Welt : Mit Fehl und Tadel

Oliver Kahn ist ein beliebter Sportsmann, für viele ein Vorbild. Jetzt wird sein Privatleben öffentlich diskutiert

Helmut Schümann

Es muss schon detektivische Klein- und Laufarbeit gewesen sein, was die Fahnder der Zeitschrift „Die Aktuelle" in den vergangenen Monaten leisteten. Am Sonnabend legten sie die Ergebnisse der Recherche vor, zeitgleich hat die „Bild" schon mal laut und stark als Blattaufmacher verkündet, was sie, stellvertretend für die Nation neben der Wahl zum Superstar ab diesem Wochenende erschüttert: Oliver Kahn, 33, der Torwart-Titan des FC Bayern München und der Nationalmannschaft, geht fremd. Wochenlang haben „Aktuelle"-Mitarbeiter auf der Lauer gelegen und können nun minutiös protokollieren, wo Kahn wann und was mit seiner Geliebten, einer 21-jährigen Barfrau aus Münchens Schicki-Micki-Disco P1, machte. Den moralischen Super-Gau erfährt die an sich private Sache des Herrn Kahn durch den Umstand, dass seine Ehefrau Simone, 31, hochschwanger ist und in zehn Tagen ihr zweites Kind erwartet. Oliver Kahn, der Held der Weltmeisterschaft des vergangenen Jahres, hat sich inzwischen der Bilderflut und Protokolle gebeugt und die schändliche Tat eingeräumt: „Ja, es stimmt. Es gibt eine andere Frau in meinem Leben."

Der FC Bayern München und das P1, das ist offensichtlich eine unseelige Verbindung. Schon einmal verließ ein Bayern-Spieler in der Disco den Pfad der Tugend (zumindest weiß die Öffentlichkeit von keinen weiteren Fehltritten). Das war Stefan Effenberg, heute für den VfL Wolfsburg tätiger einstiger Mittelfeldstar, der dort vor zwei Jahren auf der Suche nach einem Sitzplatz eine Frau ohrfeigte.

Es sind schwere Zeiten für den deutschen Rekordmeister angebrochen. Vorige Woche wurde publik, dass der Verein sich entgegen allen Absprachen mit der Bundesliga-Konkurrenz und geheim fürstlich vom TV-Konzern Leo Kirchs hat bezahlen lassen. Eine Zahlung, deren Hintergründe derzeit von Juristen durchleutet werden, über die aber schon jetzt ein Hauch von Bestechung und Korruption wabert. Was ein umso schmerzlicherer Vorwurf ist, als die Bayern sich in den zurückliegenden Jahren das Image des grundsoliden, hochseriösen Fußballklubs erarbeitet hatten und sich auch recht gut gefielen in der Rolle des moralischen Gewissens einer ansonsten etwas dubiosen Branche. Und nun, kaum dass sich die Gemüter über die angegraute Wirtschaftsweste der Bayern beruhigt haben, der nächste Verstoß gegen Sitte und Anstand. Erst verliert der Verein seinen Ruf, vorbildliche Arbeit zu leisten, nun ist auch sein Torwart, dieser Superprofi, nicht mehr recht vorzeigbar als nachahmenswerter untadeliger Sportsmann. Was hatte der zehnjährige Xaver Neuhäusler leuchtende Augen, als er vor einer Woche bei „Wetten, dass …“ seinem großen Vorbild Oliver Kahn die Hand schütteln durfte.

Der Pakt bröckelt

Es scheint darüberhinaus noch etwas anderes zu bröckeln, als das gute Image: Der stillschweigende Pakt des FC Bayern mit den Münchner Medien, Pikanterien doch lieber im Verborgenen zu halten. Der funktionierte jahrzehntelang hervorragend, ohne dass gesondert darauf hingewiesen werden musste, und geriet nur dann in Gefahr, wenn Meldungen über das tatsächliche Innenleben des Harmonieklubs von auswärtigen Publikationen lanciert wurden. Monatelang etwa wusste die Münchner Journaille, dass Klubpräsident Franz Beckenbauer anlässlich eines außerehelichen Verhältnisses einen Sohn gezeugt hatte.

