Welt : Mitten im Stimmbruch

Matthias Thibaut

Der Riese Hagrid kommt tatsächlich auf dem fliegenden Motorrad, soviel steht fest. Die Great Hall der Zauberschule Hogwarts ragt so hoch über dem schwarzen See auf, wie im Buch beschrieben. Nicht schwer zu raten auch, dass die Szenen mit dem Besenpolo Quidditsch nicht nur für Harry-Potter-Star Daniel Radcliffe zu den beliebtesten des Films gehören werden. Und kein Zweifel: Der laut Pressemitteilung 12-jährige Kinderstar, der den Zauberlehrling von nun an verkörpern wird, spricht in Interviews mit tiefer Stimme, im Film aber noch ohne Stimmbruch mit kinderhellem Glockenklang. Das wirft doch einige Fragen auf. Wurden zwei Harry-Szenen wirklich von dem 13-jährigen Joe Sowerbutts nachsynchronisiert, der dafür an einem helllichten Schulvormittag ganz überraschend aus dem Unterricht an seiner Latymer Upper School in Hammersmith, London, geholt wurde?

Für Kinder zu lang?

Bei der Weltpremiere im Odeon am Londoner Leicester Square wurde gestern vor Tausenden ausgewählter Harry-Potter-Fans manches Geheimnis gelüftet. Dabei hätten die im Film mitwirkenden Kinder, fast 2000 sollen es gewesen sein, das Premierenkino fast schon alleine gefüllt. Hunderttausende verfolgten die Premiere auf der Harry-Potter-Homepage von Warner Brothers und wurden dabei weiter mit sorgfältig dosierten Appetithäppchen gefüttert - sofern die Verbindung klappte. Doch die entscheidende Frage wird das Publikum erst beantworten können, wenn der Film am 16. November in Großbritannien und den USA in den Kinos anläuft - Deutschlands Harry Potter Gemeinde muss bis zum 22. November warten: Ist der Film so gut wie das Buch?

Die Filmfirma Warner Brothers und die Autorin J.K.Rowling versichern jedenfalls, dass man nichts unversucht gelassen hat. "Wir wussten, dass Millionen von Fans jedes Detail des Films überprüfen würden", so Regisseur Chris Columbus. "Chris gab mir zwei Versprechen", bestätigte Autorin Rowling. "Dass der Film eine ganz britische Besetzung haben und sich so getreu wie möglich an das Buch halte würde."

Beide Versprechen wurden offenbar eingehalten. "Der Film belastet sich manchmal zu sehr mit seinem ehrgeizigen Versuch, alle denkwürdigen Elemente des Romans auf die Leinwand zu bringen", berichtete das amerikanische "Time"-Magazin von einer exklusiven Vorbesichtigung. Von Gleis 9 3/4 bis zur Winkelallee, vom Reihenhaus der Dursleys bis Hogwarts samt Marmortreppe und Zauberporträts wurde die Harry-Potter-Welt in riesigen Studioanlagen im britischen Leavesden nachgebaut. Blendende Spezialeffekte und luxuriöse Ausstattung von einer Großartigkeit, die einem die Augen übergehen lässt - so dass man gar nicht merkt, dass dann doch Figuren fehlen wie der liebenswerte Gryffindor Geist Peeves. Mysteriös fügt der "Time"-Journalist hinzu: "Und oft erfordern die Kinderschauspieler ein bisschen Geduld von den Zuschauern".

