Welt : Mit Harrys Hilfe

Von der Schülerin mit den schlechten Noten zur erfolgreichen Autorin – das Leben der Joanne K. Rowling und ihre Ängste

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Joanne Kathleen Rowling ist „glücklicher als zu irgendeinem Zeitpunkt“ in ihrem Leben. Aber nicht wegen der 280 Millionen Pfund, die sie mit dem größten Bucherfolg der Geschichte verdient hat. Nicht, weil sie reicher sein soll als die Queen und neben ihrem Herrenhaus in Edinburgh noch ein 4,5 Millionen Pfund teures Haus mit Pool in London und ein Landhäuschen in Schottland besitzt. Glücklich ist sie, weil das kleine Mädchen, das beim Test am ersten Schultag 1974 in der Tutshill Schule bei Bristol nur einen halben von zehn Punkten bekam und bei den schlechten Schülern sitzen musste, nun bewiesen hat, dass sie doch etwas kann.

„Ich fühlte mich völlig überflüssig", sagte Rowling diese Woche in ihrem BBC Interview. „Aber jetzt weiß ich, dass es etwas gibt, wo ich gut bin. Ich wusste immer, dass ich eine Geschichte erzählen kann. Traurig eigentlich, dass ich es mir durch eine Veröffentlichung beweisen musste.“ Rowling litt jahrelang an Depressionen – die verhüllten, schwarzen „Dementors“, die Quälgeister aus „Die Gefangenen von Asbarkan“ stammen aus ihrem wirklichen Leben.

Die PotterGeschichten beginnen nicht im Privet Drive von den Dursleys, sondern in der Nicholls Lane Nummer 35 in Winterbourne bei Bristol, wo Rowling, am 31. Juli 1965 geboren, die Kindheit verbrachte. Als Sechsjährige schrieb sie ihre erste Geschichte: „Das Häschen“. Mit ihren Freunden spielte sie „Zauberer und Hexen“, mit alten Kleidern aus Mutters Schrank und Besen aus der Garage. Unter den vielen Mädchen in der Nachbarschaft gab es mehr Hexen als Zauberer. Aber Freundin Vickie Potter hat einen fünfjährigen Bruder Ian. Der trug den Mantel des Vaters verkehrt herum, um wie ein Zauberer auszusehen. Und es gab auch eine alte Brille. Harry Potter war geboren.

Das Glück im Hause Rowling endete abrupt, als Mutter Anne Ende der Siebzigerjahre Multiple Sklerose bekam, eine lange Krankheit, der sie 1990 mit 45 Jahren erlag. Das warf Schatten auf Joannes Jugend. Mit dem Schreiben von „Harry Potter“ begann sie 1990 in Porto in Portugal, wo sie nach dem Französischstudium Englischunterricht gab. Von 17 bis 22 Uhr war sie Lehrerin, dann ging es in die Disco. Tagsüber aber schrieb sie in Cafés in Porto am ersten Buch. Freunde aus dieser Zeit beschrieben sie als „sehr nervös, ängstlich und begierig nach Liebe“.

Die Liebe war der drei Jahre jüngere Jorge Arantes, mit dem sie in Porto 13 Monate und einen Tag verheiratet war. Nach der gescheiterten Ehe kehrte sie mit Tochter Jessica und dem ersten Teil von „Harry Potter und der Stein der Weisen“ nach England zurück. Am Küchentisch und in Cafés schrieb sie das Buch zu Ende. So begann die Geschichte des größten Markterfolgs der Buchgeschichte.

Rowling schrieb die ersten vier Bände fast in einem Zuge, oft zehn Stunden am Tag - bis sie am Ende des vierten Bandes erschöpft war. „Die Vorstellung, sofort mit dem nächsten Band anfangen zu müssen, erfüllte mich mit Horror." Vor dem fünften wollte sie ihren Vorschuss zurückgeben, um den Schreibdruck los zu werden. Stattdessen räumte ihr der Verlag so viel Zeit ein, wie sie wollte. Nun gibt es keine Fristen mehr. Die nächsten Bände wird Rowling gelassener angehen. Ihr Leben hat eine neue Balance. Sie ist inzwischen wieder verheiratet, mit dem Edinburgher Anästhesisten Neil Murray und sie haben einen drei Monate alten Sohn, David. Rowling setzt sich aktiv für an Multipler Sklerose Erkrankte und für Alleinerziehende ein – und sie ist eine der profiliertesten Interessenvertreterinnen für „Ein- Eltern-Familien“ geworden.

„Ruhm isoliert“, sagte sie diese Woche. Das viele Geld mache ihr Schuldgefühle. Als sie noch arm war, „geriet ich aus dem Häuschen, wenn ich mir ein neues Geschirrhandtuch kaufen konnte.“ Wenn man viel Geld hat, berichtet sie, „verschwinden die Wünsche.“ Das Geld braucht sie nicht mehr und den Ruhm will sie nicht. So müsste sie eigentlich gar nicht mehr schreiben. „Ich schreibe nur, damit ich mit mir selber zufrieden sein kann und wegen der Loyalität der Fans. Und wegen Harry", fügt sie hinzu.

In ihrem Arbeitszimmer hat sie große Rasterpläne für die Handlung der sieben Bände. Buch sechs wird nicht so dick. Doch Buch sieben, der letzte Band der Folge, werde massiv. Erstens, weil sie dann den großen Knoten der vielen Handlungsfäden entwirren und Harry in das Geheimnis seines Vaters einführen muss. Und dann wird es für sie einen schweren Abschied von der magischen Welt Harry Potters geben: „Ich habe schon jetzt Angst, das loszulassen.“ mth

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