Comme des Garçons-Chef Joffe : "Eine perfekte Kollektion wäre das Ende"

Adrian Joffe leitet Comme des Garçons, eines der prägenden Modehäuser der Welt. Im Tagesspiegel spricht er über die Arbeit mit seiner Frau Rei Kawakubo.

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Ihren ersten Guerilla-Store haben Sie 2004 in der Chausseestraße eröffnet. Jetzt sitzen wir hier in Ihrem ersten richtigen Berliner Store...

Berlin war der Geburtsort für diese Art von Shops. 2003 besuchte ich mit meiner Frau Rei Berlin. Ich fühlte diese Energie, es schien eine andere Welt zu sein: unkommerziell, Leute, die in ihren Räumen eigene Sachen machen. Das hat uns sehr inspiriert. Wir waren uns sicher: Hier müssen wir etwas machen und die Leute unterstützen. Ein Jahr später haben wir den ersten Guerilla-Store eröffnet. Hier hat sich sehr viel verändert, es ist touristischer, manche Orte sind verschwunden und das bedauern wir ein bisschen. Aber die Entwicklung ist nicht zu stoppen.

Für Comme des Garçons ist die Zeit der Guerilla-Stores vorbei?

Auf jeden Fall. Wir haben nach fünf Jahren damit aufgehört. Es macht jetzt jeder. Manchmal sind die Läden wirklich gut, aber oft leidet die Idee, wenn es sehr kommerziell ist und große Marken im Spiel sind. Der Reiz ist weg

Aber Berlin ist nach wie vor interessant für Sie?

Dieses Gefühl für Berlin ist immer noch da.Ich habe unserem Berliner Ladenchef Christian Weinecke angeboten, wieder etwas in Berlin zu machen. Rei hat ihn die beiden Shops entwerfen lassen – auf Grundlage strenger Parameter. Sie gab genau vor, wie groß die einzelnen Elemente, die schwarzen Wände, die Räume, die so entstehen, sein sollen.

Rei hat mit ihren Kollektionen in den frühen 80ern die Modewelt und ihre Geschlechterrollen verändert. Wo stehen wir heute?

Wir sind nie so modern, wie wir gern wären. Wer sagt: Das ist ein Mann, das ist eine Frau, das ist schön und das nicht? Die Diskussion um Gender ist ja entstanden, weil alles so festgelegt war. Für Rei ist es spannend, damit zu spielen. Sie akzeptiert keine Regeln, nichts, was ihr ihre Freiheit nimmt. Es geht ihr um die Person und nicht um das Geschlecht.

Sie sagte einmal, Mode zu entwerfen, sei, als würde man einen Berg erklimmen. Ist es nicht eher eine Wellenbewegung?

Auch beim Bergsteigen geht es auf und ab. Für Rei ist der höchste Gipfel die Perfektion.

Und wo auf dem Berg ist sie jetzt?

Es bleibt ihr Ziel, eine perfekte Kollektion zu entwerfen. Sie denkt, sie hat es bisher noch nicht geschafft, und ist sicher, dass sie nie auf dem höchste Gipfel ankommen wird. Außerdem wäre eine perfekte Kollektion das Ende für sie.

Sie sagte auch, dass es für sie schwerer wird, zu entwerfen.

Es ist eine Last, das Gepäck der Jahre. Die Welt ist unbegrenzt, aber je mehr Erfahrung man hat, desto schwerer wird es, neue Erfahrungen zu machen. Wenn man in mein Alter kommt – und sie ist jünger als ich –, hat man eine Menge hinter sich. Es wird immer schwerer, etwas zu tun, was man noch nie getan hat. Manche Menschen kommen in ihrem Leben an den Punkt, wo sie mit den Dingen zufrieden sind. Dann werden sie kleiner und kleiner und sind nicht mehr am Leben interessiert. Der beste Weg, älter zu werden, ist, nie aufzugeben, Neues zu entdecken. Sonst stagniert man. Es geht nicht darum, sich zu erinnern, sondern darum, zu vergessen, was man gelernt hat

Daher hat Sie nie zurückgeschaut?

Man sollte nicht zurückblicken, sondern immer nach vorne. Aber das ist unmöglich. Die Menschen fragen sich immer: Woher kommt etwas? Sie suchen ständig nach Referenzen. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht können Sie mir eine Frage beantworten: Warum müssen Journalisten immer definieren, wo etwas herkommt? Liegt es an der menschlichen Natur, dass Menschen alles verstehen müssen?

Ich glaube, es geht eher um Übersetzung. Dass man Mode in Worte übersetzt. Das ist manchmal ziemlich unmöglich.

Journalisten sollten versuchen, etwas zu erklären, ohne sich auf etwas anderes zu beziehen. Viele Journalisten sagen einfach: Das erinnert mich an jenes. Es erleichtert ihnen die Arbeit. Warum versuchen sie nicht, Dinge als reine Schöpfungen zu erklären? Wie sie auf sie gewirkt haben, was sie mit ihnen gemacht haben?

Aber viele Designer haben eine Inspiration, etwa das Rokoko. Aber Ihre Frau arbeitet abstrakter, mehr wie ein Gefühl, das Sie in Mode übersetzen?

