Milliardenbetrüger : Der neue Madoff heißt Stanford

US-Behörden sind weiterem Betrüger auf der Spur.

Corinna Visser
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Der Skandal um den Milliardenbetrüger Bernard Madoff ist noch nicht aufgeklärt, da bangen erneut tausende Anleger um ihr Geld. Die US-Börsenaufsicht SEC ist einem zweiten Milliardenbetrug auf der Spur, in dessen Zentrum Robert Allen Stanford steht. Tagelang war der sonst gar nicht öffentlichkeitsscheue texanische Banker untergetaucht. Am Donnerstag spürte die Bundespolizei FBI ihn im Bundesstaat Virginia auf. Die Beamten übergaben Stanford die gegen ihn erhobene Zivilklage – und zogen zur Verblüffung vieler Beobachter wieder ab. Einen Haftbefehl gegen den 58-Jährigen hatten sie nicht dabei. Noch lägen keine strafrechtlichen Vorwürfe gegen Stanford vor, teilten die Behörden mit.

Die SEC wirft dem Banker und drei seiner Unternehmen vor, ein betrügerisches, mehrere Milliarden schweres Investmentsystem aufgebaut zu haben. Dabei soll Stanford die Investoren mit weit überhöhten Renditeversprechen geködert haben. Insgesamt soll er Anleger auf der ganzen Welt um acht Milliarden Dollar (6,3 Milliarden Euro) geprellt haben.

Stanfords Unternehmen unterhalten Niederlassungen in Nord- und Lateinamerika, in Europa und der Karibik. Auf der Urlaubsinsel Antigua sitzt die Stanford International Bank (SIB). Daneben besitzt der Milliardär die Börsenmaklerfirma Stanford Group Company (SGC) und die Investmentberatung Stanford Capital Management.

Am Donnerstag reichten amerikanische Anwälte in Texas eine Sammelklage von Kunden der SIB bei Gericht ein. Tage zuvor war in den USA bereits das Vermögen von Stanford, seinen Banken und zwei seiner Manager eingefroren worden. Die Behörden versuchen außerdem, an sein Auslandsvermögen zu kommen. Das ist jedoch schwierig. Die Finanzgruppe ist weit verzweigt. 1932 gegründet, hat das Familienunternehmen heute nach eigenen Angaben 50 000 Kunden in mehr als 130 Ländern und verwaltet ein Vermögen von 50 Milliarden Dollar.

Für große Aufregung sorgt der mutmaßliche Milliardenbetrug vor allem in Lateinamerika und der Karibik. Denn dort war Stanford sehr erfolgreich. Auf Antigua, in Mexiko und anderswo bildeten sich vor den Filialen der Stanford- Banken lange Schlangen von verzweifelten Menschen, die darauf warteten, ihr Geld abheben zu können. Venezuela verstaatlichte am Donnerstag die Niederlassung der Stanford Bank. In Ecuador und Peru wurden die Stanford-Banken vom Börsenhandel ausgeschlossen. In Peru ermitteln die Behörden wegen des Verdachts auf Geldwäsche gegen eine Stanford-Tochterfirma. Der Vertreter von Stanford in Kolumbien willigte auf Drängen der dortigen Aufsicht ein, seine Börsengeschäfte auszusetzen. In Panama übernahm die Bankenaufsicht die Verwaltung der Stanford-Bank. Inzwischen überprüfen Londoner Ermittler auch eine mögliche Verbindung des mutmaßlichen Anlagebetrügers nach Großbritannien.

Wie US-Medien berichteten, hatten die FBI-Beamten am Donnerstag in einem Haus von Verwandten in Fredericksburg, rund 80 Kilometer südlich von Washington, auf Stanford gewartet, als er mit seiner Freundin im Auto vorfuhr. Zuvor war spekuliert worden, er könnte sich abgesetzt haben. Der Banker verfügt über mehrere Wohnsitze in der Karibik und in Texas. Das US-Magazin Forbes schätzte sein Privatvermögen im vergangenen Jahr auf 2,2 Milliarden Dollar.

Das Steuerparadies Antigua machte Stanford zu einem seiner Hauptstützpunkte. Sein Name ist auf der Insel überall zu sehen – nicht nur auf Bankfilialen, auch auf Sportstadien. Stanford ist leidenschaftlicher Cricketfan. Neben der US- Staatsbürgerschaft besitzt er auch die von Antigua. Dort wurde der schnauzbärtige Stanford sogar zum Ritter geschlagen.

Dabei soll seine Stanford Financial Group auch zu den Opfern von Bernard Madoff gehören. Madoff war im Dezember verhaftet worden und steht seither in seinem New Yorker Luxusapartment unter Hausarrest. Mit seinem Schneeballsystem soll Madoff weltweit Menschen um bis zu 50 Milliarden Dollar gebracht haben. Auch deutsche Anleger sind betroffen: Zwar sind von dem Betrugsfall nach Angaben der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht unmittelbar nur ausländische Fonds betroffen. Das teilte das Bundesfinanzministerium jetzt auf Anfrage eines FDP-Abgeordneten mit. Allerdings haben deutsche Anleger in Fonds investiert, die wiederum Geld bei Madoff anlegten. „Insgesamt sind nach den bisherigen Erkenntnissen rund 153 Millionen Euro über deutsche Investmentfonds in möglicherweise direkt betroffenen Madoff-Fonds investiert“, schreibt das Finanzministerium.

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