Ausstellung : Triumph der Schatten in München

Japanisches Design und die Schönheit des Gealterten, Beschädigten. Bei einer Ausstellung im Haus der Kunst werden vor allem frühe Entwürfe von Kawakubo und Yamamoto gezeigt.

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Ohne Schnitte und Abnäher. Der Stoffstruktur folgend drapierte Yohij Yamamoto dieses Modell auf die Puppe. Frühjahr/Sommer 1998.
Ohne Schnitte und Abnäher. Der Stoffstruktur folgend drapierte Yohij Yamamoto dieses Modell auf die Puppe. Frühjahr/Sommer 1998.Foto: Katalog

Wenn eine Gruppe von Designern das Bild der Mode in den vergangenen Jahrzehnten nachhaltig erschüttert hat, dann die japanischen Avantgardisten. Ihnen ist eine Ausstellung im Münchener Haus der Kunst gewidmet. Im Zentrum stehen die Pioniere Rei Kawakubo mit dem Label Comme des Garçons, Yohji Yamamoto und Issey Miyake, die Anfang der achtziger Jahre mit ihren Schauen in Paris den traditionellen Kanon westlicher Schönheitsideale ins Wanken brachten.

Ihre Prinzipien – die Beschränkung auf Schwarz und Weiß, die Betonung des Unglamourösen und Unperfekten, der Zurückhaltung und Askese – erweiterten das Spektrum dessen, was seither in der Mode möglich ist. Das zeigt sich auch in der Münchener Ausstellung, die den Werdegang der japanischen Mode in den vergangenen dreißig Jahren dokumentiert.

Der Kuratorin Akiko Fukai gelingt es hervorragend, die besonderen, oft der japanischen Geistesgeschichte entlehnten Grundsätze der Designer zu veranschaulichen. Die ersten Säle illustrieren jeweils eines der gestalterischen Grundprinzipien. Einer widmet sich – in Anlehnung an einen Essay des Schriftstellers Tanizaki Jun'ichirô von 1933 – dem „Lob des Schattens“.

Gezeigt werden hier vor allem frühe Entwürfe von Kawakubo und Yamamoto, die ganz in Schwarz oder gebrochenem Weiß gehalten sind. Für die farbversessene westliche Modewelt war das seinerzeit außergewöhnlich. Die Kleider beziehen ihren eigenwilligen Reiz aus den Drapierungen, der Überlagerung einzelner Stofflagen oder – im Falle Yamamotos – gezielt eingesetzten Löchern und den daraus resultierenden Licht-Schatten-Effekten. Unterstrichen wird dieser Effekt durch die kongeniale Ausstellungsarchitektur von Sou Fujimoto, der die Parade der Puppen durch transparente Vorhänge gliedert.

Die Kleider wirken gleichzeitig zurückhaltend und aufgrund ihrer souveränen Konstruktion überwältigend. Mittlerweile sind ihre Prinzipien in den modischen Kanon aufgenommen worden. Als sie vor knapp dreißig Jahren erstmals in Paris gezeigt wurden, trafen sie wegen ihrer Andersartigkeit in bestimmten Kreisen auf Unverständnis und heftige Ablehnung. Vor allem in der französischen Presse, die ihre Definitionsmacht über das, was exklusive Mode zu sein habe, bedroht sah, häuften sich die hämischen Kommentare über das, was die Japaner auf die Laufstege der Modemetropole schickten. Die Entwürfe wurden da schon mal als „apokalyptische Kleidung“ bezeichnet, die beinahe so aussehe, „als werde sie von den Überlebenden eines Atomangriffs getragen“.

Die Kommentare zeigen, wie wenig man sich mit den ästhetischen Prinzipien der Designer beschäftigen wollte. Denn – anders als die westlichen Punks, die wenige Jahre zuvor die etablierten Werte attackiert hatten – wollten sie gerade nicht die Hässlichkeit glorifizieren. Sie hatten nur einen anderen Begriff von Schönheit. Und der war spezifisch japanisch. Eine entscheidende Rolle für die besondere Ästhetik spielte das im 16. Jahrhundert ausformulierte, aber viel ältere Konzept des „Wabi-Sabi“, das die eigenwillige Schönheit des Gealterten, Beschädigten und Ärmlichen beschwört. Dieses asketische Ideal wird in der Ausstellung überzeugend als Schlüssel zum Verständnis der frühen Kollektionen von Rei Kawakubo und Yohji Yamamoto präsentiert.

