Missbrauchsprozess : Fall Marco W.: Ein Buch wird zum Skandal

Marco W. hat seine Zeit in türkischer Untersuchungshaft schriftlich festgehalten. Der Veröffentlichungstermin stand bereits fest, nur seine Verteidiger wussten bis Mittwoch nichts davon. Ein Anwalt hat daraufhin sein Mandat niedergelegt. Ob Passagen des Buches Marcos Prozess im Nachhinein gefährden könnten, ist unklar.

Marco W.
Schadet er sich selbst? Marco W. hat ein Buch über seine Haft in der Türkei geschrieben. -Foto: dpa

Antalya/UelzenDer wegen sexuellen Missbrauchs einer 13-jährigen Britin angeklagte Marco hat am Mittwoch ein Buch über seinen Leidensweg angekündigt. Es sollte zunächst am 9. Dezember erscheinen. Das Urteil gegen ihn wird allerdings erst im April nächsten Jahres erwartet. Einer seiner zwei deutschen Anwälte hat daraufhin sein Mandat niederlegt.

"Ich habe stets versucht, Schaden von Marco abzuwenden", sagte Matthias Waldraff der in Hannover erscheinenden "Neuen Presse". Mit dem Erscheinen des Buches noch während des laufendes Verfahrens sehe er keine Möglichkeit mehr, in diesem Sinne zu wirken und werde deshalb seine Tätigkeit beenden.

"Ich habe diese Entscheidung für mich getroffen", bestätigte Waldraff. Die Verteidiger hätten zwar gewusst, dass der 18-Jährige aus Uelzen an einem Buch arbeite, nicht aber, dass das Buch bereits Anfang Dezember erscheinen soll. "Meine Überzeugung war es vom ersten Tag an, alles zu tun, damit die Aufgeregtheit eingestellt wird", sagte Waldraff.

Istanbuler Anwalt sieht Prozessgefährdung

Der zweite deutsche Verteidiger, Michael Nagel, bleibt dagegen auf ausdrücklichen Wunsch Marcos, sein Anwalt. Gemeinsam mit den beiden türkischen Anwälten wolle er weiter um Marcos Recht kämpfen, sagte Nagel. Die Motive von Marco seien nachvollziehbar und verstehbar. "Das Schreiben dieses Buches ist für die seelische Verarbeitung des Erlebten sinnvoll und notwendig." Offensichtlich habe Marco aber nicht über daraus entstehende mögliche Konsequenzen zu Ende gedacht. Nagel bezeichnete den jungen Mann als schutzbedürftig und rät ihm von öffentlichen Auftritten bis zur Beendigung des Verfahrens ab.

Der Istanbuler Anwalt von Marco W. hat seinen Mandanten davor gewarnt, in seinem Buch das türkische Gericht zu kritisieren. Eine solche Kritik könne als Versuch zur Beeinflussung eines laufenden Verfahrens ausgelegt werden, was in der Türkei strafbar sei, sagte Anwalt Mehmet Iplikcioglu am Donnerstag. Da er den Inhalt des Buches nicht kenne, könne er sich nicht zur Frage eines möglichen Rücktritts von seinem Mandat äußern, so der Anwalt weiter.

Er selbst habe erst am Mittwoch von dem Buchprojekt des Angeklagten erfahren und sei "überrascht" gewesen, sagte Iplikcioglu. Wenn sich Marco in dem Buch lediglich zu seiner Zeit im Gefängnis äußere, sei dies unbedenklich. Dies ändere sich aber, wenn sich Marco in dem Buch kritisch über das Verfahren vor dem Schwurgericht in Antalya äußere. Sollten sich aus dem Buch Faktoren ergeben, die seine Arbeit als Verteidiger schwächen könnten, werde er über einen Rücktritt nachdenken. "Ich wünschte, er hätte mit uns über das Buch geredet, dann hätten wir ihm Ratschläge geben können", sagte Iplikcioglu.

Türkeiexperte: Buch wird überschätzt

Keine Sorgen um mögliche Auswirkung auf das Strafverfahren in Antalya macht sich Türkeiexperte Dirk Halm . "Die Brisanz des Buches sollte nicht überschätzt werden", sagte der Politologe vom Zentrum für Türkeistudien in Essen am Donnerstag. Die Einmischung deutscher Politiker zu Beginn des Verfahrens habe mehr geschadet.

Da Marco seit einem Jahr wieder in Deutschland ist, drohe ihm von Seiten der türkischen Justiz keinerlei Gefahr mehr. "Das Schlimmste, was ihm bei einer Verurteilung passieren kann ist, dass er nicht mehr in dieses Land einreisen kann", sagte Halm. Auf keinen Fall werde Marco in die Türkei ausgeliefert, noch werde die mögliche Strafe in Deutschland vollstreckt. "Dafür müsste er in Deutschland angeklagt und verurteilt werden", betonte Halm.

Der Nebenklage-Anwalt Ömer Aycan will neue Erkenntnisse, die sich möglicherweise aus dem Buch ergeben, vor Gericht zur Sprache bringen. Aycan vertritt das britische Mädchen Charlotte M., das nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft von Marco in einem Hotel in Antalya sexuell missbraucht wurde.

Staatsanwaltschaft prüft neue Beweisaufnahme

Marco war am 12. April 2007 in seinem türkischen Urlaubshotel festgenommen worden, weil ihn die Mutter von Charlotte angezeigt hatte. Der mittlerweile 18 Jahre alte junge Mann hatte die Vorwürfe stets bestritten und von einvernehmlichen Zärtlichkeiten nach einem Kennenlernen in einer Disco gesprochen.

Der Prozess gegen ihn in Antalya war am Mittwoch auf den 10. April 2009 vertagt worden. "Der Staatsanwaltschaft wurde aufgegeben zu prüfen, ob eine weitere Beweisaufnahme stattfinden soll. Andernfalls sollen am 10. April 2009 die Plädoyers gehalten und das Urteil gesprochen werden", hatten Marcos deutsche Rechtsanwälte daraufhin mitgeteilt.

Der kleine Hamburger Kinderbuchverlag hat den Veröffentlichungstermin für Marcos Buch inzwischen vorverlegt. Bereits an diesem Freitag soll das Buch "Marco W. - meine 247 Tage im türkischen Knast" erscheinen. Angeblich weil das Interesse so hoch sei, meint Verleger Carlos Schumacher. Fragt sich nur, ob das Interesse Marco letztlich schaden könnte. (nal/dpa/ddp/AFP)

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