Bademoden für alle Größen : Frei baden

Weibliche Rundungen sind in der Pariser Modewelt noch immer nicht vorgesehen. Das erkannte auch Designerin Lydia Maurer, stieg aus und gründete ein eigenes All-Size-Label für Bademoden.

Ann-Kathrin Riedl
Für die erste Kampagne Phylydas standen Sängerin Ilgen-Nur Borali und PR-Frau Melanie-Jasmin Jeske (rechts) vor der Kamera
Für die erste Kampagne Phylydas standen Sängerin Ilgen-Nur Borali und PR-Frau Melanie-Jasmin Jeske (rechts) vor der KameraFoto: Julia Marie Werner

Es hatte sich schon länger nicht mehr richtig angefühlt. Aber dann kam der Tag, an dem es endgültig zu viel wurde. Lydia Maurer, damals Kreativdirektorin beim Pariser Modehaus Paco Rabanne, besprach mit ihrem Team, welche Models für die nächste Schau gebucht werden sollten. „Mädchen, die mit ihrem schmalen Körperbau ohnehin nur ein Prozent der Bevölkerung ausmachen, wurden unglaublich hart kritisiert. Beim Anblick von Brüsten hieß es: So etwas wollen wir nicht“, erinnert sich die Designerin. Es war der Moment, in dem ihr klar wurde, dass sie die Schönheitsstandards der Branche nicht länger mittragen wollte. Nach der Schau verließ sie das Modehaus.

„Viele meiner Freunde reagierten auf die Entscheidung mit Unglauben“, erzählt Maurer heute. Denn ihre Karriere war bis zu diesem Punkt so reibungslos verlaufen wie im Bilderbuch. Die Deutsch-Kolumbianerin studierte am Pariser Studio Berçot, einer der renommiertesten Modeschulen weltweit. Es folgte der Einstieg bei Yves Saint Laurent, von dort ging es zum Traditionslabel Rue de Mail, danach zu Givenchy und dann – mit nicht einmal 30 Jahren – als Kreativdirektorin zu Paco Rabanne.

Von außen betrachtet ein Traum, doch innerlich haderte Lydia Maurer immer häufiger mit dem Umfeld, in dem sie sich befand. Es gefiel ihr nicht, wie Frauen sich quälten, um in die neusten Trendteile zu passen. Auch sie selbst spürte Druck: „In Paris reicht es nicht, eine gute Designerin zu sein. Du sollst auch schön sein und selbst in die Sachen hineinpassen“, erzählt sie. „Ich wollte mir das nicht mehr antun. Und ich wollte auch nicht mehr, dass sich andere Frauen das antun.“

Sicherheit, wenn man am nacktesten ist

Nach dem Ausstieg beschloss Lydia Maurer, ihren Traum vom eigenen Label wahr zu machen. „Ich wollte etwas Eigenes machen, aber nicht nur, um meinen Namen irgendwo draufsetzen zu können. Ich wollte auch etwas bewirken.“ Mit Bademode hatte sie bis dahin wenig zu tun gehabt, doch nun erschien sie ihr wie die perfekte Nische. „Ich fand es wichtig, Frauen Selbstbewusstsein zu geben, wenn sie am nacktesten sind.“ Auch erschien ihr der Widerspruch in diesem Bereich am deutlichsten: Frauen sollten sich auf den Sommerurlaub freuen können, doch für viele bedeutet er Stress, weil sie sich schon Monate vorher unter Druck setzen, um die vermeintlich perfekte Strandfigur zu erreichen. Gerade junge Frauen würden mit sich selbst viel zu hart ins Gericht gehen, sagt die Designerin. „Im Alter schauen sie dann Fotos an und sagen: Ich sah damals doch toll aus, warum habe ich mir selbst nicht erlaubt, einen Bikini zu tragen?“

Maurer ging von Paris nach Berlin, wo auch ihre Eltern wohnten, und gründete das Label Phylyda. Der Name kommt aus dem Griechischen, er bedeutet so viel wie Blattwerk. Das sei schließlich die ursprünglichste aller Bekleidungen gewesen, sagt Maurer. Man denke nur an Adam und Eva und das Feigenblatt. Nahe dem Kurfürstendamm liegt ihr Atelier. An Kleiderstangen hängt ihre Kollektion in warmen Farbtönen, viel Lila zu dunklem Kupfer. Die Größen reichen von 32 bis 54. Alle Teile sind untereinander kombinierbar, es gibt keine festgelegten Sets.

Niemand soll das Gefühl haben, sich anpassen zu müssen. Push-ups, die kleine Oberweiten nach oben quetschen, sucht man ebenso vergeblich wie Teile, die zwanghaft etwas kaschieren wollen. Die meisten Oberteile haben zwar breitere Träger, die Hosen reichen höher über die Hüften als gewohnt, dank kleiner Spielereien wie Schleifen und Cut-outs fällt das aber nicht weiter auf. Die Zuschreibung „Plus-Size-Label“ passt Lydia Maurer nicht. „Phylyda ist ein All-Size-Label. Ich will alle Frauen ansprechen.“

Lydia Maurer ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Käuferinnen sind selbstbewusster geworden. Immer öfter fordern sie ein, dass sich die Mode ihnen anpasst und nicht umgedreht. „Bislang reiten die meisten Marken auf dieser Welle mit, weil es gut für den Verkauf ist. Aber auch wenn es erst mal nur eine kommerzielle Entscheidung ist – immerhin tut sich überhaupt etwas“, sagt Maurer. Ihr selbst ist mit ihrer Botschaft geradezu ein Senkrechtstart gelungen. Dank ihrer früheren Karriere in französischen Luxusmodehäusern war ihr das Interesse der Presse von Anfang an sicher. Die größte Aufmerksamkeit bekam sie aber für die erste Kampagne ihres Labels.

Lydia Maurer legt Wert darauf, dass Phylyda als All-Size-Label wahrgenommen wird
Lydia Maurer legt Wert darauf, dass Phylyda als All-Size-Label wahrgenommen wirdFoto: promo

Maurer ließ dafür Frauen aus ihrem Bekannten- und Freundeskreis fotografieren, unterschiedliche Körpertypen, ohne Retusche. Eine von ihnen ist ihre PR-Agentin Melanie-Jasmin Jeske. Nicht für jedes Label, das sie vertritt, würde sie auch selbst Körpereinsatz zeigen, sagt Jeske. Für Phylyda aber machte sie eine Ausnahme. Wohl wissend, dass die Bilder gerade in den sozialen Netzwerken nicht nur positive Reaktionen hervorrufen würden. Für viele Menschen sei es noch ungewohnt, unperfekte Frauenkörper zu sehen, sagt sie.

Bis unsere Denkmuster und Sehgewohnheiten sich ändern, wird es noch eine Weile dauern. Das könne sie auch an sich selbst beobachten. Neulich, berichtet die PR-Frau, habe ihr im Zug eine Frau gegenübergesessen, die in einem Modemagazin blätterte und ihr immer wieder verstohlene Blicke zuwarf. Jeske wusste, dass genau in diesem Magazin über die Kampagne berichtet wurde. „Mein erster Impuls war, mich unwohl zu fühlen, weil ich an diesem Tag in Jogginghose und mit strähnigem Haar unterwegs war. Und ausgerechnet in diesem Zustand erkannt wurde. Aber dann wurde mir bewusst, wie absurd dieser Gedanke war.“ Die Vorstellung, immer perfekt aussehen zu müssen, sei eben auch in ihrem Kopf noch fest verankert.

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