Welt : Mit allen Mitteln

Immer mehr Stars versuchen, mit fragwürdigen Skandal-Auftritten ihren Bekanntheitsgrad zu steigern

Andreas Grosse

Ihr entsetzter Gesichtsausdruck war nicht einmal besonders gut gespielt. Überhaupt schien der fremde Griff ans Ledermieder Janet Jacksons, der die amerikanische Öffentlichkeit erregte und von US-Medien in Anspielung an die Watergate-Affäre „Nipplegate“ genannt wird, von geradezu logischer Konsequenz. In dem Lied „Rock Your Body“, das Jackson als Duettpartnerin ihres angeblichen Ex-Lovers Justin Timberlake am vergangenen Sonntag in der Halbzeitshow des Football-Endspiels Super Bowl mitsang, heißt es an einer Stelle: „Am Ende des Songs werde ich dich ausgezogen haben.“ Gemessen daran hielt sich der Grad der Entblößung in Grenzen – Timberlake legte mit einem beherztem Griff die rechte Brust Jacksons frei.

Das reichte. Unzählige Zuschauerbeschwerden gingen bei dem Fernsehsender CBS ein, der seinerseits den mit der Halbzeitshow betrauten Schwestersender MTV verantwortlich machte, der sich wiederum von den beiden Künstlern getäuscht sah. Sowohl die Medienaufsicht FCC als auch CBS selbst leiteten mittlerweile offizielle Untersuchungen des Vorfalls ein. Die für den Eklat verantwortlichen Jackson und Timberlake wanden sich noch Tage später in skurrilen Erklärungen: Zunächst sprach der Sänger von einem „Garderobenfehler“. Später bedauerte Jackson, sie habe nicht so weit gehen wollen. Das wesentlichste Indiz jedoch dafür, dass es sich keineswegs um ein bloßes Missgeschick handelte, war die Tatsache, dass die freigelegte Brustspitze mit einem beim Karneval in Rio üblichen Hängeschmuck verdeckt war. Warum hätte sie ihn tragen sollen, wenn keine Entblößung geplant war?

Tatsächlich also handelt es sich um den Versuch, mit kalkulierter Anstößigkeit Eigenwerbung zu betreiben. Damit folgte Jackson einer nicht ganz neuen Promotionstrategie von Sängerinnen, die insbesondere bei Show-Events wie den alljährlichen MTV-Awards zusehends schrillere Formen annimmt. Beim letzten Mal tauschte Madonna sowohl mit Britney Spears als auch mit Christina Aguilera auf offener Bühne Zungenküsse aus. Es war wie eine Kopie der russischen Mädchenband t.AT.u., die miteinander knutschten und behaupteten, sie seien lesbisch. Allen diesen Vorfällen war stets eines gemein: Sie fanden entweder kurz vor oder kurz nach der Veröffentlichung neuer Platten der jeweiligen Sängerinnen statt. Janet Jacksons neues Album „Damita Jo“ – benannt nach ihren weiteren Vornamen – soll am 29. März erscheinen.

Ob „Nipplegate“ dessen Erfolgsaussichten vergrößert oder schmälert, ist ungewiss. Zunächst hat der Skandal negative Konsequenzen für Jackson: Von der am heutigen Sonntag stattfindenden Verleihung der Grammys, die ebenfalls von CBS übertragen wird – auf Grund des Super-Bowl-Vorfalls allerdings zeitversetzt – , wurde sie kurzerhand ausgeladen. Interessanter noch ist aber die Frage, ob Janet Jackson eine solche Aktion eigentlich nötig hat. Offenbar glaubte sie es jedenfalls. Drei Jahre sind seit ihrem letzten, für ihre Verhältnisse mäßig verkauften Album „All For You“ vergangen, seither tauchte sie nur sporadisch in der Öffentlichkeit auf – und wenn, dann von bösen Schlagzeilen begleitet. Im letzten Jahr erschienen Paparazzi-Fotos in der Boulevardpresse, die eine wohlgenährte Janet Jackson zeigten. Dazu wurden Gerüchte verbreitet, ihre Plattenfirma habe ihr vor jeglicher Veröffentlichung eine strenge Diät anempfohlen. Als Mitglied des Jackson-Clans schließlich ist sie zwangsläufig Betroffene der neuerlichen Publicity um ihren Bruder Michael – auch wenn Janet sich zu dessen Strafprozess bislang nicht weiter äußerte und ihn lediglich wie einige andere ihrer Geschwister auch zur ersten Gerichtsanhörung im Januar begleitete.

Andererseits lässt sich ihr skandalumwitterter Auftritt auch als Endpunkt einer ganz speziellen Emanzipationsgeschichte verstehen. Wie bei ihren Brüdern zuvor war auch die Frühphase ihrer Karriere durch den überstrengen Vater bestimmt worden. Mit den beiden in den 80er Jahren erschienenen Alben „Control“ und „Rhythm Nation 1814“ hatte sie sich zunächst von dessen Einfluss befreit, doch ihre eigentliche Selbstfindung als weibliche Künstlerin geschah später: Mit „Janet“, „The Velvet Rope“ und „All for You“ etablierte Jackson das neue Selbstbild einer sinnlichen Frau. Da erst war aus dem Schwesterchen der einstigen „Jackson Five“ eine unabhängige Künstlerin geworden. Von ihrem neuen Album ist noch keine Tonsequenz bekannt. Dafür sind jetzt alle sehr gespannt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar