Berlin Fashion Film Festival : Leinwand statt Laufsteg

Hollywood-Regisseure drehen neuerdings Modefilme. Auf dem Berlin Fashion Film Festival zeigte sich, wie das Genre immer mehr an Bedeutung gewinnt.

Ann-Kathrin Riedl
Traum in Pastell. Für einen Modefilm des Labels Miu Miu räkeln sich Models am Pool
Traum in Pastell. Für einen Modefilm des Labels Miu Miu räkeln sich Models am PoolFoto: promo

"Niemand sieht die Welt wie mein Tom", sagt der Vater und streicht seinem Sohn über den Kopf. Er soll Recht behalten. Aus dem kleinen Jungen wird ein Modeschöpfer in London, der einen der wichtigsten Modeklassiker erschafft: den Trenchcoat. Ihn tragen britische Soldaten im Schützengraben, Entdecker gehen damit auf Expeditionen. Währenddessen findet der Designer seine große Liebe, erlebt rauschende Ballnächte, und beginnt schließlich doch eine Affäre mit Flugpionierin Betty Kirby-Green. Klingt nach der Handlung eines Hollywood-Blockbusters. Tatsächlich aber handelt es sich um einen Modefilm der britischen Traditionsmarke Burberry. Oscar-Regisseur Asif Kapadia erzählt darin die Geschichte des Labelgründers, Thomas Burberry, mit Hollywoodstar Sienna Miller in einer Hauptrolle.

Einst waren Modefilme reines Werbemittel mit keiner oder wenig Handlung. Modefirmen ließen während des Fotoshootings für ihre nächste Kampagne einfach die Kamera mitlaufen, anschließend fügten sie einige Schnipsel zusammen, nannten es Behind-the-Scenes-Video und schickten es an die Presse. Doch so einfach ist es längst nicht mehr.

"Der Modefilm entwickelt sich weg vom Werbe- hin zum Kunstfilm", sagt Frank Funke, Gründer des Berlin Fashion Film Festivals, das nun zum fünften Mal stattfand. Funke hat sein Leben lang beim Film gearbeitet, alle Stationen durchlaufen und irgendwann beschlossen, selbst Regie zu führen. Nach dem Besuch eines Festivals für Modefilm in Paris wusste er, wohin ihn sein Weg führen sollte. Doch als er zurück in Deutschland seine Ideen vorstellte, blickte er in fragende Gesichter. "Ich habe erkannt, dass es erst einmal Aufklärungsarbeit braucht, um auf das Genre aufmerksam zu machen." 2012 rief Funke zur ersten Ausgabe des "BFFF" auf. Seitdem treten auch hierzulande die besten Modefilme gegeneinander an und Brancheninsider diskutieren die Entwicklungen des Genres. Am Ende kann das hollywoodeske Epos "Die Geschichte des Thomas Burberry" den Preis in der Kategorie "Major Brand" holen.

Modefilme so aufwendig wie Blockbuster

Dass Modefilme derart aufwendig produziert werden, ist keine Seltenheit mehr. Als eines der ersten Modehäuser holte sich Prada die großen Namen der Filmwelt ins Boot. Auch Karl Lagerfeld spann schon früh kleine Geschichten rund um seine Chanel-Kollektionen, die mit einem ganzen Aufgebot an Models und Hollywood-Stars verfilmt wurden. Inzwischen gehört dies unter den großen Modehäusern zum guten Ton. Sogar die Bekleidungskette H&M engagierte für ihren jüngsten Weihnachtsfilm Regie-Ikone Wes Anderson.

„Heute dreht sich alles darum, Geschichten zu erzählen und ein bestimmtes Lebensgefühl zu transportieren“, weiß Jacobo Maria Cinti, Kreativdirektor des Onlinejournals Mr Porter. Das Journal gehört zum Luxus-Versandhaus Net-A-Porter. Inzwischen produziert es nicht mehr nur Artikel, sondern auch Modefilme, um das Angebot des Unternehmens zu bewerben. Beim Berlin Fashion Film Festival steht Cinti auf der Bühne des Columbia Theaters vor einer großen Leinwand und teilt seine Strategie. „Es geht bei unserer Arbeit nicht in erster Linie darum, etwas zu verkaufen, sondern dass die Menschen berührt werden und darüber sprechen."

