Welt : "Mike und Jane": Fortpflanzung folgt

Ulrich Rüdenauer

Wie kompliziert das ist mit der Liebe! Wo sie hinfällt, setzt der Verstand kurzzeitig aus und der Gefühlshaushalt wirbelt kräftig durcheinander. Mike und Jane fallen in dieser Hinsicht nicht weit vom Stamm, ganz im Gegenteil: "Mike liegt unter dem Baum. Jane liebt Mike. Sie liegt daneben." Voilà. Aber knapp "daneben" ist halt auch vorbei, und wer daneben liegt, muss für den Spott nicht sorgen. Man ahnt schnell: Es handelt sich bei dieser Ausgangskonstellation nicht nur um eine lokale Beschreibung, sondern mindestens auch um eine emotionale, sagen wir: eine mentale.

Jane hat es nicht leicht mit ihrem Mike, denn dass Kommunikation gelingt, ist auch bei Liebespaaren eher unwahrscheinlich. Weil der Mensch paradiesische Zustände kaum lange aushält und das Körperglück sich auf die Dauer nur schwer gegen Bedenken wehren kann, braucht es nur wenige Sätze zu Irritation oder gar Missmut. Denn: "Das Denken ist der Liebe oft im Weg, sagt Jane." Und recht hat sie. Aber abschalten lässt sich das Denken nicht.

Mike und Jane spielen alle Szenen einer Liebe durch. 98, nein, 99 Mal, denn auf dem Umschlag des Buches, als Abspann sozusagen, treiben die beiden es sogar noch weiter: "Fortpflanzung folgt". Und wir wissen, Mike und Jane zelebrieren ihre Paarprobleme in allen Variationen nicht umsonst: Sie sind Spielfiguren, die umher geschoben und uns zur Anschauung vorgeführt werden. Wie heißt das Motto, das Wilhelm Busch stiftet, so schön: "Ach der Beispiele wie diese liegen viele in der Wiese." Birgit Kempker schreibt so auf ihre Weise 99 Fragmente einer Sprache der Liebe. Sie lässt kaum eine unberechenbare Formel im Feld der Beziehungsökonomien aus.

Die mit avantgardistischem Impetus arbeitende Autorin hat die Beziehungswirren mathematisch genau aufgedröselt. Witzig oft, zugespitzt und ohne Lösungsheft: mit festen Größen - die ersten drei Sätze wiederholen sich auf jeder Seite; mit Variablen - Eifersucht, Lust, Erwartungen, Bekenntnisse, Obszönität, Betrug und Geheimnisse, Andeutungen und Verrücktheiten, die sich fortwährend ins Beziehungsgeflecht einschleichen.

So liegen Mike und Jane nebeneinander, reden und schreien, weinen und lachen, ziehen sich aus und schämen sich, lieben und betrachten sich, kalauern und philosophieren. Und immer könnte alles ganz anders sein und immer ähnlich. Kempker gestaltet ihre 99 Mikroepisoden aus der Beziehungskiste als potenziell unendliche Serie über das Ausbalancieren von Ich und Du - abstrakt und intim zugleich ist das gehalten. Ganz anders als bei jenem Buch, das der Autorin vermutlich mehr Aufsehen einbrachte als ihr lieb war: "Als ich das erste Mal mit einem Jungen im Bett lag" hieß dieses 1998 in kleiner Auflage erschienene und zunächst kaum beachtete Werk. Dann aber erkannte der besagte Junge, nun ein erwachsener Mann und real existierend, sich im Text wieder, was ihm vor allem deshalb missfiel, weil sein echter Name über 300 Mal in der Fiktion der Autorin auftauchte. Das Gericht erkannte die Persönlichkeitsrechte des Mannes verletzt, das Buch durfte nicht länger vertrieben werden.

Hier prallte ein sprachspielerischer, Authentizität leugnender Ansatz mit der wirklichen Wirklichkeit zusammen. In "Mike und Jane" kann jeder sich wiedererkennen. Ein Fall für den Kadi ist das schöne poetische Liebesexperiment dementsprechend nicht, denn "Namen und Ort der Handlung(en)", heißt es in der Verlagsankündigung, "sind wohlweislich sehr allgemein gehalten."

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