Welt : Migräne ist auch Männersache

In seltenen Fällen kommen die Kopfschmerz-Attacken mit der sexuellen Erregung

Adelheid Müller-Lissner

Meist leiden Frauen unter Migräne: Drei Viertel aller Opfer der attackenartig auftretenden, meist halbseitigen Kopfschmerzen gehören zum weiblichen Geschlecht. Dafür gibt es biologische Gründe: Studien haben gezeigt, dass sie an den ersten beiden Tagen ihrer Monatsblutung doppelt so oft unter den Anfällen leiden. Schuld sind Schwankungen des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen. Doch anders als das Klischee es will, sind es nicht nur Damen, die sich mit Migräne in ihr verdunkeltes Boudoir zurückziehen. Eines von vier Opfern ist ein Mann. „Migräne wird oft verkannt, man denkt dann zum Beispiel eher an Veränderungen der Halswirbelsäule und geht zum Orthopäden“, sagt Achim Frese, Neurologe und Migräne- Forscher an der Uni Münster.

Eine kleine Minderheit der für Migräne anfälligen Männer bekommt irgendwann im Leben auch noch eine andere, sehr unangenehme Form von Kopfschmerzen zu spüren: Vom Sexualkopfschmerz, mit dem einer von hundert Erwachsenen einmal Bekanntschaft schließt, sind Männer drei- bis viermal häufiger geplagt als Frauen – Migräne-Patienten sind darunter überdurchschnittlich häufig vertreten. Die meisten trifft die „explosive“ Form: Mit dem Orgasmus setzen plötzlich heftige Kopfschmerzen ein, manchmal wie bei der Migräne von Übelkeit und Schwindel begleitet. Besonders oft sind junge Männer um die 25 und dann wieder 50-Jährige betroffen. Seltener ist ein dumpfer Schmerz in Hinterkopf und Nacken, der schon früher beginnt und mit der Erregung zunimmt.

Wenn Sex der Auslöser für eine echte Migräne ist, unterscheiden sich die Symptome von denen des Sexualkopfschmerzes: „Die Symptome setzen dann langsamer ein“, erklärt Frese. Vor allem der heftige Schmerz der explosiven Form macht Angst. Beim ersten Auftreten ist es sinnvoll, eine – sehr seltene – Hirnblutung vom Arzt ausschließen zu lassen, sagt Frese. Meist bleibt der heftige Kopfschmerz beim Sex aber eine Episode, die man bald wieder vergessen kann.

Die Neurologen von der Uni Münster, die sich seit einigen Jahren mit dieser speziellen Form von Kopfschmerz beschäftigen, haben inzwischen Hinweise darauf, dass sie auf Störungen der komplizierten Regulationsmechanismen im Gehirn zurückgeht. Dort wird dann auf (positiven) Stress, situationsbedingten Anstieg des Blutdrucks und die Erweiterung der Gefäße nicht mehr angemessen reagiert.

Bei der „klassischen“ Migräne studiert man solche Abläufe schon länger. Damit es zur Migräne kommt, muss nach heutigen Erkenntnissen eine erbliche Bereitschaft vorhanden sein. Sie sorgt dafür, dass man auf innere und äußere Reize besonders empfindlich reagiert. Schon ein Glas zuviel oder eine Änderung des Schlaf-Wach-Rhythmus bei langem Ausschlafen können zu einem Anfall führen. Dann wird der große Gesichtsnerv einseitig aktiviert. Das führt zur Ausschüttung von Botenstoffen, die eine Erweiterung der Blutgefäße bewirken. Die Erregung wird an die Hirnrinde als Schmerz weitergeleitet. Kommt eine sogenannte „Aura“ hinzu, leidet der Betroffene zusätzlich an Ausfällen wie Seh- oder Sprachstörungen. Dann hilft oft nur der Rückzug in einen dunklen, ruhigen Raum.

Nicht den völligen Rückzug, sondern die Entdeckung der Langsamkeit, empfehlen Experten Menschen, die im Zusammenhang mit der „schönsten Sache der Welt“ von Kopfschmerz geplagt werden. Wichtig scheint zu sein, dass der Blutdruck nicht schlagartig ansteigt. „Ein passiveres Verhalten beim Sex hilft in etwa der Hälfte der Fälle“, sagt Frese. Als „Pille davor“ gezielt eingesetzt, können auch Medikamente helfen. Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, deren Präsident Stefan Evers die Münsteraner Arbeitsgruppe leitet, bereitet derzeit Therapieempfehlungen dafür vor.

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