Gerade junge Konsumenten seien durch soziale Netzwerke wie Snapchat oder Instagram, aber auch durch Youtube, daran gewöhnt, alles in Bewegtbild gezeigt zu bekommen. Damit steigen die Ansprüche. Wer die Kamera einfach auf ein Produkt hält, kann nicht mehr überzeugen. Bei den Videos von Mr Porter soll deshalb die "Story" im Mittelpunkt stehen - ein Wort, das alle Redner des Festivals beinahe inflationär gebrauchen. "Die Zeit des Gefühls hat begonnen", prophezeit Designer Jeremy Abett. Mode muss Emotionen ansprechen und unterhalten. Denn eine gute Geschichte teilt sich in den sozialen Netzwerken besonders gut - vielleicht sogar unter Menschen, die für das Thema Mode ansonsten nur wenig Begeisterung aufbringen. Kein Wunder also, dass Unternehmen, die es sich leisten können, immer häufiger Regisseure und Schauspieler aus der Traumfabrik einkaufen, denn die haben sich als Geschichtenerzähler bereits bewährt.

Unter den Nominierten: das Video zum Song "Eating Hooks" der Band Moderat, das zugleich auch als Modefilm fungiert
Unter den Nominierten: das Video zum Song "Eating Hooks" der Band Moderat, das zugleich auch als Modefilm fungiertFoto: promo

Die größte Herausforderung sei die immer kürzere Aufmerksamkeitsspanne, weiß Juul van Alphen, die mit ihrer Produktionsfirma für Modehäuser wie Stella McCartney oder Tommy Hilfiger dreht. "Die Konsumenten sind immer hungrig nach dem neueren, noch mitreißenderen Clip." Modefilme müssen in wenigen Sekunden überzeugen. Van Alphen setzt auf die Faktoren Nähe und Identifikation. "Darum braucht es Personen wie Gigi Hadid, die den Zuschauer im Film auf eine Reise mitnimmt."

Wir leben im Zeitalter der Emotion

Bei einer Sache ist sich van Alphen sicher: "Bewegtbild wird schon bald den Großteil dessen ausmachen, was uns täglich umgibt und was wir sehen." Ähnlich sieht es Festival-Gründer Frank Funke. "Die klassische Werbeanzeige hat ausgedient." Schon jetzt wird das Geld, das früher in aufwendige Fotokampagnen gesteckt wurde, lieber in Videos investiert. Und das Genre bietet noch unendlich viele Möglichkeiten. Die Zukunft liegt im Bereich Virtual Reality, also in computergenerierten, interaktiven Umgebungen. Schon jetzt stehen in einer Ecke des Columbia Theaters Menschen mit schweren Brillen auf dem Kopf, drehen sich mal hierhin, mal dorthin und wollen Dingen entgegen gehen, die nur sie sehen können. Mathias Chelebourg hat sie in eine fremde Welt geschickt. Der Pariser Regisseur erstellt begehbare Modefilme.

Wer seine VR-Brille trägt, findet sich in einer Kathedrale wieder, aus der Türen abzweigen. Blickt man lange genug auf diese Türen, öffnen sie sich und Models treten heraus, kommen näher, bis man sie fast berühren kann, drehen dann wieder ab, um im Dunkeln zu verschwinden.

Entstanden ist die Simulation für das Modehaus Prada - auch hier wieder Vorreiter - und war weltweit in den Stores der Marke zu erleben. "In Zukunft wird der Zuschauer noch mehr in das Geschehen eintauchen und den Verlauf mitbestimmen wollen", sagt Frank Funke auf die Frage, wie es mit dem Modefilm weitergehen wird. Was hier ausprobiert wird, könnte auch in anderen Branchen wichtig werden. Produzentin Juul van Alphen ist sich sicher: "Modefilme haben eine Vorreiterstellung, einfach weil sie so eng mit der Mode verknüpft sind und die ist nun mal Vorreiter für viele kulturelle Entwicklungen."

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