Bitte mehr Selbstbewusstsein : Oui Berlin

Wir glorifizieren auch in Berlin gerne den französischen Stil. Dabei müsste das gar nicht sein. Ein Plädoyer für mehr Selbstbewusstsein zum Beginn der Fashion Week.

Ann-Kathrin Riedl
Design aus Berlin vor dem Eifelturm. Ottolinger sitzt in Berlin, zeigt aber in Paris
Design aus Berlin vor dem Eifelturm. Ottolinger sitzt in Berlin, zeigt aber in ParisFoto: Schah Eghbaly

Eigentlich sollten wir uns doch alle freuen. Die Berliner Modewoche ist angelaufen und schon die erste Show hat begeistert. Doch: Für drei Tage überschneidet sich die Berliner Fashion Week mit der Haute-Couture-Woche in Paris. Von beiden Anlässen werden hunderttausende Fotos geschossen. Vom Laufsteg, aber auch von den Gästen in der ersten Reihe. Modewochen dienen schließlich immer als Plattform für die Stars und Sternchen des jeweiligen Landes. Schlussendlich werden aber in Magazinen hierzulande fast nur Fotos aus Paris gedruckt werden. Fotos von deutschen Front-Row-Gästen sind auf der letzten Seite, wenn überhaupt.

Natürlich kann man jetzt sagen: Entweder es lohnt sich, ein Foto von einer Person zu schießen und zu drucken, oder nicht. Das hat nichts damit zu tun, ob sie aus Frankreich oder Deutschland kommt. Doch es gibt auch ein Konstrukt, das wir selbst erschaffen haben und dem wir uns immer wieder unterordnen. Es heißt „die Französin“.

Es gibt ein Meme, also eine Bildmontage, im Internet, die den Titel „Berlin Front-Row vs. Paris Front-Row“ trägt. Darauf wird eine subtil elegante erste Reihe in Paris neben eine grell wirkende deutsche gestellt. Die Botschaft ist klar: Seht her, die Französinnen können guten, mühelosen Stil. Die müssen nicht stundenlang von Stylisten auf Vordermann gebracht werden, kein perfekt liegendes Haar haben und sich nicht in enge Kleider zwängen. Der Französin ist alles egal. Und trotzdem ist sie bezaubernd und schlägt im Vergleich alle anderen Frauen. Geteilt wird dieses Bild besonders gerne unter deutschen Modejournalisten, wenn sie sich mal wieder über die Modewoche hierzulande lustig machen wollen.

Die Deutschen haben keinen Stil, das hört man oft. Vor allem von Deutschen selbst. Da mag unser Haushalt noch so ausgeglichen sein, die Eleganz hat nun mal allein die Französin gepachtet. Also schielen wir neidisch ins Nachbarland. Wir lesen den Stil-Guide „How to be Parisian“ des französischen Models Caroline de Maigret und wünschen uns, dadurch vielleicht ein Scheibchen von ihrer Eleganz ab zu bekommen. Das ist ein bisschen so, als würde die Klassenstreberin sich insgeheim danach sehnen, doch zu den cool kids zu gehören.

Wenn deutsche Stars die Berliner Modewoche besuchen, wird selten gejubelt. Zugegeben: Meistens gibt es auch nichts zu jubeln. Das ist aber zum Teil hausgemacht. Viel zu oft werden den Frauen in der ersten Reihe von PR-Agenturen auch tagsüber Abendkleider und High-Heels verordnet. Weil die erste Reihe hierzulande genauso aussehen soll wie in Paris.

Aber wie viel besser wäre es, den eigenen Stil zu feiern, anstatt zur schlechten Kopie zu werden. Und mal ehrlich: Ist der Stil der Klischee-Französin nicht eigentlich ganz schön langweilig? Enge Jeans, weiße Bluse, dazu ein Tweed-Jäckchen und die obligatorische Chanel-Handtasche. Das sieht gut aus. Rechtfertigt aber doch nicht andauernde Begeisterungsstürme.

Lieber einen eigenen Stil finden, als zur schlechten Kopie werden

Es ist ja auch nicht so, als gäbe es in Berlin keine anderen Inspirationsquellen. Die Labels, die im Moment in Paris am frenetischsten gefeiert werden, sind eigentlich in Berlin ansässig und greifen die raue Ästhetik der Stadt auf. Ottolinger und GmbH sind Beispiele dafür. Aber auch Demna Gvasalia, gleichzeitig Chefdesigner des In-Labels Vetements und des Pariser Traditionshauses Balenciaga lässt sich gerne von der Berliner Techno-Szene wie der Partyreihe Herrensauna inspirieren. Die Models, die über seine Laufstege laufen, arbeiten dort als Türsteher und DJs. Die Mode all dieser Labels ist nicht elegant, nicht subtil und ganz bestimmt nicht klassisch schön. Aber sie passt zu dieser Stadt, die ja auch nicht klassisch schön ist wie etwa Paris.

Anstatt bei dieser Fashion Week also wieder Vergleiche zu ziehen und darüber zu klagen, wie schwer sich die Deutschen mit der Mode tun, könnte man auch einfach innehalten und die Augen dafür öffnen, dass sich in manchen Ecken von Berlin in den vergangenen Jahren ein spezifischer Stil herausgebildet hat, der vielerorts als toll empfunden wird. Jetzt braucht es nur noch jemanden, der sich traut, Marken wie Ottolinger in der ersten Reihe der Berliner Fashion Week zu tragen. Damit sie auch als Teil der Berliner Mode erkannt und wahrgenommen werden. Bislang zeigen nämlich alle genannten Labels ihre Kollektionen nicht hier, sondern in Paris.

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