Atelierbesuch bei William Fan : Einer für alle

William Fan ist der Designer der Stunde. Während alle die größten Hoffnungen in ihn setzen, macht er einfach gelassen, was er am besten kann: gute Mode für Männer und Frauen.

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Männer und Frauen können bei William Fan ihre Garderobe geschlechterunabhängig zusammenstellen Foto: promo
Männer und Frauen können bei William Fan ihre Garderobe geschlechterunabhängig zusammenstellenFoto: promo

Der Keller in der Großen Hamburger Straße 25 ist zu einem Symbol für den guten Stern geworden, unter dem Willam Fan seine Mode macht. Bevor der Designer diesen Keller fand, war er ein dunkler Raum für Dinge, die man erst mal abstellen muss, bevor man sich traut, sie wegzuwerfen. William Fan machte daraus ein einladendes Atelier, wo er Tee aus einer goldenen Kanne einschenkt und Gäste einlädt, mit ihm den Nachmittag zu verbringen.

William Fans Eltern stammen aus Hongkong, in der Nähe von Hannover eröffneten sie ein Chinarestaurant. William und seine Geschwister wuchsen dort auf. Er studierte Modedesign in Arnheim und an der Kunsthochschule Weißensee und ist der Designer der Stunde. Seine Mode wird hochgelobt, seit Januar ist er Mentee im Förderprogramm des Fashion Council Germany.

Wie seinen Keller in Mitte kann William Fan auch die Sicht auf die Berliner Mode in etwas Positives verwandeln. Seine Schauen gehören zum Besten, was die Berliner Modewoche zu bieten hat. Und er fühlt sich keineswegs zu gut für diese Stadt. Er will nicht unbedingt nach Paris, und er mag seine Stammkunden, die ihm vom ersten Tag an sein Label finanzierten.

William Fans Kommentar dazu: „Geil. Das Leben ist voll einfach. Und ich mache kein Yoga!“ Aber er hat ein Buch gelesen, das sein Leben veränderte: „Jetzt! Die Kraft der Gegenwart“ des spirituellen Lehrers Eckhart Tolle. Dort geht es, kurz gesagt, darum, nicht daran zu denken, wie es morgen sein könnte, nicht die Gründe zu wälzen, warum etwas nicht funktioniert, sondern im Hier und Jetzt zu leben. Seitdem Fan dieses Buch gelesen hat, läuft es, sagt er. Von außen betrachtet, sogar fast beängstigend gut. Er wirkt völlig angstfrei, er verlässt sich einfach darauf, dass passiert, was passieren soll.

Rollen sind für Neandertaler

Zum Beispiel hat er vor zwei Jahren gedacht: Heute finde ich mein Atelier. Noch am selben Tag fand er den Keller. Den Raum hat er immer noch, aber in diesem Sommer ist eine Remise im Hinterhof mit Blick ins Grüne dazugekommen. Die Sonne scheint durch die Fenster und bringt die Mäntel und Jacken aus Brokatstoff zum Glänzen.

Fan entwirft seine Mode nicht nach Geschlechtern getrennt. Die langen, gestreiften Hemden sind für Männer und Frauen gleichermaßen gedacht, die Hosen lassen sich in der Taille schnüren, die Mäntel und Blousons, mit Samt und großen, goldenen Druckknöpfen besetzt, gibt es in klein und groß.

Er bringt verschiedene Elemente so zusammen, dass man sie tragen will. Wie die Hose mit den Nadelstreifen und den großen, an den Rändern ausgefransten Taschen, die so weit unten sitzen, dass sie vor allem ein schmückendes Element sind. Nie treibt er seine Exzentrik so weit, dass man ihm nicht mehr folgen möchte. Einmal hat er morgens einem jungen DJ eine Jacke verkauft, abends spazierte eine alte Dame mit demselben Modell aus seinem Atelier. Da hat es bei ihm Klick gemacht: „Wenn mir heute jemand mit Rollen kommt, denke ich: Neandertaler. Jetzt ist Unisex modern, aber vor 15 Jahren war das nicht vorhanden.“

