Mobbing-Plattform : Hacker mobben Isharegossip

Es klingt wie ein Aufruf zur Selbstjustiz. Hacker haben die Mobbing-Website „Isharegossip“ gekapert. Nun melden sie sich beim Tagesspiegel zu Wort. Sie drohen die Nutzerdaten öffentlich zu machen, wenn sich die Betreiber nicht bei der Polizei melden.

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Auf der Startseite von "Isharegossip" ist nur noch ein Gruß der Hacker zu lesen.
Auf der Startseite von "Isharegossip" ist nur noch ein Gruß der Hacker zu lesen.Foto: Screenshot

Erniedrigung, Beschimpfung, Lästerei: Diskutiert wurde über die „größte Schlampe“ und den „hässlichsten Mitschüler“ der Klasse. Ein Mob prügelte einen Jugendlichen bewusstlos. Mehrere Amoklaufandrohungen führten zur Schließung von Berliner Schulen. Mobbingterror auf der Webseite „Isharegossip“. Zu Deutsch: „Ich verbreite Tratsch“. Darunter litten in den vergangenen Wochen und Monaten etliche Schüler. Im März war das Portal sogar als jugendgefährdend auf den Index gesetzt worden. Doch die Seite blieb immer noch zugänglich im Netz. Gestern nun wurde sie von Unbekannten gekapert. Die anonymen Täter hinterließen ein Gedicht und ein Ultimatum an die Betreiber. „Admins, Organisatoren, Moderatoren, meldet euch innerhalb einer Woche bei der Polizei oder wir machen alle Daten öffentlich.“ Mails, Zugangsdaten und Namen seien bekannt. Damit könnten sich die Opfer gleich persönlich bedanken kommen.

Offenbar ist es Hackern gelungen, sich die Zugangsdaten zur Mobbingseite zu verschaffen und sie auf eine andere Seite umzuleiten. So wurde die „Isharegossip“seite, die sich eigentlich hinter der IP-Adresse 88.80.21.2 verbirgt durch das so genannte „Domain-Hijacking" nun zur Adresse 98.124.198.1 umgeleitet, die auf den Internet-Dienstleister Demandmedia verweist. Zudem wurde das Aussehen der Seite verändert und ein neuer, zum Teil rätselhafter Text eingepflegt. „Vernimm derweil, Geschöpf der Nacht, die Mär von Zeiten unter Lichte. Denn wer allein im Dunklen wacht, dem scheint wohl fremd, was ich berichte", heißt es unter der Überschrift „Hacks and Kisses“. Und unter „sonst noch was“ können Interessierte eine Mail an die anonymen Angreifer schreiben.

Auf eine Mailanfrage des Tagesspiegels gab die Gruppe mit dem Namen „23timesPi“ mehr zu ihrem Profil preis. „In Wahrheit sind wir ein computeraffiner Dichter-Club. Das ist die erste Aktion, die von uns gemeinsam geplant wurde. Der Vers handelt davon, sich auf Neues einzulassen – es könnte ja gut sein.“

„Isharegossip“ stelle eine kriminelle Plattform dar, heißt es weiter. Umso trauriger sei es, dass es die deutschen Behörden nicht geschafft hätten, die Betreiber ausfindig zu machen, geschweige denn, die Seite abzuschalten. „Mit unserem Angriff wollten wir daher den Spieß umdrehen und die Betreiber in die Opfer-Situation bringen. Vielleicht können die dann besser die Situation der ’Angeprangerte’ nachempfinden“, heißt es in der Mail.

Die den Hackern angeblich vorliegenden Daten hätten sie nicht der Polizei übermittelt, da sie sich sicher seien, dass die Betreiber vorgesorgt hätten, um sich zu schützen. Doch wenn die Mobbing-Opfer die Realnamen ihrer Peiniger erfahren würden, sei vielleicht das Verantwortlichkeitsgefühl der Seitenmacher geweckt. „Natürlich ist uns bewusst, dass der Aufruf zur Lynchjustiz uns kaum besser macht, als die Verantwortlichen selbst. Wir wollen uns nicht anmaßen, Moralpolizei zu spielen. Deshalb hindern wir auch niemanden daran, Konsequenzen zu ziehen und sich freiwillig der Polizei zu stellen“, heißt es in der Mail an den Tagesspiegel. Zudem sei es eine Lüge, dass Besucher von „Isharegossip“ anonym seien. Mit Werbeeinblendungen und etlichen Möglichkeiten, sich als Angreifer längere Zeit unbemerkt einnisten zu können, sei diese Behauptung nicht haltbar und diene nur dazu, die Nutzer nicht zu vergraulen.

Unklar blieb bis Redaktionsschluss, ob die Seite von den Hackern nicht nur entführt, sondern auch komplett übernommen wurde. Dann hätten die anonymen Angreifer nämlich wirklich Zugriff auf die Datenbanken und die Nutzer von „Isharegossip“ müssten Enttarnung befürchten.

Auf einer Ausweichseite der Betreiber der „Isharegossip“-Seite ist zu lesen, dass ihre Domain gestohlen worden, der Server davon allerdings nicht betroffen sei. Bis Näheres in Erfahrung gebracht werden könne, bleibe die Seite offline. Darüber hinaus wird versichert: „User haben definitiv nichts zu befürchten, da wir keine IP-Adressen speichern.“ Ob es sich tatsächlich um einen Hackerangriff handelt oder ob die anonymen Betreiber der Webseite nicht vielleicht doch selbst hinter der Aktion stecken, um wieder mehr Aufmerksamkeit auf ihre Seite zu lenken, wird derzeit auch noch spekuliert.

Die laut Impressum im lettischen Riga angemeldete Seite steht im Visier der Zentralstelle für Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT), die unter anderem wegen Beleidigung, übler Nachrede und Verleumdung gegen den Betreiber ermittelt. Hintergründe zur Kaperaktion sei ihnen noch nicht bekannt. „Es kann also keine Aussage darüber getroffen werden, ob die Domäne tatsächlich ’gehackt’ worden ist“, sagte der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main, Alexander Badle. Auch im Internet kursierende Spekulationen darüber, dass das Ultimatum der Angreifer die Beweissicherung der Behörden erschweren würde, wies der Sprecher zurück.

„Endlich mal wieder ein gerechtfertigter Angriff“, kommentierte Nutzer Sidewalka bereits am frühen Dienstagmorgen um 1:21 Uhr auf der Forenseite „Boerse.bz.de“ die Aktion. Dass vermeintliche Hacker die Mobbing-Seite „Isharegossip“ gekapert haben sollen, wird von der Gemeinschaft mit vielen Smiley-Icons bejubelt. Auch die meisten Kommentatoren im Internet-Kurznachrichtendienst Twitter begrüßen das erfolgreiche Hacking der Mobbingseite: „Der beste Hack aller Zeiten“, „Endlich ist Schluss“ oder „Na geht doch!“

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