Welt : Mit Selbstverbrennung gegen Indiens Untergang

Der erste Tote: Die Proteste radikaler Hindus gegen die Miss-World-Wahlen in Bangalore werden heftiger Neu Dehli (AFP).Der geplante Miss-World-Wettbewerb stößt in Indien auf immer heftigere Proteste.Jüngster Höhepunkt: Ein 24jähriger Mann, Schneider von Beruf und Mitglied einer kommunistischen Jugendgruppe, verbrannte sich am Donnerstag vor einer Bushaltestelle im südlichen Bundesstaat Tamil Nadu.In den vergangenen Wochen hatte radikale Organisationen immer wieder mit Selbstverbrennungen gedroht, sollte die Regierung dem Schönheits-Spektakel nicht Einhalt gebieten. Die Nation ist in Aufruhr.Frauen in langen Hosen, Popsongs von Michael Jackson, Hamburger und Brathähnchen, Geburtstagskuchen mit brennenden Kerzen - nach Ansicht nationalistischer Hindu-Organisationen haben diese Dinge in Indien nichts zu suchen.Diese Importe aus dem Westen "untergraben die indische Kultur und den indischen Lebensstil", wettert der 69jährige Vishnu Hari Dalmia vom Welt-Hindu-Rat (VHP).Gipfel der Verderbtheit ist nun für die Hindus die internationale Schönheitskonkurrenz, die am 23.November zum ersten Mal in Indien stattfinden soll.Rund 60.000 Zuschauer können dann im Cricket-Stadion in Bangalore die geschminkten jungen Frauen im Abendkleid über den Laufsteg stolzieren sehen.Seit Monaten protestieren Hindus dagegen, unterstützt von Frauenorganisationen.Am Tag der Endausscheidung wollen die Gegner 100.000 Demonstranten auf die Beine bringen. Die indische Regierung hielt den Schönheitswettbewerb im Lande für eine gute Idee.Das weltweit beachtete Ereignis sollte den Tourismus ankurbeln.Mit derart heftigem Widerstand, wie die Hindu-Hardliner ihn nun inszenieren, hatten die Politiker jedoch nicht gerechnet.Einen ersten Rückzieher haben die Organisatoren denn auch schon gemacht: Die Präsentation der Bewerberinnen im Badeanzug wurde auf die Seychellen verlegt.Der Rest der Show soll aber unbedingt wie geplant über die Bühne gehen.15.000 Sicherheitskräfte sollen das Chinnaswamy-Stadion vor den Protestierern schützen.Und wer in Bangalore allzu laut gegen die Veranstaltung angeht, wird festgenommen - wie vergangenen Montag, als die Polizei 50 Hindus in Bangalore mit auf das Revier nahm. Das Luxushotel, in dem die 90 Kandidatinnen aus aller Welt wohnen werden, wird wie das Stadion streng bewacht.Ein Anschlag, wie ihn die bis dahin unbekanten "Indian Tigers" Ende Oktober auf das Organisationsbüro der Miss-Wahl verübt haben, soll nicht noch einmal vorkommen.Angesichts der zunehmenden Proteste schaltete sich sogar der Regierungschef höchstpersönlich ein: Eine halbe Stunde lang traf sich H.D.Deve Gowda Anfang der Woche mit dem Hauptsponsor des Wettbewerbs, dem indische Filmstar Amithabh Bachchan, und versicherte ihm seine Unterstützung.Auch der Polizeichef von Bangalore machte Bachchan seine Aufwartung. Diese Machtdemonstration des Staates stachelt die Hindus eher noch an.Für sie ist der Wettbewerb ein ideales Symbol, an dem sie all ihr Unbehagen über sich ändernde Wertvorstellungen festmachen können.Vor allem die junge Generation sei in Gefahr, denn "die Jungen können noch geformt werden", sagt Dalmia vom Welt-Hindu-Rat.Er beklagt, daß es Scheidungen in Indien bis vor kurzem nicht gegeben habe."Familien brechen auseinander.Viele junge Leute sagen ihren Eltern sogar, sie sollen ausziehen", empört sich der 69jährige über den alltäglichen Verfall der Sitten. "Die Öffnung Indiens für ausländische Produkte und Einflüsse ging vielleicht zu schnell vor sich", sagt der Soziologe Ashish Nandi."Das hat wirkliche Ängste ausgelöst." Trotzdem sind die Drohungen seiner Ansicht nach zu einem Teil reine Polemik.Außerdem haben sich auch nicht alle nationalistischen Hindu-Organisationen so sehr empört wie der VHP.Der populäre Chef der nationalistischen Hindupartei Shiv Sena, Bal Thackeray, sagte, er sehe nicht ein, warum die Inder nicht das Vergnügen haben sollten, die schönsten Mädchen der Welt zu sehen.Und mit Michael Jackson habe er sich auch getroffen.

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