Seit er denken kann, hat er ausprobiert, was Kleider bewirken können. Viele Kinder verkleiden sich gerne, aber kleinen Jungen wird das Experimentieren durch Hänseleien abgewöhnt und durch die ständige Frage: Ist das nicht für Mädchen? Für Fan war das kein Grund, sich anzupassen, er kam knallbunt angezogen in die Schule: „Meine Klassenkameraden wussten nicht, von welchem Planeten ich komme. Menschen zu verwirren, das war ein Hobby von mir.“ Später kaufte er in der Frauenabteilung ein, trug Körperumhüllendes, gern Fließendes.

Die Kleidung, die William Fan entwirft, trägt er auch selbst. Er ist groß und schlank, bewegt sich geschmeidig und hat keine Berührungsängste. Gern zieht er eine Jacke über, um zu erklären, was er sich dabei gedacht hat – und lässt auch den anderen hineinschlüpfen, um zu zeigen, dass er dann ganz anders aussieht. Das macht ihm sichtlich Spaß. „Gut verkaufen ist meine Gabe“, sagt er.

90ies Trash als Inspiration

Er hat Spaß an dem, was er tut: Sich mit Mode eine eigene Welt zu schaffen und andere dazu einladen, daran teilzuhaben. Vielleicht sind seine Kollektionen deshalb so zielsicher.

Auf dem Laufsteg erzählt er immer auch etwas von seinem Leben. Im Winter war das eine Chinatown-Kulisse mit Verkaufsständen für Nippes und einem, an dem sich die Besucher sogar die Nägel schön machen lassen konnten. Die Schau erinnerte mit ihrem kalkulierten Größenwahn eher an eine durchchoreografierte Inszenierung von Karl Lagerfeld als an die üblichen Berliner Präsentationen, bei denen alles gerade mal so hinhaut.

Die Schau erzählte von seiner Herkunft. Heute lässt William Fan, der auch Chinesisch spricht, einen Großteil seiner Kleidung in Hongkong produzieren. Er genießt es, auf die Erfahrungen zweier Kulturen zurückgreifen zu können.

Während seiner Schau im Juli brachte er Moderedakteurinnen mit seinen Jugenderinnerungen zum Kichern. Da stand eine Wand, die mit „Bravo“-Starschnitten von Serienstars wie Jason Priestley aus „Beverly Hills 90210“ tapeziert war. Die Models liefen an den Gästen vorbei zu einer Bushaltestelle, um dort zu posieren. So ein Wartehäuschen, wie es auch in Garbsen steht, dem Ort, wo William Fan aufwuchs und wo er in flirrend glitzernden Mänteln, Kleidern in Tischdeckenmustern und Federboas auf den Schulbus wartete. So sieht seine Mode auch heute aus.

Es ging diesen Sommer also um seine Jugend als Inspiration. Ein bisschen hatte er Angst, zu sehr dem Trash der neunziger Jahre zu huldigen, aber als er seine Mitarbeiter nach ihren Erinnerungen fragte, merkte er schnell: Lavalampen und aufblasbare Sofas, MTV, RTL und die Simpsons – das hat Potenzial. Am allerwichtigsten aber war: Er hatte einfach Lust.

Damit könnte es zu tun haben, dass die Moderedakteurinnen ihn lieben. Weil sie sich durch ihn ganz weit von der darbenden Berliner Mode wegbeamen können. Es mag besser verständlich und ökonomisch sinnvoll sein, sich auf wenige Teile zu konzentrieren. Aber, wenn man in die Vollen geht, kann Mode auch die Aussicht auf eine andere Welt sein, Lust auf ein anderes Leben machen oder Erinnerungen wachrufen. Wenn man sie entsprechend inszeniert. Und das kann William Fan.

William Fan, Große Hamburger Str. 25, Mitte und im Kaufhaus des Westens, Infos: williamfan.com

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