Millionär verlost sein Haus : Geld oder Leben

Er besaß Millionen und ein Traumhaus mit Traumblick. Doch der Reichtum brachte ihm keine Freude. So beschloss der Österreicher Karl Rabeder, man könnte damit doch etwas Sinnvolleres machen.

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Hans im Glück?
Hans im Glück?Foto: picture alliance / dpa

Sie stehen draußen, vor der Tür, hinter der sie das Glück vermuten, doch drinnen warten nur Karl Rabeder und 321 Quadratmeter Wohnfläche. Wispernd treten sie vorm Haus von einem Bein aufs andere, müde und steif waren sie aus ihren Autos gestiegen, die nun hintereinander aufgereiht am Straßenrand parken. Ein Fiat aus Salzburg, ein Kia aus Mettmann, ein Ford aus München, ein VW aus Krefeld, Audis, Opels, ein kleiner und ein riesiger Mercedes, Starnberg, Potsdam, Polen, Italien, eine 200 Meter lange Kolonne aus Fortbewegungsmitteln, die für heute ihren Zweck erfüllt haben. Sie haben ihre Insassen an diesem kühlen Julisonntag weggebracht von zu Hause, her nach Tirol, 6410 Telfs bei Innsbruck, in die Franz-Stockmayer-Straße 12. Fluchtfahrzeuge. „Haben Sie Lose gekauft?“, fragen die Leute einander, „wie viele?“

Karl Rabeder, des Millionärseins überdrüssig gewordener Millionär, veranstaltet eine Lotterie mit ihnen, ein Glücksspiel. Er verkauft Lose, 21 999 gibt es, jedes kostet 99 Euro. Der Gewinner bekommt das Haus. Das eingenommene Geld bekommen die Armen.

Für die draußen wartenden Leute wird es Strudel geben und Kaffee, Rabeder hat mit ihnen gerechnet, denn dieser Tag ist der Tag der offenen Tür. Und jetzt macht Rabeder sie endlich auf.

Karl Rabeder, geboren 1962 in Leonding bei Linz, Kind aus einfachem Hause, früh begabt mit unternehmerischem Verstand. Mit sechs Jahren auf den Markt gegangen und Gemüse aus der kleinen Gärtnerei der Großeltern verkauft, später selbst Betreiber dieser Gärtnerei gewesen, die Einkünfte daraus ernährten ihn in seiner Zeit als Mathematik-, Physik- und Chemielehrerstudent, noch später dann Trockenblumen-, Vasen-, Kerzenfabrikant mit bis zu 400 Angestellten in Polen und Ungarn und China. Globalisierungsgewinner, Segelflugzeugsammler. Heute knielange Hose, kurzärmeliges Hemd, große Augen hinter Brillengläsern.

Er führt die erste Besuchertranche gleich hinauf in die zweite Etage, „unten ist eine Einliegerwohnung, haben Sie bitte Verständnis, dass die Tür zubleibt, da ist sowieso nichts zu sehen“, „und nebendran ist der Raum mit der Heizung“, aber hier oben, „schauen Sie, von hier wurde die Firma geführt, die einstige Büroetage, die ist dann irgendwann durch meine einstige Lebensgefährtin zivilisiert worden“, zu sehen ist heute also ein mittlerweile auch schon wieder ehemaliges Kinderzimmer, ein Gästezimmer, ein Dampfbad, eine Trockensauna, der Saunaruhebereich, die Tür zum einzigen übrig gebliebenen Büroraum bleibt zu. Eine Wendeltreppe in die dritte Etage, das Schlafzimmer, die Ankleide, ein Bad, eine Küche. Möbel aus Erlenholz, ein Wasserbett, das große Wohnzimmer mit einer Fensterfront nach Süden, der Blick geht hinunter ins Inntal und hinauf auf die gegenüberliegende Bergkette, Narrenkopf, Sonnkarköpfli, Hocheder, Grieskogel. Ein Blick wie aus einem Adlerhorst. Mittlerweile hat fast jeder Besucher eine Digitalkamera in der Hand.

Nein, Hans war dumm, sagt Karl Rabeder. Er selbst will klug sein und sein Vermögen nicht zum Fenster hinauswerfen, sondern zinslose Darlehen vergeben, damit arme Leute eine Existenz aufbauen können.
Nein, Hans war dumm, sagt Karl Rabeder. Er selbst will klug sein und sein Vermögen nicht zum Fenster hinauswerfen, sondern...Foto: picture alliance / dpa

Das Haus ist ein Traumhaus. Für Rabeder ist es totes Kapital. Er sagt jetzt, „ich bin geistig seit drei Jahren nicht mehr hier.“ Irgendwann einmal muss Rabeder hier gestanden haben, mit diesem Blick auf Berg und Tal, er muss sich gesagt haben, das ist ein großartiger Blick, aber was ist die Aussicht?

