ich habe schon versucht, sie zu überreden, mit mir nach Australien oder nach Neuseeland zu fahren. Doch sie will nicht 17, 18 Stunden im Flugzeug sitzen. Das kann ich gut verstehen. Ich könnte wahrscheinlich eine Woche in einem Bahnhofscafé verbringen, aber in einem Flughafen? Dort wirken die Leute immer ein bisschen verloren. Das Theater mit den Bordkarten, die Sicherheitskontrollen, das macht einen doch konfus. Wie schön kann es da in einem Bahnhof sein. Der liegt meist mitten in der Stadt und ganz normale Leute laufen um einen rum. Ich liebe Bahnfahren.

Sie wohnen seit langem in London, immer im selben Haus – ungewöhnlich für einen Globetrotter.

Ja, seit 41 Jahren. Ich habe meine Familie dort, meine Freunde. Und London ist eine Stadt, in der kann man sich einfach nicht langweilen. Ich glaube, die Bruce Chatwins dieser Welt reisen, um vor irgendetwas zu fliehen. Ich habe diese Seite in mir, die will raus, ab und zu mal weg von allem Britischen. Aber ich mag es, nach Hause zu kommen. Ich glaube, wegzugehen hilft mir, mein Zuhause noch mehr schätzen zu lernen.

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