Ihren eindrucksvollsten Moment hat die Schau aber im folgenden Saal, der die Konstruktionsprinzipien der Kleider enthüllt. Hier stehen wiederum Kleider von Rei Kawakubo auf Puppen im Zentrum. Konfrontiert werden sie mit großformatigen Fotografien an den Seitenwänden, auf denen die gezeigten Entwürfe zweidimensional ausgebreitet sind. Die wirken wie abstrakte traditionelle Tuschezeichnungen. Das es sich um Kleidung handeln könnte, ist nicht erkennbar. Auch als Bilder funktionieren sie perfekt. Gerade diese Gegenüberstellung zeigt die Meisterschaft der Designerin, denn beide Aspekte stehen in einem völlig ambivalenten Verhältnis zueinander. Die realen Kleider wirken vollkommen schlüssig, nicht wie zweidimensionale Kunstwerke, die eben auch getragen werden sollen. Die zugrunde liegende Konstruktion erschließt sich nicht direkt, die Komplexität des Schnitts erzeugt lediglich eine unterbewusste Ahnung davon, dass man es hier nicht mit einem konventionellen Kleid zu tun hat.

Deutlich wird hier ein weiterer Aspekt der japanischen Mode, der von den westlichen Vorlieben der frühen achtziger Jahre abweicht: Akzentuierte die Mode im Westen damals idealisierte männliche und weibliche Körperformen, überformt sie diese in Japan durch komplexe Konstruktionen. Das zeigt sich bereits im Kimono, der den weiblichen Körper ja auch nicht zur Schau stellt, sondern überspielt. Bei den japanischen Avantgardisten wird dieses Prinzip durch asymmetrische Schnitte, pointierte Volumina und geometrische Konstruktion bis ins Extrem durchdekliniert. Wie weit das gehen kann, wird anhand einer Kollektion von Issey Miyake demonstriert, die vollständig auf origamiartig gefalteten Polygonen beruht.

Wie wenig es den Japanern um den schönen Schein von Sexyness und Glamour geht, der auf konventionellen Modenschauen oft die Kleider überstrahlt, wird ganz besonders auf den begleitenden Videoprojektionen deutlich. Dokumentiert wird beispielsweise eine Show von Junji Watanabe für Comme des Garçons, in der die mädchenhaften, bewusst asketisch gestylten Models in flachen Schuhen die Kollektion in einem schlichten Galerieraum ohne Laufsteg vorführen. Hier geht es nicht um die Inszenierung weiblicher Sexualität im westlichen Sinne, sondern darum, hochkomplexe Kleider zu präsentieren.

Ihre Stärken hat die Ausstellung dort, wo sie die revolutionären Arbeiten der Pioniere – Rei Kawakubo, Yohji Yamamoto, Issey Miyake und Junji Watanabe – aus den achtziger und neunziger Jahren anhand hervorragend ausgewählter Beispiele vorstellt. Die jüngere Entwicklung der japanischen Mode wird in den letzten Räumen eher summarisch abgehandelt.

Da finden sich die Entwürfe von Jil Sander für den Massenanbieter Uniqlo ebenso wie die Werke jüngerer Designer. Die orientieren sich häufig an Streetwear, Grafikdesign und Manga-Ästhetik oder am „Cosplay“, der unter japanischen Jugendlichen beliebten Art, sich möglichst extrovertiert zu verkleiden.

Gemeinsam ist den vielfältigen Ansätzen, dass sie alle nicht mit dem herkömmlichen Begriff sexualisierter Luxusmode in Einklang zu bringen sind. Sie sind aber spielerischer und ironischer als ihre großen Vorläufer. Gegen die konzeptionellen, vom Kunstanspruch durchdrungenen Entwürfe der ersten und zweiten Generation japanischer Avantgarde-Designer fallen sie ab.

Aber auch die Werke der Pioniere werden in einer originellen Videoprojektion auf den Boden der Realität zurückgeholt. Gegen Impressionen einer Comme-des-Garçons-Männermodenschau, in der Prominente wie Dennis Hopper als Models agieren, sind Szenen geschnitten, in denen ein leicht betreten dreinblickender, schon etwas älterer Herr Stücke japanischer Labels vorführt, die er im Laufe der vergangenen Jahrzehnte gekauft hat. Denn die Avantgardisten entwarfen nicht nur für den Laufsteg. Ihre Modelle beherrschen – wie die der verwandten Geister aus Belgien Martin Margiela, Ann Demeulemeester oder Dries van Noten – die Kleiderschränke einer ganzen Generation modebewusster Intellektueller.

„Future Beauty“, Haus der Kunst, München bis 19. Juni

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