Misshandlung : "Die Kleine hat nie das Tageslicht gesehen"

In der schwäbischen Gemeinde Bayersried soll ein siebenjähriges Mädchen seit seiner Geburt von der eigenen Mutter versteckt worden sein. Erst jetzt hat das Kind einen Namen bekommen. Sie heißt Anja.

Gemeinde Bayersried
Gemeinde Ursberg, Ortsteil Bayersried. Eine 45-jährige Bäuerin soll ihr Kind seit dessen Geburt versteckt haben. -Foto: ddp

Ursberg"So wie wir das sehen, hat die Kleine niemals das Tageslicht gesehen". Für den Memminger Kripochef Wolfgang Sauter und seine Kollegen war der Anblick des verlassen wirkenden Bauernhofs in der kleinen schwäbischen Gemeinde Bayersried schockierend. Ein siebenjähriges Mädchen soll dort seit seiner Geburt von der eigenen Mutter versteckt worden sein. Das Zimmer des Mädchens aus Bayersried sei bis obenhin voller Unrat vorgefunden worden, ihr Bett sei auf Anhieb gar nicht zu sehen gewesen, berichtet Sauter.

Für das Mädchen bedeutete das ein Leben im ständigen Halbdunkel, ein kahles großes Fenster, die Rollläden versperrten die Sicht. Was sich über sieben Jahre hinter diesem Fenster zugetragen hat, versuchen die Ermittler nun nach und nach wie ein Puzzle zusammen zu setzen. Eine schwierige Aufgabe, denn die Mutter brach völlig in sich zusammen, als alles bekannt wurde.

Mutter lebte zurückgezogen

Nachbarn aus der 640-Seelen-Gemeinde, einem Ortsteil von Ursberg, der Heimatgemeinde von Ex-Bundesfinanzminister Theo Waigel, stehen vor dem Bauernhof. Eine fünffache Mutter zeigt nach oben, zu diesem inzwischen berüchtigten Fenster und sie weiß, dass wohl hier am 18. Juli 1999 ein Kind zur Welt kam, ohne dass jemand etwas davon mitbekommen hat.

Die Frau erzählt, dass die 46-jährige Mutter sehr zurückgezogen gelebt habe. Sie sei "jedes Mal gleich weg gesprungen, wenn ich die Straße überquert und nur gegrüßt habe." Nachts sei sie dann heraus gekommen zum Unkrautpflücken und zum Straßenkehren. "Ich kenne diese Frau von verschiedenen Amtsgesprächen her", erzählt Bürgermeister Ewald Schmid (CSU). "Niemand von uns hat das geahnt. Sie hat tatsächlich sehr zurück gezogen gelebt, aber es wusste keiner, dass sie ein Kind hat."

"So was kann nur in der Großstadt passieren"

Die meisten Menschen in Bayersried ziehen die Vorhänge zu, wenn sie einen Reporter sehen, sie winken ab, wollen nichts sagen. Einige Mütter machen schließlich dann doch ihrem Unmut Luft. "Die ist doch krank, die hat doch fast nie was gesagt", meint eine junge Frau. Eine andere berichtet davon, was am vergangenen Samstag beim Metzger und Bäcker gesprochen wurde. "Wir sind alle schockiert, dachten immer, so was kann nur in der Großstadt passieren". Doch jetzt ist es bei ihnen geschehen, in der braven bayerisch-schwäbischen Sommeridylle.

Einige junge Burschen im Alter von 12 und 13 Jahren begleiten den Reporter auf ihren Fahrrädern. So nach und nach fangen sie zu erzählen an. Dass ihre Eltern geschockt waren, als die Polizei angerückt ist und das Kind entdeckt hat. Der Hinweis, der zur Hausdurchsuchung führte, kam nicht aus dem Ort, wo niemand etwas gesehen und gehört haben will. Er kam von einer Anruferin aus einer Nachbargemeinde.

Melderechtlich hat Anja bis jetzt nicht existiert

Wie es dem Kind geht, wissen derzeit nur ganz wenige. Der Chef der Memminger Staatsanwaltschaft, Johann Kreuzpointner, verweist auf den Schutz der Persönlichkeit des Kindes, dass deshalb wenig gesagt werden könne. Die kleine Anja, wie sie seit vergangenem Freitag von Amts wegen heißt, sei in einer Klinik. Bis dahin hatte das Mädchen keinen Namen, melderechtlich gab es sie bis jetzt nicht. Die Mutter hat sie offenbar immer nur Schatz oder Schätzle gerufen.

Natürlich, sagt Kreuzpointner, leide das Mädchen unter Entwicklungsverzögerungen. Kleinwüchsig sei sie, Rachitis habe sie wohl auch. Die Mutter ist bei Verwandten untergebracht, um dem Medienrummel aus dem Weg zu gehen. Gegen sie wird wegen Misshandlung Schutzbefohlener und Verletzung der Fürsorgepflicht ermittelt.

Zum Motiv, warum die Frau ihre Tochter so lange versteckt gehalten und nie ins Freie gelassen hat, machen Kripo und Staatsanwaltschaft keine Angaben. Im Dorf aber vermutet man, die Frau habe ihre Tochter weggesperrt, um zu verhindern, dass ihr das Kind weggenommen wird. In dem Haus herrschten verheerende hygienische Zustände. Auch von einem Partner der 46-jährigen ist die Rede. Er soll angeblich immer wieder vorbeikommen und das Vieh versorgen. Niemand aber weiß sicher, ob die Gerüchte zutreffen, dass er der Vater ist und die ganze Zeit über wusste, dass das Kind dort eingesperrt war. Von Klaus Wittmann, ddp