Kältemittel für Klimaanlagen in Autos : Lieber billig als öko
02.02.2012 12:30 Uhr
Es klingt nach einer geheimen Wunderwaffe: "HFO-1234yf" soll die nächste Klimaschutz-Revolution der Autokonzerne sein. Das neue Kältemittel, das die beiden US-Unternehmen Honeywell und Dupont zukünftig gemeinsam produzieren wollen, ist 99,7 Prozent klimafreundlicher als der bisher verwendete Stoff. Es soll in den mehr als 400 Millionen Autoklimaanlagen weltweit zum Einsatz kommen, die jeden Tag zur Erderwärmung beitragen. Von Klimaschutz, Sicherheit und Energieeffizienz schwärmten die beiden Unternehmen vergangene Woche bei der Vorstellung ihrer Pläne.
Dupont und Honeywell hoffen auf einen Milliardenmarkt – denn mit ihrem Joint Venture werden sie ein weltweites Monopol einnehmen.
Verkaufspreise sind streng geheim, auch über das Investitionsvolumen haben die Konzerne Stillschweigen vereinbart. Klar ist: Kein anderes Unternehmen weltweit kann "HFO-1234yf" herstellen. Dupont und Honeywell sichern sich einen lukrativen Absatzmarkt, schließlich sind Kältemittel für Autos für die zwei Chemiekonzerne ein wichtiges Umsatzsegment.
Überraschende Alternative
Doch ist die neue Wunderwaffe wirklich die beste Wahl? Unter Umweltschützern regt sich heftiger Widerstand. Von "großer Sauerei" und einem "Riesenskandal" ist die Rede. Umweltbundesamt und Umweltverbände haben eine bessere Alternative. Es ist – überraschender Weise – das Klimagas Kohlendioxid.
Schon heute ist es in Tiefkühltruhen und Getränkeautomaten im Einsatz. Das natürliche Gas ist vier Mal so klimafreundlich wie die Chemiealternative aus den USA. Und es hat noch mehr Vorteile: "CO2 kühlt sehr gut, ist kostengünstig, ungiftig und nicht brennbar", sagt Thomas Holzmann, Vizepräsident des Umweltbundesamts, der obersten deutschen Umweltbehörde. Zudem ist es unbegrenzt verfügbar. Für Holzmann ist klar, warum sich die Branche gegen CO2 wehrt. "Hier geht es um wirtschaftliche Interessen der Chemieindustrie und um eingefahrene Strukturen bei den Zulieferern."
Kältemittel entweichen unvermeidlich
Es ist ein Krimi, der sich seit Monaten hinter den Kulissen abspielt. Es geht um kryptische Abkürzungen, Milliarden und grundsätzliche Technologieentscheidungen. Den Streit hat eine EU-Richtlinie aus dem Jahr 2006 angestoßen. Darin verlangt Brüssel, dass in Zukunft aus Klimaschutzgründen in Autos nur noch Kältemittel mit einem sogenannten Global Warming Potenzial (GWP) von weniger als 150 verwendet werden dürfen. Das GWP ist ein Indikator für das Treibhauspotenzial von Stoffen. Schließlich tragen nach Angaben des Weltklimarats IPCC Klimaanlagen inzwischen genauso viel zur Erderwärmung bei wie der Flugverkehr.
Grund dafür sind die Kältemittel, die – unvermeidlich – aus den Klimaanlagen entweichen. Das heutige Mittel der Wahl (R-134a) besitzt einen GWP-Wert von 1430 und ist damit inzwischen verpönt. Die Erfindung von Dupont und Honeywell kommt auf ein GWP von gerade einmal Vier. Am klimafreundlichsten kommt allerdings CO2 mit einem GWP von eins daher.
VDA preschte zunächst vor
Bis vor Kurzem befürwortete die einflussreiche deutsche Autolobby sogar CO2 als zukünftiges Kältemittel. 2007 preschte der neue VDA-Präsident Matthias Wissmann mit ambitionierten Klimaschutzzielen vor. Die deutschen Hersteller hätten sich entschieden, als "weltweit erste Unternehmen der Automobilindustrie das besonders umweltfreundliche natürliche Kältemittel R744 (Kohlendioxid) zukünftig in Fahrzeugklimaanlagen einzusetzen." Die Erfindung aus den USA sei als Alternative "keine Option."
Für so viel Klimaschutz-Ehrgeiz gab es damals sogar Schulterklopfen von Umweltverbänden wie der Deutschen Umwelthilfe ("Chapeau, Herr Wissmann"). "Damals stand CO2 als Kühlmittel kurz vor dem Durchbruch", erinnert sich auch Wolfgang Lohbeck, Autoexperte bei Greenpeace.
Konzerne scheuen Zusatzkosten
Doch davon will der VDA heute nicht mehr viel wissen. Die Branche hat inzwischen eine 180-Grad-Wende hingelegt. Man werde sich dem internationalen Trend anschließen und sich für "HFO-1234yf" entscheiden, sagte Hans-Georg Frischkorn, VDA-Geschäftsführer vergangene Woche in Berlin: "Eine nationale Insellösung macht keinen Sinn", so Frischkorn. Sie "würde zu erheblichen Wettbewerbsnachteilen für die deutsche Automobilindustrie gegenüber ihren Wettbewerbern führen".
Der Grund für den Kurswechsel ist offensichtlich, denn für Daimler, BMW und VW hat "HFO-1234yf" einen entscheidenden Vorteil: Es kann einfach gegen das alte Mittel ausgetauscht werden. Verwenden sie dagegen CO2, müssten die Autokonzerne eine neue Klimaanlage entwickeln und einbauen. Fachleute schätzen die Zusatzkosten auf 50 bis 150 Euro je Klimaanlage in der Serienproduktion. Offenbar zu viel für die Automobilbranche.
Politik ist gefragt
Das Umweltbundesamt kritisiert den Rückzug der Hersteller. "Dieser Schwenk ist außerordentlich bedauerlich", sagt Vize-Präsident Holzmann. Das neue Mittel sei bei weitem nicht die bessere Lösung. Er warnt vor Sicherheitsrisiken. "Es gibt gravierende Probleme. Im Brandfall entsteht giftige und gefährlich ätzende Flusssäure." In der Atmosphäre werde "HFO-1234yf" zu Trifluoressigsäure abgebaut, einem sehr stabilen Stoff, der sich in der Umwelt wiederum nicht mehr abbaue.
Dupont und Honeywell weisen solche Vorwürfe zurück. "Das Produkt wurde jahrelang von unabhängigen und renommierten Institutionen getestet", so eine Honeywell-Sprecherin. "Die Kritik kann ich nicht nachvollziehen." Selbst eine eigene Internetseite (www.1234fakten.de) hat Honeywell eingerichtet, um Kritiker zu überzeugen.
Beim Umweltbundesamt wird es kaum Erfolg haben. "Wer garantiert, dass es nicht schwarze Schafe gibt, die weiterhin das alte, extrem klimaschädigende Kältemittel R144 nachfüllen und verwenden", warnt Holzmann. Jetzt liege es an der Politik, sich für die vernünftigere Lösung einzusetzen.
































