Welt : Missouri betet

Ein Tornado hat die Stadt Joplin fast völlig zerstört – Akten des Krankenhauses wurden 100 Kilometer weit verstreut

Friedemann Diederichs
Kahle Äste ragen in den Himmel. Der Überlebende Tedd Grabenauer läuft in der Nacht fassungslos durch die Stadt, wo der Tornado Häuser vom Boden radiert hat. Foto: dpa
Kahle Äste ragen in den Himmel. Der Überlebende Tedd Grabenauer läuft in der Nacht fassungslos durch die Stadt, wo der Tornado...Foto: dpa

Das Video aus einem Supermarkt der Stadt Joplin im US-Bundesstaat Missouri ist dunkel und verwackelt. Doch es sind nicht die Bilder, sondern die verzweifelten Rufe der Menschen in Todesangst, die einen Eindruck geben von dem, was sich da abspielt. „Jesus, Jesus“, stammelt eine Frau, während eine andere immer wieder fleht: „Oh Herrgott, hilf uns!“ Schreie, Kinderstimmen, Weinen. Dazu gesellt sich ein anschwellendes Donnergrollen – so, als ob ein Güterzug mit Höchsttempo auf das Bauwerk zurasen würde. Wie durch ein Wunder überleben jene, die sich in den begehbaren Kühlschrank des Lebensmittel-Geschäfts geflüchtet haben. „Ich hatte schon mit allem abgeschlossen“, sagt der Mann, der das Video mit seiner Handykamera aufnahm, später im US-Sender CNN.

Mindestens 89 Menschen, so eine vorläufige Bilanz der Rettungskräfte, sind tot. Der Tornado hatte am Sonntagabend gegen 17 Uhr 30 Ortszeit in einer Breite von zehn Kilometern eine Schneise durch den Südwesten Missouris geschlagen, bevor er mitten durch die 49 000 Einwohner zählende Stadt Joplin raste.

Im Morgengrauen wurde das Ausmaß der Zerstörung sichtbar – mit einer Szenerie, die an eine Kriegszone erinnert. Die einzige High School der Stadt stand nach einem Gasleck in Flammen. Ganze Stadtviertel hatte der Tornado vom Boden radiert. Überall loderten Feuerherde. Zertrümmerte Autos lagen auf den Dächern jener Häuser, die standhielten. Feuerwehren und Sanitäter arbeiteten sich langsam Meter um Meter vor, um nach Opfern zu suchen. „Ein Drittel der Stadt ist ausradiert“, sagte Bürgermeister Mike Woolston. Ein großes „X“, von den Rettern in grün oder blau auf zerdrückte Autos oder beschädigte Häuser gemalt, signalisiert: Hier wurde bereits nach Opfern gesucht. Doch in manchen Straßen steht kein Stein mehr auf dem anderen.

Im örtlichen Krankenhaus, dem St. Johns Regional Medical Center, hatten Ärzte und Krankenschwestern nur wenige Minuten Vorwarnzeit, die 180 Patienten in Sicherheit zu bringen. „Die Flure begannen zu vibrieren. Das Heulen wurde immer stärker. Und dann ein gewaltiges Dröhnen und Rumpeln, als ob mehrere Lastwagen direkt durch ein Wohnzimmer rasen würden“, beschrieb eine Angestellte die dramatischen Minuten. Noch in 100 Kilometern Entfernung fanden sich Krankenakten aus dem Hospital wieder – so gewaltig war der „Twister“. Krankenhäuser aus der Umgebung nahmen gestern die St.Johns-Patienten und andere Verletzte auf. Weil es kurz nach dem Durchzug des Tornados keine einsatzfähigen Ambulanzfahrzeuge gab, wurden Verletzte auf der Ladefläche von Pickup-Trucks oder auf Holztüren transportiert.

Die örtliche Zeitung „Joplin Globe“ schildert, wie sich ein junger Mann selbst aus den Trümmern seines Hauses am Empire Boulevard befreien konnte und dann mit bloßen Händen nach seinen Nachbarn grub.

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