Missbrauchsskandal : Odenwaldschule: "Das sprengt unsere Vorstellungskraft"

Der Missbrauch an der Odenwaldschule war offenbar schlimmer als bisher bekannt. Die Taten sollen bis weit in die neunziger Jahre angedauert haben. Auch unter Schülern kam es offenbar zu Gewaltorgien. Opfer berichten von grausamen Misshandlungen.

Odenwaldschule
Das "Goethe-Haus" der Odenwaldschule im hessischen Heppenheim. -Foto: ddp

Frankfurt/MainDer Schulleitung liegen nach Informationen der Frankfurter Rundschau inzwischen Berichte von ehemaligen Schülern vor, die grausige Rituale aus der jüngeren Vergangenheit schildern.

Anfang März waren Fälle von sexuellem Missbrauch an der Odenwaldschule im südhessischen Heppenheim bekannt geworden. Diese ereigneten sich in den siebziger und achtziger Jahren. Hauptbeschuldigter ist der bekannte Reformpädagoge Gerold Becker, der die Schule von 1972 bis 1985 leitete.

Nun berichtete die Rektorin Margarita Kaufmann, es hätten sich Missbrauchsopfer gemeldet, die von "furchtbaren Misshandlungen von Schülern an Schülern" berichtet hätten. Dazu habe das Versengen und Verbrühen von Genitalien gehört. Kinder hätten Mitschüler als "Sandsack missbraucht" und vor anderen erniedrigt. Ein ehemaliger Schüler habe die Vorfälle mit der filmischen Gewaltorgie Clockwork Orange (Uhrwerk Orange) von Stanley Kubrick verglichen. "Das sprengt unsere Vorstellungskraft", sagte Kaufmann.

Die Schulleiterin berichtete, dass mehrere Schüler einen Vorfall beschrieben hätten, bei dem ein gefesselter Schüler von Mitschülern sexuell misshandelt worden sei. Der Lehrer soll untätig dabei gestanden haben. Demselben Lehrer werde auch vorgeworfen, an der Odenwaldschule Jungen und Mädchen missbraucht zu haben. Er war bis 1999 an der Schule. Die Schulleiterin sagte dazu: "Ich frage mich, wie das passiert sein kann, ohne dass Lehrer die schrecklichen Schmerzensschreie gehört haben."

Die Schulleitung der Odenwaldschule ging zuletzt von 33 Missbrauchsopfern und acht beschuldigten Lehrern aus. Laut Kaufmann würden nun "mehr als acht Lehrer" von ehemaligen Schülern des Missbrauchs bezichtigt. Die vorläufige Zahl der Opfer liege bei etwa 40. Kaufmann sagte auch, sie habe Hinweise erhalten auf mehrere Selbstmorde ehemaliger Schüler. Der jüngste datiert auf das Jahr 1999. Die Schüler sollen an der Schule missbraucht worden sein.

Alle neuen Misshandlungsfälle fielen in die Zeit, in der Wolfgang Harder Schulleiter war. Dieser behauptet, nicht vor Mitte 1998 von den Anschuldigungen Kenntnis gehabt zu haben. Damals hatten sich zwei Altschüler in einem Brief an die Schulleitung gewandt, von den Missbrauchsfällen berichtet und Aufklärung verlangt.

Nach Informationen der Frankfurter Rundschau wusste das hessische Kultusministerium weitaus früher über den Missbrauch an der Privatschule Bescheid als bislang bekannt. So habe der damalige Kultusminister Hartmut Holzapfel (SPD) bereits seit August 1998 von den Vorwürfen gegen den ehemaligen Rektor der Odenwaldschule, Gerold Becker gewusst. Trotzdem sei dieser bis November 1999 offiziell Berater des Ministeriums gewesen.

Darüber hinaus hat nach einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) ein früherer Lehrer der Schule bereits 2002 die damalige Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer schriftlich über die Missbrauchsfälle informiert. Sie habe den Brief durch eine Mitarbeiterin beantworten lassen. Laut FAS stand in dem Schreiben, es würden Vorwürfe erhoben gegen "eine Person, die Frau Vollmer nicht kennt, und in einer Angelegenheit, die sie in keiner Weise beurteilen kann". Eine Stellungnahme aus der Ferne sei daher nicht angebracht, soll es weiter in dem Schreiben geheißen haben.

Der Hauptbeschuldigte Gerold Becker hat mittlerweile zugegeben, "Annäherungen und Handlungen" begangen zu haben, mit denen er Schüler "sexuell bedrängt" habe.

Die Odenwaldschule zählt zu den bekanntesten Einrichtungen der Reformpädagogik in Deutschland und feiert in diesem Jahr ihr hundertjähriges Bestehen.


 

Quelle: ZEIT ONLINE, dpa

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