Die Presse, nicht nur die situierte „Süddeutsche Zeitung“, sondern auch der von „Bild", „Abendzeitung" und „tz" so hart umkämpfte Boulevardmarkt, schwieg. Lediglich der Karikaturist Dieter Hanitzsch erlaubte sich in der „Süddeutschen Zeitung" einen Insiderscherz, als er in eine Karikatur Beckenbauers einen Babyschnuller hineinzeichnete – ein Gag, der allerdings niemandem auffiel. Erst als eine Mannheimer Zeitung der Welt Beckenbauers spätes Glück mitteilte, zogen die Münchner Kollegen nach.

Auch im Falle der standesamtlich nicht genehmigten Liebschaft des Trainers Hitzfeld mit einem Fotomodell hielten die Münchner Auguren dicht. Bekannt war die Liaison lange, bot Stoff für manche Schmonzette im Journalistenkreis, blieb aber in den Blättern unerwähnt. Bis die Veröffentlichung in einer Illustrierten drohte, und Hitzfeld in kluger und konzertierter Aktion die Flucht nach vorne antrat, und der Enthüllung mit dem eigenen Geständnis vorauseilte. Erwünschter Effekt konnte erzielt werden: Nach wenigen Tagen war das unappetitliche Thema ausgestanden. Die scheinbar vornehme Zurückhaltung gewährt Vorteile und Informationsflut in anderer Hinsicht. So plapperte zum Beispiel Lothar Matthäus gegenüber der „Bild"-Zeitung gerne und Intimes aus der Nationalmannschaft aus, der größte Teil seines Münchner Nacht- und Privatlebens blieb dafür unerwähnt (der kleinere Teil reichte allerdings auch schon zu vielen, bunten Geschichten). Auch das Benehmen des vormaligen Trainers Udo Lattek blieb unter Verschluss: Lattek hatte die unangenehme Angewohnheit, sich mitunter in Hotels nach Genuss diverser Alkoholika wie ein Rock-Star in der Spätpubertät aufzuführen – Inventarbruch oder auch wenig galante Annäherungen ans weibliche Hotelpersonal aber gelangten nicht an die Öffentlichkeit.

Auch Oliver Kahns aktuelle Ehekrise ist unter Münchener Insidern eigentlich ein alter Hut. Schon bei der Weltmeisterschaft in Asien wussten Teile der Münchner Sportberichterstatter von nächtlichen Umtrünken des Torwarts mit wechselnden weiblichen Begleitungen zu berichten. Außer aber einer etwas obskuren späteren Andeutung der Schlagersängerin Michelle, die ungefragt das bis dahin noch nirgends aufgetauchte Gerücht dementierte, sie habe eine Buhlschaft mit dem Torwart, blieb dessen Privatleben tatsächlich privat.

Man kann nur vermuten, dass Enthüllungen über Kahns Intimstes zu diesem Zeitpunkt nicht opportun gewesen sein mag: Im vergangenen Jahr erreichte der weltbeste Torhüter den Gipfel seiner Karriere, wurde in Deutschland und in der Welt gefeiert als schier gigantischer Zerberus, ein Mann, der hielt, als käme er von einem fernen Planeten und ein Held, weil er sich zum Wohle Deutschlands schon nahezu krankhaft in Ehrgeiz und Selbstkasteiung trieb.

Offensichtlich ist die Schonzeit vorbei. Die Ausdauer und Verve, mit der die Detektive der „aktuellen" zu Werke gingen, steht in erstaunlichem Missverhältnis zur jetzt erfolgten Veröffentlichung, die mitten reinplatzt in vorhandene Missstimmung gegen den FC Bayern München. Und jetzt hat der Torwart gleich zwei Probleme: eins, das sehr privat ist und ihn, seine Ehefrau und seine Geliebte betrifft – und ein sehr öffentliches, in dem sein privates verglichen wird mit seiner doch so gerne gelebten Rolle als Vorbild.

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