Die Aussicht nach der Logik des alten Rabeder wäre gewesen, noch ein Haus für sich bauen zu lassen, noch weiter oben am Hang mit noch mehr Quadratmetern und noch größeren Fenstern. Nach dieser Logik hat sein Leben jahrelang funktioniert. Die Trockenblumenfirma, die immer größer wurde, immer mehr Umsatz machte und immer mehr Gewinn. Später, nach 2004, es hatte sich schon eine Erkenntnis eingeschlichen in Rabeders Kopf, die Firma war verkauft, flog er mit seinen Segelflugzeugen über fremde Kontinente, stellte Segelflugrekorde auf, höher, schneller, weiter, einen nach dem anderen. Er gab sein Geld aus. Das war anfangs so schön und aufregend, wie davor das Geldverdienen anfangs schön und aufregend gewesen war, aber das gute Gefühl nutzte sich genauso schnell ab. Und es wurde durch nichts ersetzt. An der Stelle, wo anfangs das Gefühl gewesen war, war nun ein Loch.

Doch dann machte Rabeder eine Entdeckung. Ihm fiel auf, wenn er von seinen Reisen zurück nach Europa kam, auf die Flughäfen von London-Heathrow oder Frankfurt am Main, dass die Leute dort alle ein Gesicht machten, als wäre gerade eine Katastrophe passiert. Es war aber nie eine Katastrophe passiert. „Die Mundwinkeltiefe“, sagt Rabeder, „Heathrow und Frankfurt streiten sich da um die Nummer eins.“ Er dachte nach. Warum diese Katastrophengesichter? Es waren so viele, es musste sich um etwas Grundsätzliches handeln. Und warum fiel ihm das immer dann auf, wenn er aus Ländern mit Menschen ohne geregelte Arbeit kam, ohne Rentenversicherung, ohne Krankenversicherung, aus armen Ländern? Er sah in den Spiegel. Er sah tiefe Mundwinkel. Die Leute auf den Flughäfen waren seinesgleichen.

Rabeder erkannte, dass er an etwas weit Verbreitetem litt, an einer Zivilisationskrankheit. Wenn er wieder gesund werden wollte, wenn das Loch in ihm wieder mit irgendetwas gefüllt werden sollte, musste er also etwas tun, was den Gepflogenheiten dieser Zivilisation zuwiderlief. Zu diesen Gepflogenheiten gehört die Idee vom permanenten Wachstum. Draußen jedoch, in der Wildnis, in der Natur, gibt es diese Idee nur einmal. Permanent wächst dort nur der Krebs.

Rabeder gefällt dieser Vergleich, er macht ihn oft. Er steht auf dem Balkon, an die Brüstung gelehnt. Die ersten Besucher sind längst wieder fort, er hat mittlerweile zwei weitere Gruppen durch sein Haus geführt, Leute aus Rosenheim, dem Rheingau, Gießen, Bern, die Einliegerwohnung, die einstige Büroetage, die Erlenmöbel, zwei weitere Male hat er die Geschichte seiner Erkenntnis erzählt, und auch diesmal hört ihm ein Dutzend Menschen still und ergriffen zu. Rabeder sagt: „Da war eine Stimme in meinem Kopf, lange schon, und dann hab ich mir gesagt, jetzt musst du auch mal auf die Stimme hören.“

Die Stimme hatte eine Kalkulation aufgemacht. Also, Karl, du hast Geld vermehrt und Besitz angehäuft, froh bist du deswegen nicht geworden. Dann hast du Geld ausgegeben, angehäuft hast du damit Rekorde, auch das hat nichts geändert. Wie wäre es nun, das Anhäufen aufzugeben? Einfach eine Vorsilbe zu streichen? Statt Geld ausgeben Geld geben? Leuten, die es nötig brauchen? Es ist keine originelle Kalkulation gewesen, sie ist so alt wie der Besitz selbst. Es gibt Gebrauchsanweisungen dafür, Bücher, etliche liegen auf Rabeders Kaminsims.

„Der Franziskusweg von La Verna über Gubbio und Assisi bis Rieti: Auf den Spuren des Franz von Assisi“.

„Der buddhistische Weg zum Glück“ des Dalai Lama.

„Unterwegs in die nächste Dimension. Meine Reise zu Heilern und Schamanen“.

„Im Hier und Jetzt zu Hause sein“.

„Die Stimme meines Herzens“.

Eine alte, weltbekannte Kalkulation. Abgeben, irgendetwas Gutes darin finden, glücklich werden. Jedes Kind kennt das, jedem wird das Märchen vom Hans im Glück erzählt, der als Lohn für sieben Jahre Arbeit einen Goldklumpen bekommt, den eintauscht gegen ein Pferd, das Pferd gegen eine Kuh, dann kommt ein Schwein, eine Gans und am Ende hat Hans nur noch zwei Steine, die ihm schließlich in einen Brunnen fallen. „So glücklich wie ich, rief er aus‚ gibt es keinen Menschen unter der Sonne. Mit leichtem Herzen und frei von aller Last ging er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter angekommen war.“

Hans im Glück? Falsch, Karl Rabeder muss hier ganz energisch einhaken. „Ich verteufle Besitz und Geld ja nicht, ich wünsche mir ja nur einen vernünftigen Umgang damit.“ Außerdem ist Hans dumm. Er lässt sich betrügen.

