Missbrauchsfälle : Bischöfe sind in der Pflicht

Die deutschen katholischen Bischöfe kommen am Montag in Freiburg zu ihrer Frühjahrsvollversammlung zusammen. Welche Rolle werden dabei die Missbrauchsfälle an katholischen Schulen spielen?

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Bisher sprachlos: Robert Zollitsch. Nun will sich der oberste deutsche Bischof nach langem Schweigen zum Missbrauchsskandal...Foto: Mike Wolff

Der Skandal um Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen stellt die Glaubwürdigkeit der Kirche infrage wie kaum ein anderer Vorfall. Und doch hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, dazu bisher geschwiegen. Auch die meisten anderen Bischöfe halten sich bedeckt. Dafür verbreitete die hauseigene katholische Nachrichtenagentur die Aussage des Kriminalpsychiaters Hans-Ludwig Kröber von der Berliner Charité: „Es ist geradezu auffällig, wie wenig Fälle von sexuellem Missbrauch es im Bereich der Kirche gibt“ – verglichen mit der Gesamtgesellschaft.

Vom heutigen Montag bis zum Donnerstag treffen sich die Bischöfe der 27 deutschen Diözesen zur Frühjahrsvollversammlung der Bischofskonferenz in Freiburg. Dabei soll das Thema auf den Tisch kommen. Und auch Zollitsch will sich zu Beginn der Tagung nun erstmals öffentlich äußern.

Allerdings ist die Fähigkeit zur Selbstkritik unter den deutschen Bischöfen auch drei Wochen nachdem die Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg bekannt wurden, nicht sehr ausgeprägt. Es herrscht die Haltung vor: Das Problem ist von den Medien aufgebauscht. Die katholische Kirche hat ihre „Hausaufgaben“ gemacht, indem sie 2002 „Leitlinien zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche“ verabschiedete. Anlass zu grundsätzlichen Reformen, was den Zölibat oder die katholische Sexualmoral angeht, sieht keiner.

„Sexueller Missbrauch spielt in der katholischen Kirche kaum eine Rolle. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem“, stellte der Bistumssprecher in Münster klar. Er halte nichts von Bischöfen, die sich zu allen Themen äußern, nur weil ein Thema etwas mit der katholischen Kirche zu tun habe, sagte der Sprecher des Erzbistums Hamburg und verwies auf Ausführungsvorschriften zu den Leitlinien der Bischofskonferenz, die das Hamburger Bistum jetzt erlassen hat. Andere Bistümer haben sich solche Vorschriften bereits 2003 gegeben.

Der Stuttgarter Bischof Gebhard Fürst veröffentlichte am vergangenen Mittwoch einen Brief, in dem er klarstellte, dass sein Bistum zu Unrecht in Verruf geraten sei, besonders viele Verdachtsfälle zu haben. Anlass für sein Schreiben war eine Statistik über die Anzeigen zu sexuellem Missbrauch in den deutschen Diözesen, die das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ abgedruckt hatte. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart führt die Statistik mit 23 Verdachtsfällen seit 2001 an. Dass es so viele sind, sei nicht problematisch, sondern ein „Indiz eines besonders sorgsamen Umgangs mit der Problematik des sexuellen Missbrauchs“, sagte Fürst. Seit 2002 werde jeder Hinweis verfolgt und „akribisch begleitet“ von einer unabhängigen Kommission.

Es gibt aber auch einige Bischöfe, die durchaus Handlungsbedarf innerhalb der Kirche sehen. Sie sitzen in Osnabrück, Essen, Trier und in den ostdeutschen Bistümern. Am weitesten traute sich der Magdeburger Bischof Gerhard Feige aus der Deckung. „Verantwortliche in unserer Kirche haben dem Problem zu lange Zeit nicht die notwendige Aufmerksamkeit zukommen lassen. Hier haben wir Schuld auf uns geladen“, sagte sein Sprecher. „Der Weg, die Vorwürfe zunächst selbst aufklären zu wollen, hat sich als falsch erwiesen.“ Künftig müsse die Kirche in Verdachtsfällen umgehend staatliche Stellen kontaktieren. Auch der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode, der Vorsitzende der Jugendkommission der Bischofskonferenz, räumte Fehler der katholischen Kirche ein und widersprach als Einziger öffentlich Bischof Mixa. Richtig sei, dass die Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten viel sexualisierter geworden sei, sagte Bode im Deutschlandfunk. Allerdings habe auch die Kirche mit ihrer Sexualmoral nicht immer differenziert genug reagiert.

Bei der Frühjahrsvollversammlung der Bischöfe in dieser Woche wird es vermutlich darum gehen, wie die 2002 verabschiedeten Richtlinien konsequenter angewendet werden können. Eine Arbeitsgruppe der Generalvikare in den Diözesen hat dazu Empfehlungen erarbeitet. Sie raten, dass die Bistümer keinen aus der Bistumsleitung zum Missbrauchsbeauftragten ernennen sollen – wie es momentan etwa in der Hälfte der Bistümer der Fall ist –, sondern eine externe Person. Auch sollte sich nicht nur eine einzige Person um die Untersuchung von Verdachtsfällen kümmern, sondern eine feste Kommission. Werde Geld an Opfer gezahlt, müsse sichergestellt sein, dass der Betrag zu Therapiezwecken verwendet werde, um dem Vorwurf zu entgehen, man zahle „Schweigegeld“. Nicht einigen konnten sich die Generalvikare offenbar bei der Frage, ob man künftig bei der Aufklärung der Fälle stärker mit staatlichen Stellen zusammenarbeiten und zum Beispiel auch dann Anzeige erstatten soll, wenn klar ist, dass das Vergehen verjährt ist. Umstritten blieb auch, inwieweit die Öffentlichkeit informiert werden soll.

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