Welt : Mit dem Handwagen in die Fürstengruft

WEIMAR (AP/rtr/AFP).In einer Art Nacht- und Nebelaktion haben Wissenschaftler der DDR 1970 den Sarkophag von Goethe in der Weimarer Fürstengruft geöffnet und das Skelett freigelegt.Das Kultusministerium in Erfurt bestätigte am Donnerstag, daß der Stiftung Weimarer Klassik die Dokumente über die Aktion vorliegen.Das Dokument mit dem Titel "Bericht über die Besichtigung, Ausbettung, Mazeration und Wiedereinbettung der sterblichen Überreste Johann Wolfgang von Goethes", der wie die Filmrollen fast 30 Jahre lang unbemerkt aber einsehbar im Goethe-Nationalmuseum in Weimar gelegen habe, liegt der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vor.Demnach wurden die Gebeine des Dichters freigelegt und gereinigt, um sie zu konservieren.Eine Mumifizierung wie etwa bei Lenin sei aufgrund des Zustands der Leiche nicht mehr möglich gewesen.

Grund für die Öffnung des Sarkophags am 2.November 1970 war zunächst ein brüchiges Schloß.Nach der Öffnung beschloß man dann, die Gebeine Goethes zu mazerieren, das heißt, die Knochen von weichem Gewebe zu trennen.Dazu zogen die Wissenschaftler nachts mit einem Handwagen vom Goethe-Nationalmuseum zur Fürstengruft.Dem Bericht zufolge wurden die Gewebereste verbrannt, die Knochen mit Feinwaschmittel gereinigt und das Skelett mit Schaumstoff umschlossen.Den Lorbeerkranz auf dem Haupt des Dichters verstärkten die Museumsexperten mit Kunststoff.Außerdem sei der Leichnam aus allen Winkeln fotografiert worden.Der Fotograf sei dafür sogar auf eine Leiter gestiegen.Am 21.November wurde das Skelett mit dem Lorbeerkranz zurückgebracht.An der Untersuchung waren Mitarbeiter der Weimarer Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten und Fachleute des thüringischen Museums für Ur- und Frühgeschichte beteiligt.

Dem Protokoll zufolge war das Skelett 166,5 Zentimeter lang, was nach der Pearsonschen Körperformel einer Größe von 169 Zentimeter beim Tod entspricht."Im Schädelinnern", so heißt es in der "Sonderakte Mazeration Goethe", "fand sich nur staubartige Masse".Das Totenhemd des Dichters war am 21.November noch nicht wieder von der Untersuchung aus Berlin zurück.Es wird es seither im Weimarer Schillermuseum aufbewahrt.

Die Stiftung Weimarer Klassik hat die erst jetzt bekannt gewordene Öffnung des Sarkophages Goethes und Konservierung des Leichnams im Jahre 1970 verteidigt.Man dürfe den Umgang mit dem berühmten Toten (1749-1832) nicht gleich als Leichenfledderei oder antihumanistische Erbepflege betrachten, sagte Stiftungssprecherin Angela Jahn.Er sei vielmehr als Versuch zu werten, die sterblichen Überreste des Klassikers für die Nachwelt zu erhalten."Die Öffnung des Goethe-Sarges entsprach dem damaligen Umgang mit diesen Dingen."

Der Präsident der Stiftung, Jürgen Seifert, sagte zu den Akten: "Es ist sehr diskret damit umgegangen worden, aber auch nie ein Geheimnnis daraus gemacht worden." Er appellierte, den Vorgang ruhig und sachlich zu behandeln.Die Stiftung sei dabei, ihre Geschichte in der DDR-Zeit aufzuarbeiten.Dazu gehöre auch die Exhumierung der sterblichen Überreste Goethes.

Seifert bedauerte die Veröffentlichung von Details der Exhumierung.Diese Form der öffentlichen Darstellung werde Goethe nicht gerecht."Der Bericht war nicht geheim - er war eine Verschlußsache", sagte Seifert auf die Frage, warum der Bericht fast 30 Jahre lang unveröffentlicht blieb.Es habe damals wie heute keinen Grund zur Geheimhaltung gegeben."Der Bericht ist sauber und wissenschaftlich", sagte er.Die beteiligten DDR-Wissenschaftler hätten allerdings Stillschweigen über das Geschehen vereinbart.Motive dafür seien nach seiner Einschätzung Respekt vor dem toten Klassiker und Pietät.Über das Motiv der Konservierungsaktion gibt der Bericht nach den Worten Seiferts keinen Aufschluß.Er wollte aber nicht die Einschätzung der "FAZ" teilen, wonach die DDR Goethe als Trophäe habe bewahren wollen, um ihren Anspruch auf das Erbe der deutschen Klassik zu manifestieren.

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