Welt : Mit dem Adler ins Stadion Welches Symbol ist typisch für Deutschland?

Albrecht Meier

Berlin - Im In- und Ausland wird zwar der karnevaleske Umgang der Deutschen mit den Farben Schwarz, Rot und Gold hoch gelobt. Aber dennoch scheint gleichzeitig am Ende der dritten WM-Woche das deutsche Verhältnis zu den Nationalsymbolen etwas ziellos, fast willkürlich. Deutsche Fans setzen sich eine Perücke in den Nationalfarben auf, während ihre Kollegen von der anderen Seite des Rheins den gallischen Hahn, das Nationalsymbol der Franzosen, ins Stadion mitbringen. Weibliche Fans aus den Niederlanden erschienen, solange ihre Mannschaft noch im Turnier war, als Frau Antje, Schweden als Pippi Langstrumpf. Die Japaner fanden sich in ihrem Mannschaftsmaskottchen wieder, einem nach dem deutschen General benannten Rauhaardackel namens „Erwin Rommel“.

Seit der Erfahrung mit dem Nationalsozialismus tun sich die Deutschen naturgemäß schwer mit Nationalsymbolen. Dennoch bleibt die Frage: Was tun zur WM? Pickelhaube tragen verbietet sich. Nur Flagge zeigen? Oder sich angesichts der weit verbreiteten Tierliebe als Problembär Bruno kostümieren?

Ein Bruno-Outfit wäre aber nicht nur wegen der hohen Temperaturen unpassend – es scheint dem deutschen Fan-Wesen auch nicht angemessen. „Bären will kein Mensch“, weiß Darko Patafta. Der Stuttgarter beliefert einen Fanartikel-Shop in Zuffenhausen im Norden der Landeshauptstadt. Er hat beobachtet, dass kleine Plüschbären als WM-Glücksbringer kaum gefragt sind. Stattdessen stehe seit etwa zwei Jahren die Deutschlandfahne mit dem Bundesadler hoch im Kurs. „Es muss der Adler drauf sein“, so Patafta. Ein übermotivierter Adler namens „Paule“ ist auch das Maskottchen des Deutschen Fußball-Bundes; die Vermarktung soll nach der WM beginnen.

Ist also den Deutschen der Adler, was für die Franzosen der Hahn ist? In den Augen von Romanistik-Professor Jürgen Trabant ist es jedenfalls einleuchtend, dass WM-begeisterte Franzosen auf den Hahn zurückgreifen. Der Wortgleichklang von „gallus“ (lateinisch für „Hahn“) und den „Galliern“ habe dem Federvieh in erster Linie zu seiner Stellung als Frankreichs Nationalsymbol verholfen, sagt Trabant, der an der Freien Universität Berlin lehrt. Anders als in Frankreich seien Nationalsymbole in Deutschland aber entweder von der Geschichte „verbrannt“ oder wenig ansprechend. Der deutsche Michel etwa tauge angesichts seiner Schlafmützigkeit kaum als Maskottchen für die Klinsmann-Truppe. Trabant empfiehlt aber: „Man könnte den Adler abrüsten.“ Er könne sich durchaus vorstellen, dass deutsche Fans mit einer „weich gehäkelten“ Version des Wappentiers ins Stadion einziehen.

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