Missbrauch : Irlands Schande

Tausende Kinder sollen in Irland von Priestern missbraucht worden sein. Auch in der Familie des Sinn-Fein-Chefs gibt es Missbrauchsvorwürfe. Steht die irische Kirche vor dem Verlust ihrer Macht?

Martin Alioth[Dublin]
315973_0_0acfaaf1.jpg
Foto: Uwe Gerig; Montage: Thomas Mikapicture alliance

Die katholische Kirche in Irland steckt in einer ihrer tiefsten Krisen. Nach dem Skandal um den sexuellen Missbrauch tausender Kinder durch irische Geistliche traten Weihnachten zwei weitere Bischöfe zurück. Eamonn Walsh und Raymond Field, Weihbischöfe der Erzdiözese Dublin, teilten ihre Entscheidung in Christmetten an Heiligabend mit. Gleichzeitig erschüttert ein Fall von Missbrauch in der Familie von Sinn-Fein-Chef Gerry Adams Nordirland.

Was wird den Bischöfen vorgeworfen?

Die Vorwürfe umfassen einen langen Zeitraum und sie sind schwerwiegend. Dass nun ausgerechnet an Heiligabend zwei katholische Weihbischöfe von Dublin zurückgetreten sind, ist die direkte Konsequenz eines umfangreichen Untersuchungsberichts, der Ende November veröffentlicht worden war. Darin wurde die systematische Vertuschung der Verbrechen von insgesamt 46 pädophilen Priestern im Zeitraum 1975 bis 2004 durch das Erzbistum zweifelsfrei nachgewiesen. Mehr als 300 Kinder sollen betroffen sein. Tatsächlich sind aber über hundert pädophile Priester für diesen Zeitraum aktenkundig. Aber die Kommission wollte sich auf diese „Stichprobe“ konzentrieren. Dem Bericht gehe es weniger um das Ausmaß des Skandals als vielmehr um den Umgang der Kirche damit. Das Ausmaß hatte bereits ein Bericht im Mai offengelegt. Demnach sollen Prügel und Missbrauch von Kindern in Einrichtungen der irischen Kirche seit den 30er Jahren an der Tagesordnung gewesen sein.

Belastete Priester wurden vielfach einfach in eine andere Pfarrei versetzt, wobei am neuen Ort niemand dafür sorgte, dass Kinder beschützt wurden. Die staatliche Justiz wurde nicht verständigt; aber wenn sie vom Missbrauch erfuhr, schwieg auch sie in der Regel devot und autoritätsgläubig.

Die mitverantwortlichen Bischöfe mussten vom amtierenden Erzbischof von Dublin, Diarmuid Martin, regelrecht zum Rücktritt gezwungen werden. Er rief führende Geistliche dazu auf, ihr Handeln zu überdenken und Verantwortung zu tragen. „Kriminelles Verhalten“ müsse bestraft werden. „Die Diözese enttäuschte ihre verletzlichsten Mitglieder. Die Erzdiözese enttäuschte bei dem Eingeständnis, was zu tun gewesen wäre.“ 2009 sei für die irischen Katholiken ein „schmerzliches Jahr“ gewesen. Auch die Bischöfe von Limerick, Donal Murray, und von Kildare und Leighlin, James Moriarty mussten zu ihren Rücktritten vor einigen Wochen mehr oder weniger gezwungen werden. Somit bleibt von den fünf amtierenden Bischöfen, die bis 2004 die Erzdiözese Dublin mitverwalteten, nur noch einer übrig: der Bischof von Galway, Martin Drennan. Er weigerte sich über Weihnachten noch einmal ausdrücklich, sein Amt aufzugeben; er habe sich nichts zuschulden kommen lassen, ließ er die Iren wissen.

Missbrauchsopfer forderten den Papst zur Buße in der irischen Kirche auf. Er habe sich bislang „teilnahmslos“ seit der Aufdeckung des Skandals gezeigt, sagte die Vorsitzende des Opfervereins AESCO, Christine Buckley. Auch der irische Premierminister Brian Cowen forderte eine härtere Strafverfolgung, damit die Kirche ihre „moralische Autorität“ wiedergewinnt.

Ein Sprecher des Vatikans wies Kritik zurück, dass Papst Benedikt XVI. in den Weihnachtsansprachen kein Wort über die irische Kirche verloren habe. Der Pontifex werde „eine Menge über die irische Kirche in seinem bevorstehenden Hirtenbrief zu sagen haben“, sagte Federico Lombardi. Das Dokument werde Iren „genug zum Nachdenken“ geben. „Offenkundig sind die Probleme der irischen Kirche sehr ernst, es gibt eine sehr dramatische Lage dort. Dies ist allerdings wirklich nur das besondere Problem eines einzelnen Landes.“ Den Hirtenbrief speziell für Irland hatte der Papst bereits einem Treffen mit Martin vor einigen Tagen angekündigt.

Welche Konsequenzen hat das

für die katholische Kirche in Irland?

Der Zerfall kirchlicher Autorität und Glaubwürdigkeit in Irland dauert nun schon seit 15 Jahren an. Im Zentrum der öffentlichen Empörung stand immer der kirchliche Umgang mit Kindesmissbrauch. Zur Vermeidung von Skandalen habe die Kirche einen Skandal von atemberaubenden Ausmaßen geschaffen, stellte der irische Justizminister bei der Publikation des Untersuchungsberichts fest. Die Vorfälle sind auch deshalb so prekär, weil die katholische Kirche noch immer weite Teile des irischen Schulwesens kontrolliert und auch im irischen Gesundheitssystem eine wichtige Rolle spielt. Diese Schlüsselposition soll nun, so fordern liberale Kräfte, hinterfragt werden. Irische Medien spekulieren seither über eine bevorstehende Neuorganisation der Kirche, die aus historischen Gründen besonders autoritär und klerikal geprägt bleibt.

