Missbrauch : Der gläserne Babysitter

Im Kampf gegen Kindesmissbrauch startete die englische Polizei in vier Regionen des Landes ein Pilotprojekt. Wenn sie ihrem Babysitter nicht trauen, können sich besorgte Eltern bei der Polizei über ihn und eventuelle Vorstrafen informieren. Gegner des Pilotprojektes warnen dagegen vor der Gefahr der Selbstjustiz und Verleumdung.

London  Schutz für Kinder vor Missbrauch oder Gefahr von Selbstjustiz? Im Kampf gegen Kinderschänder können sich Eltern in einigen Teilen von England seit Montag bei der Polizei über Männer informieren, denen sie nicht über den Weg trauen. In einem Pilotprojekt in vier Regionen muss die Polizei besorgten Eltern Auskunft über Menschen geben, die außerhalb anerkannter Einrichtungen wie Schulen oder Vereine direkten und unbeaufsichtigten Kontakt zu ihren Kindern haben. Die Polizei kann die Eltern dann mit Erkenntnissen über frühere Verurteilungen wegen Kindesmissbrauchs ausstatten.

Ein ermordetes Mädchen als Auslöser

Die Eltern dürfen diese Informationen aber nicht mit anderen Menschen aus ihrem Umkreis teilen. Das Pilotprojekt ist auf ein Jahr angelegt. Danach wird über eine mögliche Ausweitung entschieden. Kritiker sehen die Vertraulichkeit der Informationen gefährdet. Auslöser des Pilotprojekts war die Ermordung eines achtjährigen Mädchens durch einen bereits zuvor verurteilten Sexualverbrechers im Jahr 2000.

Immer wieder nagen bei Eltern Zweifel, wem sie ihre Kinder bedenkenlos anvertrauen können. Eine allein erziehende Mutter kennt das Vorleben ihres neuen Freundes nicht, ein Mann bietet privates Fußballtraining an, ein neuer Nachbar drängt sich zum Kinderhüten auf. In den vier Testregionen können sich die Eltern an die Polizei wenden, die die Vergangenheit des Verdächtigten auf mögliche Gefahren für die Kinder durchleuchtet.

Welche Informationen freigegeben werden, bestimmt die Polizei

 Dabei dürfen nur die Eltern die Informationen einfordern, und es muss einen direkter Kontakt zwischen der fraglichen Person und dem Kind bestehen. Nachforschungen über einen kauzigen Mann in der Nachbarschaft, der mit den Kindern aber nichts zu tun hat, sind nicht erlaubt. Die Entscheidung, welche Informationen freigegeben werden, trifft die Polizei.

 Die Eltern müssen sich schriftlich verpflichten, die Erkenntnisse nicht an andere Menschen weiterzugeben. Verstöße gegen die Verschwiegenheistpflicht werden straf- oder zivilrechtlich verfolgt. "Das ist ein großer Schritt nach vorne", zeigte sich Innenministerin Jacqui Smith vom Erfolg des Projekts überzeugt.

Gefahr des Spießrutenlaufs bei Verleumdung

Kritiker sehen dagegen die Gefahr von Selbstjustiz und falschen Verdächtigungen. "Wenig Leute können ein Geheimnis für sich behalten", bezweifelt Kriminologe Mark Williams-Thomas die Wirksamkeit der Verschwiegenheitsklausel. Er zeigte sich skeptisch, dass Eltern ihre Informationen - etwa über einen verurteilten Kinderschänder in der Nachbarschaft - anderen Mütter und Vätern vorenthalten würden.

 Andere Stimmen warnen gar vor einer Gefahr von Selbstjustiz - oder schlicht vor einem falschen Gefühl von Sicherheit, wenn bei der Polizei gegen den Verdächtigten nichts vorliegt. "Die Menschen müssen dann trotzdem weiter wachsam sein, nicht über alle Kinderschänder gibt es Aufzeichnungen bei der Polizei", sagte die Sprecherin der Kinderschutzorganisation NSPCC, Diana Sutton.

 Erleichtert zeigte sich Sara Payne, die Mutter des im Jahr 2000 umgebrachten Mädchens, deren Kampagne das Pilotprojekt ins Rollen gebracht hatte. "Es war ein langer Weg hierher, aber jetzt fühle ich den Wind des Wandels. Aber machen wir uns nichts vor: Es gibt noch eine Menge zu tun." (yr/dpa)


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