Darstellungsform : Installierte Models

Viele Modeschöpfer wollen heute ihre Kleider anders präsentieren als üblich. Der Wunsch, eigene Erzählformen für seine Mode zu finden, ist nicht nur der Kostenersparnis geschuldet.

Timo Feldhaus
Installation der C.Neeon-Designerinnen Doreen Schulz (links) und Clara Leskovar.
Installation der C.Neeon-Designerinnen Doreen Schulz (links) und Clara Leskovar.Foto: Paul Zinken

Michael Sontag steht in einem Kapuzenpullover, auf den in großen Lettern „Paris“ gedruckt ist, vor dem Fenster seines Ateliers und schaut auf die hässliche Greifswalder Straße. Es ist spät geworden. Sontag hatte heute Besuch von 150 schönen Mädchen. Sie sind vor dem Shootingstar unter den Berliner Jungdesignern auf- und abgelaufen, nun muss er sich für 14 Models entscheiden, die am Freitag seine Herbst/Winterkollektion im Römischen Hof Unter den Linden präsentieren. Die Mädchen sollen allerdings nicht über einen Catwalk laufen, Sontag wird sie eine Stunde lang „fest im Raum installieren“. Wie auffällig viele seiner Kollegen und Kolleginnen, etwa die Labels Frida Weyer, Odeeh, Eva & Bernard, Augustin Teboul oder C.Neeon, hat er sich diesen Winter bewusst gegen eine klassische Laufstegshow entschieden. Viele Modeschöpfer wollen heute ihre Kleider anders präsentieren als üblich.

Am Mittwoch präsentierte sich Augustin Teboul im Soho House erstmals in Deutschland. Auch das deutsch-französische Newcomer-Label hat sich für die Präsentation seiner Kollektion „Little Red Head“ für eine Show-Installation entschieden: Zehn Models sitzen wie versteinert vor einem schweren schwarzen Samtvorhang auf ebenso schweren Plüschsofas. Sie tragen schwarze Kleider, haben rote große Perücken auf. Hin und wieder steht ein Mannequin auf, bewegt sich grazil in eine Ecke. Musik spielt, die Geschichte eines rothaarigen Mädchens wird erzählt. Die Performance dauert neun Minuten, und wiederholt sich drei Stunden lang. Die Inszenierung spielt auf ein Boudoir zur Zeit Ludwigs XVI. an, ein elegant eingerichteter Raum und Ankleidezimmer, in den sich die Dame des Hauses zurückziehen konnte. Die Präsentationsform, die an die kühlen Performances von Vanessa Beecroft ebenso erinnert wie an ein schummriges Bühnenbild der Volksbühne gegenüber, überzeugt gerade durch diese Referenzen, weil sie die Idee der lasziven Spitzenmode von Augustin Teboul in die Kulisse erweitert.

Auch das Berliner Label C.Neeon lud, statt wie bisher in jedem Halbjahr eine Catwalkshow zu präsentieren, am Mittwoch zu einer „Ausstellung“. Grund für das veränderte Format ist die Eröffnung seines ersten eigenen Ladens in Berlin an der Kastanienallee 55. In dem kleinen Raum steht eine Installation aus vier Tischen. Heraus ragt eine angezogene Puppe. Die Designerinnen erklären, dass es sich dabei um „Iris“ handelt, die zentrale Inspirationsfigur ihrer gleichnamigen Kollektion. Es stehen noch andere Puppen im Raum und um die Tische herum, die wie in einem Esszimmer, als zentrale Gegenstände im Raum angeordnet sind. Der Verkaufsraum wird zur Kleiderkulisse, den man flanierend umschreitet.

Statt einer sich bewegenden Puppe, dem Modell, hinterherzuschauen, kann man in diesen Situationen, wie in einer Kunstgalerie, stehenbleiben, sich etwas genau anschauen, und selbst im Raum bewegen, während das Objekt steht. Es lassen sich Materialien, Zusammensetzung und Farbpalette in einem Gesamtbild begutachten, während der Designer anwesend und für Fragen und Erklärungen ansprechbar ist.

Der Wunsch, eigene Erzählformen für seine Mode zu finden, ist nicht nur der Kostenersparnis geschuldet, wie das Beispiel Michael Sontag zeigt, der ebenso im Zelt hätte präsentieren können. Es ist eine Gegenbewegung zu Spektakel und Entertainment und so gewissermaßen auch zur Show am Bebelplatz, deren Ideal Supermodels, laute Musik und viel Licht ist. Diese bietet zwar weiterhin einen überzeugenden Rahmen, doch der professionalisierte Hintergrund gibt wenig Möglichkeiten, eine Kleidervision in einer kunstvolleren Präsentation individuell zu unterstreichen. Und Sontag, der sich im Gespräch in seinem Atelier ständig gegen eine Zusammenführung von Kunst und Mode wehrt, rutscht es am Ende doch raus: „Wenn man alle meine Models wie ein Bild zusammen sehen kann, ergibt es vielleicht doch so etwas wie ein Gemälde.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar