Design aus Zürich : Freitag gibt jetzt richtig Stoff

Die Schweizer Taschenhersteller Freitag haben Hosen und T-Shirts auf den Markt gebracht - das hat fünf Jahre gedauert.

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Daniel präsentiert die Hose, Markus das T-Shirt.
Daniel präsentiert die Hose, Markus das T-Shirt.Foto: Lukas_Wassmann

Im Berliner Laden von Freitag werden jetzt Hosen kompostiert. Appetitlich ist der Komposthaufen in einer Schublade der Ladeneinrichtung verstaut. Nur noch ein wenig vom Taschenfutter ist erhalten – aber in drei Monaten wird auch davon nichts mehr übrig sein.
Der Hauptsitz der Firma in einem Züricher Industriegebiet, Ende August. Markus und Daniel Freitag erklären, was es mit der kompostierbaren Hose auf sich hat. In der Werkhalle steht Markus in einem grünen Kittel und Schutzbrille neben einem Stapel Paletten und schreddert Palmblattteller, von denen seine Gäste gerade noch Gemüse gegessen haben. Sein Bruder Daniel, ebenfalls im grünen Kittel, zapft Pflaumensaft aus einem großen Glasbottich, in einem transportablen Metallbecken kann sich jeder einen Apfel abwaschen.
Doch die Brüder, die 1993 ihre erste Tasche aus Lkw-Plane nähten, wollen keinen Bioladen eröffnen. Sie wollen zeigen, dass sie alles richtig machen, auch wenn sie jetzt Mode anbieten. Obwohl, Mode soll das eigentlich nicht sein, nur Kleidung für Werktätige wie sie selbst. Deshalb gibt es keine Modenschau zwischen den Werkbänken. Es gibt auch keine richtige Kollektion, sondern nur einzelne Stücke, eine schmal geschnittene Chinohose, T-Shirts und ein Kleid mit Latz, alles aus zwei verschiedenen Stoffen und in drei verschiedenen Farben. „Man muss uns immer eine komische Aufgabenstellung geben, damit wir vorankommen“, sagt Markus Freitag. Jede Saison eine Kollektion zu entwerfen – das hätte einfach nicht gepasst.

Auch ein Unternehmen wie Freitag muss wachsen

Schon lange hat man sich gefragt, wann die Freitag-Brüder endlich ein neues Produkt auf den Markt bringen würden. Denn auch wenn das alles gerade so spielerisch daherkommt – Freitag ist ein Unternehmen mit 160 Mitarbeitern, neun eigenen Shops und einem Werkgelände von 7500 Quadratmetern mitten in Zürich. Hier werden die schmutzigen Lkw-Planen immer noch gewaschen und geschnitten, nur zusammengenäht werden sie im Ausland.
Das ist teuer. Damit das funktioniert, muss ein Unternehmen wachsen. Aber so selektiv, wie die Freitag-Brüder vorgehen – nur ausgewählte Händler, kein Ausverkauf und ein klar umrissenes Produkt aus immer dem gleichen Material –, sind dem Wachstum Grenzen gesetzt. Und die Zeiten, als Freitag-Taschen die heiße Neuigkeit waren, sind auch schon eine Weile vorbei. Vor vier Jahren brachten sie die einfarbige und ein wenig klassischere Linie Reference heraus, die nicht mehr an Fahrradkuriertaschen erinnert, aber immer noch aus Plane besteht.
So richtig will Markus Freitag aber nicht damit rausrücken, dass es eine wirtschaftliche Notwendigkeit war, sich ein neues Betätigungsfeld zu suchen. „Es ist gut, jetzt ein zweites Material zu haben, mit dem wir andere Leute erreichen können – mit der Plane haben wir eine sehr begrenzte Zielgruppe.“
Es hätten auch Möbel werden können. Die Regale, Garderoben und Abfallbehälter, die Küchen mit Halterungen für Glaskaraffen in der Freitag-Fabrik sind selbst entworfen – alles lackiert in „Industriegrün“, der Lieblingsfarbe der Brüder.

Auch mit Flachssträngen auf dem Kopf sehen sie nicht würdelos aus

Das gehört bei ihnen zum Arbeitsumfeld. Und das war auch die Grundidee für die Hosen und T-Shirts – sie sollten als Werkskleidung für Freitag-Mitarbeiter dienen. Doch weder Hosen noch Stoffe fanden sich, die den ästhetischen und ethischen Grundsätzen der Chefs entsprachen. Sie scheiterten an ihren Ansprüchen.
Also stellten sie eine Textilingenieurin, eine Designerin und eine Musternäherin ein und begannen noch einmal ganz von vorne. Sie suchten nach einer Faser, die in Europa angebaut wird, weniger Wasser und Energie verbraucht als Baumwolle und sich rückstandslos kompostieren lässt.
Das mit dem Komposthaufen haben sie von ihrer Tante Margarete gelernt, die hat die Brüder immer mit den Essensresten in den Garten geschickt. Ihre Wahl fiel auf Flachs und Leinen aus der Normandie. Es vergingen mehrere Jahre, bis sie sich für einen Stoff mit Namen „Broken Twill“ entschieden hatten. Gewebt wird er in Italien, der Fadenverlauf ist schräg wie bei Jeans, nur feiner. Zusammengenäht werden die Hosen am Ende von Elzbieta, Stanislawa und Teresa und anderen Näherinnen aus Stettin. Jetzt haben die Brüder wieder eine Geschichte, die sie erzählen können.


Und sie geben sich gern dafür her. Sie haben eine Diashow daraus gemacht, wie sie mit Flachssträngen auf dem Kopf zwischen den Näherinnen stehen oder mit dem Klappfahrrad ihre Produzenten abfahren. Selbst mit hochgeknotetem T-Shirt und Flachshaaren sehen die beiden lustig, aber nicht würdelos aus. Logisch tragen sie jetzt nur noch ihre eigenen Hosen und Hemden. Auch wenn sie keine Modemarke sind – gut aussehen wollen sie trotzdem.

Auf einer kaputten Felge den Stadtberg herunter


Nach dem Hören und Sehen kommt noch das Fühlen: Im Hauptquartier hängen die Stoffbahnen des Broken Twill wie riesige Flaggen von der Decke. Die Textilingenieurin und die Designerin stehen davor und erklären, wie die Stoffe gewebt wurden, warum eine andere Bindung nicht funktioniert hätte und dass Frauenkörper eben zu kompliziert seien, um ihnen Hosen zu nähen, deshalb gibt es für sie Kleider mit Latz.
Danach fahren die Freitag-Brüder mit ihren Gästen auf dem Fahrrad durch Zürich. Als einem Gast der Reifen platzt, bietet Markus Freitag prompt sein Klappfahrrad an und fährt selbst auf der kaputten Felge den Stadtberg herunter. So freundlich ist die Welt von Freitag. Man möchte glauben, dass es nicht nur eine Showeinlage ist, die beweisen soll, dass die Freitag-Brüder wirklich immer das Richtige tun. Das Ziel der Radtour ist ihr wichtigster Shop, gestapelt aus 17 Containern, obendrauf mit einer Aussichtsplattform, von der man die Wohnung sieht, in der die ersten Taschen entstanden. Damals ging alles ganz schnell. Dieses Mal dauerte es allein fünf Jahre, bis die Hosen marktreif waren. Dafür gibt es gleich einen Komposthaufen dazu.


T-Shirts (ab 65 Euro), Hosen (190 Euro) und Röcke von F-abric sowie eine limitierte Tasche gibt es bei Freitag in der Max-Beer-Straße 3 in Berlin-Mitte.

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