Wie immer die schauspielerische Leistung - das Startrio Harry, Ron und Hermione wird in den nächsten Wochen nicht mehr aus den Medien kommen. Schon hat Daniel Radcliffe, ein Westlondoner Schüler, der im Fernsehen schon den David Copperfield spielte und angeblich aus 40 000 Möchtegern-Harrys ausgewählt wurde, seine eigenen Fanclubs im Internet. Rupert Grin aus Hertfordshire hat sich mit einem selbstgemachten Rap Song für die Rolle des Ron Weasley beworben und der 11-jährigen Emma Watson ist die Klassenbeste Hermione Granger wie aus dem Leib geschnitten: "Hermione im Buch spricht wie ich und benimmt sich wie ich. Sie ist selbstsicher, gefühlvoll, loyal und geht einem auf die Nerven". An altkluger Frühreife steht die 11-jährige Schauspielerin ihrem Romanvorbild in nichts nach. "Wir sind alle genau wie im Buch", versicherte Daniel Radcliffe den Fans: "Ron ist sehr lustig, Hermione ist sehr intelligent und ich bin so dazwischen". An die 300 Millionen DM soll Warner Brothers in den Film gesteckt haben. Doch die Investition dürfte sich schnell bezahlt machen. Schon arbeitet man am nächsten Film. Von nun an soll es mit den Potter-Filmen Schlag auf Schlag gehen. "Der Film dürfte die Titanic an den Kinokassen versenken", so die Sprecherin der englischen Verleihkette, die ab nächste Woche über die Hälfte ihrer Kinos für Harry Potter reserviert hat. Schon haben die TV-Rechte für den Potter-Film laut "Time"-Magazin mit 150 Millionen Mark mehr als das Doppelte der damals knapp 70 Millionen Mark für die "Titanic" gebracht. Noch nie sind in Großbritannien so viele Karten für einen Film vorbestellt worden. Allein die drei größten Kinoketten haben zwei Wochen vor dem Start 460 000 Karten verkauft. Der etwa 300 Millionan Mark teure Film könnte Branchenexperten zufolge zwei Milliarden Mark einspielen.

Und jetzt geht eine fürs Harry-Potter-Weihnachtsgeschäft hochgerüstete Spielzeugindustrie in Stellung. Von der Harry-Potter-Puppe bis zum Quidditsch-Kartenspiel, von Potter-Lego bis zum Potter-Zauberbuch hat Warner Brothers Hunderte von Kommerzprodukten lizenziert. "Mit ein bisschen Hogwarts Zauberei wird unser Computerspiel ab nächste Woche nur so aus den Regalen fliegen", freut sich Jez San von der kleinen Firma "Argonaut Games". Ihr Harry-Potter-Spiel für Playstation Eins und Nintendo Gameboy kommt nächste Woche gleichzeitig mit dem Film heraus.

Protest gegen Coca-Cola

Am meisten Unruhe hat Warner Brothers Sponsor-Deal mit Coca-Cola gebracht. Für das Recht, Logos und Infos der ersten beiden Harry Potter Filme auf seinen Dosen zu drucken, hat der Getränkekonzern erstaunliche 150 Millionen Dollar bezahlt - fast so viel wie die Kosten des Films, mehr als für das Sponsoring der Olympischen Spiele. Autorin Rowling, die an dem Geschäft mit 15 Millionen beteiligt sein soll, bestand darauf, dass Coca-Cola als Teil seiner Werbung Lernintitativen für junge Leser unterstützt. Doch auf der "Saveharry.com"-Website findet sich die Vorlage für einen Protestbrief: "Liebe Frau Rowling, als Fan von Harry Potter bitte ich Sie dringend, Harry aus den Klauen von Coca-Cola zu befreien ..." Vielleicht sind die Fans dem Potter-Kommerz gegenüber resistenter als die Erwachsenen glauben. Eine erste Verkaufswelle von Harry-Potter-Spielzeug, die zum letzten Weihnachtsfest in die Läden spülte, sei "eine Katastrophe" gewesen, berichtete die Fachzeitung "UK Toy News". Warner Brothers hofft, dass der Film die weltweite Gemeinde im Sturm erobert und erste Reaktionen sind durchaus positiv. "Der beste Film, den ich je gesehen habe", urteilte die 9-jährige Jessica Hatrick gestern im britischen "Sunday Telegraph", auch wenn sie sich beschwerte, dass Professor Quirrel im Film einen purpurroten, nicht einen gelben Turban hat wie im Buch. Manchmal sei es so gruslig gewesen, dass sie die Augen haben schließen müssen - vor allem Fluffy, der geifernde Wachhund, der die Falltüre bewacht, die zum Stein der Weisen führt.

Für die Kinder, die trotzdem noch zögern, sich ihre Imagination durch den Film zerstören zu lassen, hat Autorin J.K.Rowling selbst eine unwiderlegliche Qualitätsgarantie gegeben: "Ich hatte eine Menge mitzureden dabei, wie alles aussehen würde. Und alles sieht im Film nun ganz genau so aus, wie ich es mir in meinem Kopf vorgestellt habe".

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