Blinder Modedesigner : Entwerfen gegen die Dunkelheit

Seine Entwürfe sind opulent plissiert und farbenprächtig - aber Merch Mashiah sieht sie nur noch verschwommen. Der Berliner Designer verliert sein Augenlicht und will trotzdem weitermachen.

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Ein Model posiert in einem Abendkleid. Foto: Stephan Zimmer
Plissiert. Bei Merch Mashiah macht die Falte das Kleid.Foto: Stephan Zimmer

Ganz nah hält Merch Mashiah den Stoff an seine Augen. Ja, das ist der bunt gemusterte. Er streicht über den fein plissierten Stoff: „Das ist meine Spezialität.“ Dann holt er einen schlichten langen Mantel aus einem Seitenraum. In seinem Atelierladen fühlt sich der Designer sicher. Aber draußen ist er verloren.

Merch Mashiah sieht fast nichts mehr. Seit zwei Jahren geht das so, die Nerven sterben, bald wird er blind sein. Er muss selbst ein wenig den Kopfschütteln, ein blinder Designer, was soll denn das. Aber seit alles um ihn herum immer dunkler und verschwommener wird, sieht er innen drin immer klarer. „Als ich wusste, dass ich blind werde, habe ich mir dicke schwarze Stifte geholt und nächtelang gezeichnet.“ Seine Mitarbeiter, seine Näherinnen, alle wollten weitermachen. Da hat er den Laden in der Leibnizstraße 56 neu gestaltet, das Lager geschlossen und sich an seine neuen Entwürfe gemacht.

Auch Michelle Obama hat Kleider von ihm im Schrank

Mit weiten plissierten Kleidern und Mänteln mit geschwungenen Kanten passt er nicht in das Raster der Berliner Designer. Und auch, wenn er einige Stammkundinnen in Berlin hat, verkauft er seine Kleider vor allem im Ausland, in den arabischen Ländern, aber auch in Italien und Großbritannien.

Manchmal, wenn Mashiah von einer Modemesse zurückkommt, will er alles hinschmeißen. Aber dann denkt er daran, dass auch Michelle Obama Kleider von ihm besitzt – und macht weiter. Trotzdem bestimmt seine Krankheit immer mehr seinen Alltag. Er muss lernen, sich draußen alleine zu bewegen. Der gebürtige Israeli hält sich immer öfter in Tel Aviv auf, wo seine Familie lebt und das Leben ihm leichter fällt. Seit dreißig Jahren lebt er in Berlin und möchte auch hier weiter arbeiten: „Wenn ich die Arbeit nicht hätte, wäre ich wahnsinnig geworden.“

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