Welche Hintergründe hat der

Missbrauchsfall in der Familie Adams?

Es ist ein Einzelfall, aber zum einen ein prominenter und zum anderen einer, der in die schwierige Gemengelage der irischen Kirche passt. Liam Adams, der Bruder des Präsidenten der IRA-nahen Sinn-Fein-Partei, stellte sich kurz vor Weihnachten der irischen Polizei. Seine Tochter, die inzwischen Aíne Kerr heißt, hatte ihren Vater schon 1987 – damals noch als Minderjährige – des sexuellen Missbrauchs in den Jahren 1977–85 beschuldigt. Doch aufgrund „äußeren Drucks“ zog sie damals ihre Klage zurück, um sie 2007 wieder zu erneuern. Der Beschuldigte tauchte vor gut einem Jahr nicht zu einem Gerichtstermin auf und blieb seither flüchtig. Erst als sein Bruder, der ehemalige IRA-Kommandant Gerry, ihn öffentlich dazu aufrief, sich zu stellen, tauchte er in der nordwestirischen Stadt Sligo bei der irischen Polizei auf. Doch diese war machtlos, denn die nordirische Polizei hatte es versäumt, einen europäischen Haftbefehl zu beantragen. So bleibt Liam vorläufig auf freiem Fuß, beteuert seine Unschuld und weigert sich laut seinem Anwalt, sich in Nordirland zu stellen. Er würde keinen fairen Prozess erhalten, behauptete sein Anwalt.

Am Sonntag vor Weihnachten gab Gerry, der seit 1987 Kenntnis vom Missbrauch seiner Nichte hatte, dem irischen Rundfunk RTE ein ausführliches Interview. Überraschend enthüllte er dabei, dass sein Vater, Gerry Senior, mehrere seiner Geschwister körperlich, emotional und sexuell missbraucht hatte. Es gibt neun überlebende Geschwister. Der Politiker, der maßgebend am nordirischen Friedensprozess beteiligt war, sagte aus, er sei beim Tod seines Vaters vor vier Jahren dagegen gewesen, dessen Sarg mit der irischen Trikolore zu verhüllen, wie das für ehemalige IRA-Mitglieder üblich ist. Sein Vater, so empfand er es, habe „die Flagge beschmutzt“.

Tatsache bleibt – jenseits dieser Familientragödie – dass die Polizei bis vor kurzem nicht ermitteln durfte. Noch 1995 rief Gerry Adams seine Anhänger auf, bei Kindesmissbrauch und Drogenhandel nicht zur Polizei zu gehen, sondern zum Sozialdienst. Denn die IRA und Sinn Fein lehnten damals die nordirische Polizei aus politischen Gründen grundsätzlich ab. Bisher gibt es weder bei Gerry Senior noch bei Liam irgendeinen Hinweis, dass andere Kinder gefährdet wurden durch das Schweigen der Familie. Aber Liam arbeitete mit Jugendlichen in Westbelfast und im irischen Dundalk. Sein Bruder behauptete, er habe die Verantwortlichen jeweils diskret auf die drohenden Gefahren hingewiesen und habe persönlich verhindert, dass sein Bruder für das irische Parlament kandidierte.

Haben die Fälle etwas miteinander zutun?

Bei allen Unterschieden gibt es zwischen der verantwortungslosen Verschleierung der irischen Kirche und dem Schweigen der Familie Adams Parallelen. Sowohl die Kirche wie auch Sinn Fein und die IRA stellten hermetische Gebilde dar, die sich über dem Landesrecht wähnten. Die Wahrung des selbst erstellten Codex war dabei wichtiger als der Schutz von unschuldigen Kindern. Das muss in besonderem Maße für eine derart prominente Familie wie die Adams gegolten haben, von denen die meisten Familienmitglieder Haftstrafen für IRA-Anschläge abgesessen haben.

Welche Folgen hat das für Gerry Adams

und Sinn Fein?

Ob Gerry Adams politische Konsequenzen aus seiner Loyalität ziehen muss, ist derzeit noch unklar. Aber sein Stern ist ohnehin am sinken. Das schlechte Abschneiden seiner Partei bei den irischen Parlamentswahlen 2007 wird ihm angelastet. Unter seiner Führung beharrte Sinn Fein im vergangenen Oktober auf ihrem Nein zum Lissabonner Vertrag, obwohl klar war, dass die Bürger der Republik Irland den EU-Vertrag im zweiten Versuch deutlich ratifizieren würden. In Nordirland kämpft Sinn Fein ebenfalls mit Glaubwürdigkeitsproblemen, weil ihr wichtigster Koalitionspartner, die einst von Pfarrer Ian Paisley gegründete britisch-protestantische DUP, keine Kompromisse schließt und auf politische Eiszeit setzt. Derweil führen Splittergruppen der IRA das alte Geschäft der Terrororganisation fort und beharren auf ihren „Idealen“. Das Gesicht Sinn Feins ist dabei nicht Adams, sondern sein altgedienter Weggefährte Martin McGuinness, stellvertretender Chefminister Nordirlands. Der ist vor allem dem politischen Alltag viel besser gewachsen. Der Rückzug des britischen Unterhausabgeordneten für Westbelfast Gerry Adams aus der aktiven Politik nach 27 Jahren im Scheinwerferlicht erscheint daher auch ohne diesen neuerlichen Makel nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Der Traum seiner Partei, ihn 2016 als Kandidaten für die irische Staatspräsidentschaft aufzustellen – zum 100. Jahrestag der irischen Osterrebellion – ist aber nun mit diesem Vorfall definitiv geplatzt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben