Mode : Karl der Große

Erst war Dosenmilch sein Glück, heute ist es die Diätcola: Der Modemacher und Stilpapst Karl Lagerfeld wird 75. Der Meister entwirft bis heute - am liebsten sich selbst.

Grit Thönnissen
Lagerfeld
Karl Lagerfeld bei einer Ehrung in Berlin, neben ihm Topmodel Claudia Schiffer. -Foto: dpa

Berlin Fragen Sie eine x-beliebige Person auf der Straße nach einem bekannten deutschen Modedesigner. Die Antwort wird Karl Lagerfeld sein. Ein bisschen tragisch ist das schon für alle anderen deutschen Designer. Karl Lagerfeld verschluckt sie alle mit seiner Omnipräsenz. Er ist der einzige, der zählt. Es reicht, dass der erfolgreichste Modedesigner der Welt aus Deutschland kommt. Wie die Kleidung aussieht, mit der er das geschafft hat, ist nicht wichtig. Nicht so wichtig jedenfalls, wie die Frage, ob er heute 70 oder 75 Jahre alt wird.

Wer eine Antwort bekommen will, muss nach Bad Bramstedt fahren. Wie die britische Autorin Alicia Drake und jetzt ein Journalist der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, die in Lagerfelds Heimat Schleswig-Holstein Verwandte und alte Spielkameraden befragten, wann er geboren wurde. Jetzt wurde auch noch das kirchliche Taufregister entdeckt und nun steht wohl fest: Es war 1933.

Karl Lagerfeld ist seine Vergangenheit schnuppe. Er ist eine Fleisch gewordene Marke und wahrscheinlich ist sein Geheimnis, dass er keines hat. Immerhin wissen wir auch so eine Menge über sein Leben. Lagerfeld plaudert gern. Wir wissen, warum er ein Disziplin gestählter, unbarmherziger Egozentriker ist, der sich selbst nichts durchgehen lässt, seit seiner Diät auch keine Marmeladenbrote mehr. Es liegt an seiner Mutter. Sie wies ihn zurecht, nicht kindisch und langweilig zu sein: „Du bist vielleicht sechs Jahre alt, aber ich bin es nicht.“ Sein Vater war als Dosenmilchfabrikant kein Vorbild, aber mit dem mit „Glücksklee-Sahne“ verdienten Geld konnte er 1952 nach Paris umsiedeln, um dort zu lernen, was er heute noch macht: Mode.

Es gibt kaum einen Designer bei dem Zeit so unwichtig erscheint wie bei Karl Lagerfeld. Er hat so viele Beschäftigungen, dass man sie locker auf die Lebenszeit von fünf Personen verteilen könnte: Für das Modehaus Fendi arbeitet er seit 1965, für Chanel seit 25 Jahren. Er bringt Kollektionen unter eigenem Namen heraus, fotografiert, verlegt Bücher, hat einen Kunstbuchladen, entwirft Hotels und richtet sie ein.

Dazu passt, dass er ohne Unterlass Villen und Apartments und dazu die komplette Einrichtung kauft und verkauft. Im Moment lebt er in Monte Carlo, Rom, Paris und New York. Seine Arbeitsweise ist dabei erstaunlich altmodisch. Lagerfeld verfügt über perfekt geöltes Personal, das ihm nicht nur den Zeichenblock und die Diätcola hinterherträgt. Das Alleinsein, nach eigener Aussage sein Lieblingszustand, kann er sich leisten, weil er immer Menschen um sich hat, die wissen, was er als nächstes will. Damit er keine Zeit verschwendet, hat er alles im Überfluss – für jede Stimmung einen iPod, für jeden Finger mehrere Ringe, und seine Unterwäsche wirft er nach einmaligem Tragen weg, sagt er zumindest.

Die Vorstellung, dass sich Lagerfeld das Theaterstück in dem er jeden Tag auftritt, selbst ausgedacht hat, ist noch viel beeindruckender, als wenn all die Anekdoten, mit denen er jeden bereitwillig versorgt, der Wahrheit entsprächen. Wahrscheinlich ist es sogar noch viel einfacher: Er erfindet sich und lebt danach.

Wenn sich Klassenkameraden aus Bad Bramstedt jetzt erinnern, dass er schon als Grundschüler, Frauensilhouetten zeichnen durfte und er sich vom Dorfschneider ein orangefarbenes Samtjackett schneidern ließ, spricht das für eine gewisse Geradlinigkeit.

Nichts kann Karl Lagerfeld so gut, wie die Vergangenheit sampeln. Das hat er mit Coco Chanel gemeinsam. Die Erfinderin der modernen Frauenkleidung machte in den fünfziger Jahren mit ihren Jerseykleidern und Tweedkostümen einfach da weiter, wo sie vor dem Krieg aufgehört hatte. Und auch Karl Lagerfeld hat daran nicht viel geändert. Es gibt nicht die klar erkennbare „Karl-Lagerfeld-Handschrift“.

Aber die Leute vertrauen ihm: Wenn er für Hennes & Mauritz Hemden, die er selbst trägt, entwirft, sind die eine Stunde nach der Eröffnung ausverkauft. Für Chanel sampelt er Tweed und Waffelmuster, wenn er als Karl Lagerfeld entwirft, sampelt er nur sich selbst: Dann lässt er sein Konterfei auf T-Shirts drucken, reproduziert die schmalen Anzüge, die sich eigentlich der ehemalige Dior-Designer Hedi Slimane ausgedacht hat, für H&M, und hat kein Problem damit, sich selbst als Steiff-Tier nachzubilden. Natürlich wird sich der 1000-Euro-Bär hervorragend verkaufen.

Die Anzüge waren der Grund, warum Karl Lagerfeld vor acht Jahren aufhörte zu essen. Es ist, als hätte er mit dem Wegfall von 42 Kilo einen Sponsorenvertrag mit sich selbst abgeschlossen, um zu beweisen, dass er noch lange nicht genug hat. Denn schon seit den achtziger Jahren darf Lagerfeld die Krone des deutschen Modekönigs tragen – damals konkurrierten noch Wolfgang Joop und Jil Sander mit ihm. In seinem Universum ist er längst unangreifbar – wenn er in Berlin Fotos ausstellt, auf denen 500-mal sein Lieblingsmodel Brad Kroenig zu sehen ist, teilt er einfach ein privates Vergnügen mit möglichst vielen Menschen. Und die sind sowieso nur seinetwegen da.

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