Mobbing : Die Rache des Ehemanns

Ein gehörnter Ehegatte startet einen Rachefeldzug der modernen Art: Wie der Wall-Street-Banker Steve Rattner im Internet wegen Fremdgehens fertiggemacht wurde.

Rita Neubauer

Die ersten Kommentare tauchten im Mai auf. Ein wohlhabender Banker an der Wall Street hatte eine Affäre mit der Frau eines australischen Discjockeys und Modedesigners. Bald war auch der Name des Bankers bekannt: Steve Rattner.

Steve Rattner – nicht zu verwechseln mit dem bekannten Großinvestor und Risikokapitalgeber gleichen Namens – arbeitete als Managing Director für die Großbank Credit Suisse. Arbeitete, denn jetzt kündigte das Finanzinstitut Rattners Rücktritt mit den ominösen Worten an, dass sich der Leiter des DLJ Merchant Banking, dem milliardenschweren Private-Equity-Arm der Credit Suisse, ins Privatleben zurückziehe. Und mehr Zeit seiner Familie widmen werde.

Übersetzt heißt dies: er wurde gefeuert. Gefeuert wegen einer privaten Liebesaffäre? Genauso ist es. Und wegen eines gehörnten Ehemannes namens Tommii Cosgrove, der nimmermüde das Internet für seinen Rachefeldzug benutzte. Auch wenn die Affäre bereits fünf Jahre zurückliegt, und Rattner die Liebelei schon längst seiner Frau Maureen gebeichtet und ad acta gelegt hat.

Der Fall zeigt beispielhaft, wie Mobbing und Rache im Internet Existenzen zerstören können. Da werden Frauen von ihren Ex-Männern verleumdet, Arbeitskollegen und Chefs anonym beschuldigt, abgewiesene Liebhaber stellen Nacktfotos ihrer Angebeteten auf Webseiten. Wehren können sich die Opfer kaum. Es ist schwer und langwierig, eine endgültige Löschung im Internet zu erwirken. Und es ist noch schwerer, den Verleumder juristisch zu verfolgen.

Der Wall-Street-Banker Rattner war ein unbescholtener und unauffälliger Mann. Bis auf die Affäre mit einer verheirateten Frau. Deren inzwischen geschiedener Mann, Tommii Cosgrove, überschüttete Klatschblogs und Online-Kommentarspalten des „New York Magazine“ mit endlosen Tiraden. „Steve Rattner hat meiner Frau 500 000 Dollar gezahlt, um mich zu verlassen!“ schimpfte er unter Kürzeln wie „UPSETO8“ und „CRAZY10“.

Er behauptete, dass Rattner seine Frau, die dieser unter dem Namen „Kelly Milne“ kennengelernt hatte, mit extravaganten Geschenken überschüttet habe – darunter ein Ferrari, ein Haus, Schmuck sowie Trips nach Hongkong, Frankreich und Monaco. „Es sei atemberaubend, was Reiche tun, um eine Frau zu kriegen“, schnaubte Cosgrove wütend.

Nicht nur belebten seine nimmermüden Attacken das Cyberspace. Die Wall Street, die gerade einen endlos scheinenden Sommer von Immobilien- Finanz- und Kreditkrisen durchlebt, stürzte sich mit Verve auf die Schmähkampagne. Nicht ob der Schadenfreude allein über das Dilemma eines sozialen Aufsteigers. Rattner, der einen stillen, jedoch lukrativen Job genoss, hatte sich von einem jungen Wirtschaftsreporter der „New York Times“ zur Nummer zwei beim Bankhaus Lazard Freres hochgearbeitet, bevor er zum Private-Equity-Banking wechselte.

Rattner verkehrte mit den Reichen und Mächtigen, sammelte kräftig Geld für die Demokraten und Präsidentschaftskandidat Barack Obama. Auch soll er angeblich lange schon von einem Kabinettsposten in Washington geträumt haben. Am liebsten Finanzminister, sollen Freunde dem „Newsweek“-Magazin gesteckt haben.

Die wichtigere Frage, die die Wall Street beschäftigte, betrifft die Macht des Internets, der Rattner reichlich ohnmächtig gegenüberstand. „Ich fühle mich wie der Star in einem drittklassigen Film“, lautete dessen Kommentar in der „New York Times“.

Rattner weist nicht nur Cosgroves Behauptungen exzessiver Geschenke als Übertreibung zurück. Er gibt sich in dem Interview zerknirscht und resigniert. Gäbe es doch keine Möglichkeit, gegen die Angriffe anzukämpfen, „wenn diese sich erst einmal wie ein Virus ausbreiteten“. Tatsache ist: Weder beging Rattner ein Verbrechen, noch verletzte er den Firmenkodex der Credit Suisse, der Liebeleien zwischen Chef und Untergebenen ebenso verbietet wie zwischen Kollegen. Noch hatte der Verleumder Cosgrove irgendeine Beziehung zu Credit Suisse.

Warum auch wartete Cosgrove, der im vergangenen Jahr von seiner Frau geschieden wurde, fünf Jahre lang auf seinen Rachefeldzug?

Ein Reporter der „New York Times“ stellte genau diese Frage. „Ich musste mein Leben erst wieder ins Gleis bringen. Er hat alles zerstört. Und ich musste ihn finden“, antwortete Cosgrove, der Rattner gar mit Schauspieler Richard Gere und seine Frau mit Julia Roberts in „Pretty Woman“ vergleicht.

Ist es möglich, dass er seinen Nebenbuhler mit dem gleichnamigen Gründer von Quadrangle verwechselte? Möglich. Der andere und weitaus bekanntere Steve Rattner fühlte sich denn auch selbst verpflichtet, Kollegen und Freunde von seiner Unschuld in Kenntnis zu setzen. „Leute riefen in Panik an, und ich musste ihnen erklären, dass es sich nicht um mich handelt.“

Sicher ist, dass Wall Street dieser Tage ein Nervenbündel ist und jedes Gerücht, jede schlechte Nachricht weitere schlechte Nachrichten nachzieht und zu Chaos führen kann. Und das kann sich Credit Suisse nicht leisten. Will doch seine Tochter DJL Merchant Banking einen neuen Investmentfonds auflegen. Rattner wurde da unbeabsichtigt zum Risiko.

Rattner, der vor dem Scherbenhaufen seiner Karriere steht, hat möglicherweise nicht einmal legale Mittel in der Hand, um gegen seinen aggressiven Gegner vorzugehen – oder gegen Credit Suisse. Die Gesetze dazu sind in den USA ungenau und vielfältig interpretierbar.

Befragt, ob er über Rattners forcierten Rücktritt glücklich sei, bemerkte Cosgrove gegenüber der „New York Times“ nur: „Er sollte sich das vorher überlegt haben, bevor er mir das antat.“ Auf seiner My-Space-Site beschrieb er seine derzeitige Stimmung als „triumphal“.

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