Rabeders Haus und das Grundstück haben laut einem Gutachten einen Wert von mindestens eineinhalb Millionen Euro. Maximal 2 178 000 Euro wird die Lotterie einbringen. Davon werden die Grunderwerbssteuer beglichen, die Grundbucheintragungsgebühr, Notar- und Treuhänderhonorare und Bankgebühren. Falls eine Differenz zu den eineinhalb Millionen übrig bleibt, wird diese an drei Wohltätigkeitsorganisationen gespendet. „Die Behörden haben mir ganz klar gesagt: keinen Gewinn“, sagt Rabeder.

Und mit den eineinhalb Millionen soll Folgendes passieren: Sie gehen an Rabeders im vergangenen Jahr gegründete Organisation Mymicrocredit, über die Kleinunternehmern in Lateinamerika, Asien und Afrika zinslose Darlehen vermittelt werden sollen. Das ist es, was in Rabeders Augen ein vernünftiger Umgang mit Geld ist. Es geht meistens um Beträge zwischen 150 und 300 Euro, die Kleinunternehmer sind Markthändler, Schneider, Garküchenbetreiber.

„Schauen Sie: Wenn ich mir überlege, ein gutes Abendessen mit zwei, drei Leuten, bei denen man so eine Summe quasi verschwendet, also einem Zweck zuführt, aber einem anderen eben auch vorenthält. Das steht einer anderen Sache also nicht mehr zur Verfügung. Und diese andere Sache, das wäre die Existenzsicherung einer ganzen Familie.“

Die Existenzsicherung fremder Familien, das ist es, sagt Rabeder, was ihn heute glücklich macht. Er hat das ein paar Mal schon ausprobiert, er hat armen Leuten etwas Geld gegeben und sie dabei lächeln sehen. Er bemerkte ihren Stolz, als sie ihm das Geld zurückzahlen konnten, sagt er, und er bemerkte seine Mundwinkel dabei. Er unterschied sich plötzlich von den Leuten in Heathrow und Frankfurt. Deshalb soll dieses Traumhaus hier weg und ein anderes in Südfrankreich auch, deshalb gibt es die Segelflugzeuge schon lange nicht mehr, und so kam er auch auf die Idee, eine Lotterie zu machen. „Ich wollte Aufmerksamkeit. Am Ende werde ich die von mindestens 22 000 Leuten gehabt haben.“ Am Ende, das wird der 31. Juli sein. 300 Lose sind noch übrig.

Rabeder hat seine Aufmerksamkeit bekommen. Es gibt eine Werbeagentur, die dafür sorgt, dass die Zeitungen von ihm erfahren. Es gibt drei Webseiten, auf denen alles aufs Ausführlichste beschrieben wird. Es gibt diesen Tag der offenen Tür, an dem am Ende hundert Menschen hinter Rabeder her durch sein Haus gelaufen sein werden. Sie müssen ihn an früher erinnern, Anhänger der Wachstumsidee, die hoffen, 99 Euro Loseinsatz zu einem Haus akkumulieren zu können. Fast jeder von ihnen hat sich die Wahrscheinlichkeit ausgerechnet, mit der das passieren kann. Die Chance steht 1 zu 21 999, die Gewinnwahrscheinlichkeit liegt also bei 0,0045 Prozent je Los. Das ist nicht viel, aber immer noch 600 Mal wahrscheinlicher als ein Sechser im Lotto.

Menschen, die Geld in ein Haus und ein 2700 Quadratmeter großes Grundstück mit vollautomatischer Gartenbewässerung investieren, stehen einem Mann gegenüber, der das für unvernünftig hält. Es ist eine Art Frontalunterricht.

Nicht ganz, sagt Rabeder, es gebe schon auch die, die ihr Los wegen der Mikrokreditsache gekauft haben. Aber eben auch die anderen, die, die wirklich nur das Haus wollen. „Ich nenne sie die Gierigen.“ Aber auch die hören ihm zu, sein Anblick nimmt sie gefangen wie der eines seltenen Tieres. Auch die Wahrscheinlichkeit, so zu sein oder zu werden wie er, ist nicht besonders hoch.

Dass Rabeder so wurde, wie er ist, lag möglicherweise an einigen glücklichen Umständen. Er hat als Unternehmer Dinge herstellen lassen, die vielleicht nicht ganz so sinnlos waren wie kostenpflichtige Telefonwarteschleifen, aber eben auch nicht so sinnvoll wie Brot. „Ich hab früher meine Produkte nicht sehen können, ich kann sie heute nicht sehen“, sagt er. Rabeder hat auch nie viel gearbeitet. „Wir haben nur das Geschäft Winter betrieben. Das Geschäft Valentinstag, Muttertag, was weiß ich, haben wir bewusst ausgelassen.“ Er hatte viel Zeit, er konnte reisen, auf Zivilisationsvergleich gehen. Und er hatte im rechten Moment einen Spiegel zur Hand.

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