Miss-World-Wahl 2015 : Unerwünschte Schönheit

Warum die Kanadierin Anastasia Lin bei der Miss-World-Wahl in China keine Chance hatte: Politisches ist von den Schönheiten nicht erwünscht, vertretene "Werte" sollten wenigstens globaler Mainstream sein.

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Zuviel gesagt: Anastasia Lin, 25-jährige Miss Canada, mischt sich zu gerne in politische Debatten ein - damit ist man als Welt-Schönste nicht tragbar.
Zuviel gesagt: Anastasia Lin, 25-jährige Miss Canada, mischt sich zu gerne in politische Debatten ein - damit ist man als...Foto: Philippe Lopez/AFP

Als am Samstagabend in Sanya auf der südchinesischen Ferieninsel Hainan die neue Miss World 2015 ausgerufen wurde, war längst klar, welcher Name nicht fallen würde: Anastasia Lin. Die chinesischstämmige Kanadierin hatte zwar im Mai den Titel „Miss Kanada“ gewonnen. Doch als sie Ende November über Hongkong nach Hainan reisen wollte, verweigerten ihr die chinesischen Behörden die Einreise. Sie sei eine „Persona non grata“, eine unerwünschte Person, erklärten ihr die Grenzbeamten. Und die Miss World Organisation nahm ihr Foto von der Internetseite. Spätestens in diesem Moment war die Wahl für die 25-Jährige gelaufen.

Aus den 113 verbliebenen Frauen wählten die Juroren dann am Samstag in Sanya die zumindest ihrer Meinung nach Schönste. Am Ende einer dreistündigen Show regnete das Konfetti auf die Spanierin Mireia Lalaguna Royo herab, die sich fortan Miss World 2015 nennen darf. Die Kandidatinnen aus Russland und Indonesien folgten auf den Plätzen zwei und drei, Miss Germany, Albijona Muharremaj aus Feldafing bei München, schaffte es nicht in den Kreis der 20 vermeintlich schönsten Frauen. Immerhin hatte sie ein Visum für China erhalten.

Nun hat es in der Geschichte der Miss-World-Wahlen einige nationale Titelträgerinnen gegeben, die ihre Kandidatur zurückziehen mussten, zumeist weil Nacktfotos von ihnen aufgetaucht waren. Der Grund für Anastasia Lins erzwungene Absenz aber ist neu: Die Kanadierin durfte aus politischen Gründen nicht an den Wahlen in China teilnehmen.

Politisches ist von den Schönheiten nicht erwünscht

Zu offensiv hatte sich Anastasia Lin nach Meinung der Behörden im Vorfeld zu Menschenrechtsverletzungen in China geäußert. Hinzu kommt, dass sie Falun Gong nahesteht, einer in China verbotenen und verfolgten neureligiösen Bewegung, die sich politisch stark gegen die kommunistische Führung Chinas engagiert. Nachdem Lin die Einreise verweigert worden war, lieferte die staatlich kontrollierte Zeitung „Global Times“ in einem Meinungsbeitrag die Begründung nach. Unter der Überschrift „Kanadische Miss-World-Kandidatin irregeleitet durch ihre Werte“ schreibt die chinesische Zeitung: „Sie weiß vielleicht nicht, dass es in globalisierten Zeiten alle Kandidatinnen vermeiden sollten, sich in radikale politische Themen einzumischen.“ Lin müsse nun den Preis dafür zahlen, „sich mit feindlichen Kräften gegen China verbündet zu haben“.

Die britische Miss World Organisation, eine von drei weltweiten Misswahl-Veranstaltern, hält sich trotz zahlreicher Medienanfragen auffällig zurück, wenn es um Anastasia Lin geht. Nach Angaben der zurückgewiesenen Kanadierin haben ihr die Organisatoren angeboten, im nächsten Jahr teilnehmen zu dürfen. Wenn die Veranstaltung in einem anderen Land stattfindet.

Schönste der Welt. Die 23 Jahre alte Spanierin Mireia Lalaguna Royo (M.) wurde in Sanya zur Miss World 2015 gewählt und erhielt von ihrer Vorgängerin Jolene Strauss aus Südafrika die Siegerkrone. Miss Russland Sofia Nikitschuk (l.) and Miss Indonesien Maria Harfanti (r.) kamen auf die Plätze zwei und drei.
Schönste der Welt. Die 23 Jahre alte Spanierin Mireia Lalaguna Royo (M.) wurde in Sanya zur Miss World 2015 gewählt und erhielt...Foto: Johannes Eisele/AFP

Zuletzt hatte die Miss World Organisation, die seit 1951 Kandidatinnen zur schönsten Frau der Welt krönt, die Finalveranstaltung auffallend oft nach China vergeben. Am Samstag fand die Wahl zum siebten Mal innerhalb von 13 Jahren im Reich der Mitte statt. 2003 hat die Miss World Organisation nach Medienangaben 4,8 Millionen Dollar für die Vergabe nach Sanya kassiert.

China nutzt den Wettbewerb gerne für die Imagewerbung

Im Gegenzug nutzen die chinesischen Veranstalter die Wahl der schönsten Frauen als PR-Instrument in eigener Sache. Sechsmal schon warb die Ferieninsel Hainan wie auch jetzt wieder mit Bildern attraktiver Frauen für den Urlaubsort Sanya. Am auffälligsten wurde die Wahl 2012 instrumentalisiert, als die hübscheste Frau der Welt in der Inneren Mongolei gewählt wurde. Die Damen wurden damals buchstäblich in die Wüste Gobi geschickt. Die Veranstaltung diente offensichtlich dazu, das Image der Stadt Ordos aufzuhübschen, die bis dato wegen der vielen leer stehenden Apartmenthäuser vor allem als größte Geisterstadt der Welt Schlagzeilen schrieb. Dass 2012 wie fünf Jahre vorher in China eine Chinesin siegte, führte zumindest in den sozialen Netzwerken zu etwas Unmut.

Die diesjährigen Juroren hätten in Anastasia Lin immerhin eine ethnische Chinesin zur Auswahl haben können. Im Alter von 13 Jahren wanderte sie mit ihrer Mutter nach Kanada aus, ihr Vater lebt immer noch in der Provinz Hunan. Nach Aussagen von Lin ist er nach ihrer Wahl zur Miss Kanada von Sicherheitskräften besucht worden, die ihn aufforderten, seiner Tochter zu verbieten, weiter über Menschenrechtsverletzungen in China zu sprechen.

Doch sie ließ sich nicht einschüchtern. Im Gegenteil, sie bedient auffällig offensiv die Interessen der Medien. Bei ihrem vergeblichen Einreiseversuch nach China waren Agenturfotografen zur Stelle, unmittelbar vor der Miss-World-Wahl trat sie noch in Washington im Nationalen Presseklub der USA auf. Dabei beschrieb sie ein Erlebnis, das zeigen sollte, „wie verrückt“ ihr Leben geworden sei. Demnach habe sich eine Boutique in Kanada geweigert, ihr ein Kleid zu verkaufen, weil der Besitzer einen Brief vom chinesischen Konsulat bekommen habe. „Darin stand: Er solle mir fern bleiben, sonst ...“, berichtete die Schauspielerin.

Kurioserweise heißt ein Sonderpreis der Miss-World-Wahl: „Schönheit zu einem Zweck“. Darin wird jene Miss gekrönt, die sich für bestimmten Zweck besonders engagiert. Natürlich hat Anastasia Lin auch diesen Titel nicht bekommen.

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