Buchtipp "Traces. Mode & Migration" : Die Wus, die Lims und die Wangs

Das Buch "Traces" geht der Frage nach, welche Spuren Migration in der Mode hinterlässt

Ann-Kathrin Riedl
Von Kenia nach Dresden: Nicole Atieno ist heute eines von Deutschlands erfolgreichsten Models
Von Kenia nach Dresden: Nicole Atieno ist heute eines von Deutschlands erfolgreichsten ModelsFoto: Heji Shin

Man fühlt sich ein bisschen verloren in der großen, gläsernen Eingangshalle des Auswärtigen Amtes. Dann aber erklingt dramatische Musik und das erste Model schreitet die Treppe des Foyers herunter.

Wenn es um das Thema Migration geht, wird in Deutschland aus einer Buchpräsentation ein Staatsakt. So zu beobachten bei der Vorstellung von „Traces – Fashion und Migration“, einem Projekt der Berliner Akademie Mode & Design. Unterstützt vom Auswärtigen Amt und mit einer Modenschau in den eigenen Hallen gefeiert. Es zeigt sich wieder einmal: Unser Umgang mit dem Thema Migration ist noch immer alles andere als unverkrampft und selbstverständlich. Es ist also nicht verkehrt, ihm weiterhin Bücher zu widmen. Besonders wenn sie einen bislang unverbrauchten Blickwinkel einnehmen, nämlich den der Mode.

Welche Spuren hinterlässt Migration in der Mode? In Traces wird dieser Frage anhand von Artikeln, Interviews und Fotostrecken nachgegangen. Was passiert etwa, wenn die Logos westlicher Luxuskonzerne anderswo gefälscht werden und dann wiederum, in ihrer veränderten Form, ihren Weg zurück finden? Was bedeutet es für die Modewelt Amerikas und Europas, die jahrzehntelang von kreativen Einwanderern aus Asien profitierte – von Designern wie Jason Wu oder Alexander Wang –, wenn junge Absolventen, die an westlichen Modeschulen gelernt haben, ihr Wissen künftig lieber wieder mit nach China zurücknehmen, statt zu bleiben und ihr Label in New York zu gründen?

Das Buch bietet einige interessante Einblicke – über Mode generell und die Modewelt Deutschlands im Besonderen. Etwa darüber, wie sich in Neukölln zugezogene Hipster an den modischen Codes von Arabergangs bedienen und sie ironisieren. Aber auch darüber, dass die Modeszene, von der Berlin heute profitiert, zu einem großen Teil von Menschen mit Migrationshintergrund aufgebaut wurde und getragen wird. Angefangen bei Designerinnen und Designern wie Leyla Piedayesch, William Fan und vielen anderen, denen Porträts gewidmet werden und deren Botschaft unisono lautet: Meine Herkunft war kein Hindernis für meine Karriere, sondern treibende Kraft.

Es gibt aber auch Neues zu entdecken. So wie das Berliner Designerkollektiv GmbH, das als einziges Label aus Deutschland in diesem Jahr für den renommierten LVMH-Preis nominiert ist. Gegründet wurde GmbH von Serhat Isik, Sohn türkischer Einwanderer, und Benjamin Huseby, Sohn einer Norwegerin und eines Pakistaners. Von einer Romantisierung exotischer Referenzen halten die beiden Designer aber nichts, verraten sie im Interview.

In solchen Geschichten liegen die Stärken des Buchs, das sich an anderen Stellen gern auf Vertrautes, schon oft Gelesenes verlässt. Dabei warten gerade bei diesem Thema frische Protagonisten in Berlin doch an jeder Ecke.

Traces. Migration & Fashion“ ist im Distanz Verlag erschienen. Es kostet 29,90 Euro.

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