Genau. Nicht nur die Journalisten sind schuld, auch die Designer. Die sind manchmal eher Stylisten. Die schauen in Bücher und setzen Sachen zusammen. Das kann manchmal sehr neu sein. Aber das ist nicht, was uns ausmacht. Das ist abstrakter.

Sie sind ein Gegengewicht zu dem kreativen Genie ihrer Frau. Müssen beide Seiten eng zusammenarbeiten?

Das ist wichtig. Sie hat das gesamte Unternehmen entworfen, nicht nur die Kleidung. Wie die Tische stehen sollen, wie die Visitenkarten aussehen. Für sie sind die Dinge nicht isoliert. Bevor sie ein neues Kleid entwirft, stellt sie sich vor, wie es im Laden aussehen wird. Meine Rolle besteht darin, das in die Realität zu übersetzen. Ich versuche nicht, kreativ zu sein, indem ich Dinge entwerfe, das ist nicht mein Job. Ich weiß, was sie ausdrücken will, und versuche, passende Verkaufsstrategien zu finden.

Sprechen Sie darüber?

Ja, wir reden viel über Strategien, was für eine Art von Marke wir als nächstes machen sollen. Es ist schwer für uns, mit den Dingen, die wir haben, mehr zu verkaufen als jetzt. Unser Geschmack ist nicht für jedermann, sondern für eine Minderheit. Wir diskutieren also über neue Marken wie „Black“. Denn für die Hauptkollektion gibt es nie mehr als eine begrenzte Anzahl von Menschen.

Für Sie ist es sehr wichtig, ein unabhängiges Unternehmen zu sein?

Das ist die wichtigste Frage, auch langfristig. Wir werden nicht für immer da sein, und die Firma muss weiter bestehen. Die Zukunft für uns ist, gleichgesinnte Menschen zu finden, die ins Unternehmen kommen und investieren. Ohne Rechte, ohne die Kontrolle zu übernehmen.

Passiert das bald?

Es passiert nicht jetzt, aber wir müssen anfangen, darüber nachzudenken, in den nächsten fünf bis zehn Jahren, wie das, was wir aufgebaut haben, den nächsten Schritt machen kann. Wann wir gehen können. Es geht darum, die richtigen Leute zu finden, die die Marke in die nächste Generation führen können. Rei war immer schon so clever, aufstrebende Designer ins Haus zu holen, die den Geist des Unternehmens eingesogen haben. Wir haben jetzt drei Designer, Junya Watanabe, Tao Kurihara und Fumito Ganryu. Das heißt, den Glauben an Comme des Garçons als kreatives Unternehmen haben jetzt drei Menschen mehr. Das ist ein einzigartiges Konzept, weil sie ebenfalls ihre Freiheit haben. Rei mischt sich gar nicht ein.

Es läuft also anders als in vielen Modekonzernen – keine moderne Sklaverei?

Es ist langweilig geworden, dass junge Designer in großen Häusern sich immer an den Archiven orientieren müssen. Das ist überhaupt nicht modern. Es gibt sehr wenige Firmen Ihrer Größe, die so unabhängig arbeiten. Sehr wenige, vielleicht gar keine. Wenn Rei aufhört zu arbeiten, dann gibt es Comme des Garçons nicht mehr. Aber wir haben 15 Labels unter unserem Dach. Es können andere kommen und „Black“ oder die Parfüms und Portemmonaies weiterführen – aber niemand die Marke Comme des Garçons.

Rei sagte mal, es sei egal, ob man eine gute oder schlechte Reaktion auslöst. Hauptsache, es gebe überhaupt eine Reaktion.

Manchmal sind die Reaktionen schmerzhaft, aber wir wissen heute, dass das viel besser ist, als ignoriert zu werden.

Sie legen solchen Wert auf ihre Freiheit, wäre es da nicht einfacher, wenn Sie ignoriert würden?

Nein, man kann nicht isoliert leben,das ist eine falsche Form von Freiheit, eine Art Gefängnis. In einem Vakuum kann man nichts entwerfen. Sie fühlt immer etwas, reist so viel wie möglich. Man muss sich von der Gesellschaft berühren lassen. Man muss menschlich bleiben.

Also ist das Entwerfen ein schmerzhafter Prozess?

Ja, sie sagt immer, wie sehr sie darunter leidet. Sie hat Spaß, wenn sie in den Zoo geht und die Tiere sieht. Die Arbeit hat mit Spaß nichts zu tun, niemals. Und das wird sich auch nicht mehr ändern.

Aber ist es nicht auch Teil ihrer Arbeit, in den Zoo zu gehen?

Sie trennt das strikt. Sie findet dann ihren Frieden, und ich glaube, das ist Teil ihrer Persönlichkeit. Das ist für ihr Wohlbefinden sehr wichtig, ein Tier zu streicheln oder mit einem Hund zu spielen. Für sie als Person ist das sehr wichtig, aber es gibt keine Verbindung zu ihrer Arbeit.

Das Gespräch führte Grit Thönnissen

- Im Berliner Geschäft von Comme des Garcons kann man die Linien Black und Pocket kaufen. Linienstraße 115, in Mitte. 

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