Design in Berlin : Anna von Gwinner macht Druck

In ihrem Laden "Zwölfer" in Prenzlauer Berg hebt sich Anna von Gwinner mit ihren Siebdrucken von den vielen bunten T-Shirts in Berlin ab.

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Druckreif. Anna von Gwinner macht ihre Siebdrucke im eigenen Laden.
Druckreif. Anna von Gwinner macht ihre Siebdrucke im eigenen Laden.Foto: Georg Moritz

Für Anna von Gwinner ist ihr Laden ein Befreiungsschlag. Wer ihn betritt, weiß sofort, warum. Hier kann sie selbst entscheiden, ob sie Künstlerin oder Designerin sein möchte oder beides gleichzeitig. Erstaunlich, wie sie es schafft, die Grenzen zwischen Handwerk und Kunst fließend zu halten, schließlich bedruckt sie vor allem T-Shirts – und das machen in Berlin weiß Gott viele Designer. Aber nur wenige haben eine eigene Siebdruckwerkstatt, entwerfen ihre Motive mit so viel Sorgfalt und verwenden auch noch besonders schöne T-Shirts und Pullover aus Biobaumwolle, fair produziert und gehandelt.
Anna von Gwinner steht in einer mit Farbe verschmierten Schürze neben ihrer Druckmaschine, stemmt die Hände in die Hüften und sagt: „Ich könnte noch viel mehr machen.“ Das klingt wie eine Möglichkeit, die sie glücklich macht und nicht überfordert. Was sie macht, kann man sich nicht mal eben so im Copyshop zusammenbasteln. „Es gibt keine Technik, die den Siebdruck ersetzen kann“, sagt sie. Die Drucke sehen nicht aus wie aufs T-Shirt gepappt, sie wirken subtil und dabei fast dreidimensional.

Sie studierte mit Künstlern wie Damien Hirst in London

Ihre Motive sind nie willkürlich gewählt, sie sucht sich aus dem jeweiligen Baum, der Pflanze oder dem Tier des Jahres die schönsten heraus und macht daraus eine Vorlage für einen Druck: „Ich kenne mich inzwischen in der Botanik aus.“ Also erzählt sie, was es mit der Traubeneiche auf sich hat und warum der Grünspecht zum Vogel des Jahres gewählt wurde. Für die Eiche hat sie ein altes Tafelbild als Vorlage genommen. Blatt, Frucht und Baum sehen in dem goldfarbenen Druck, den sie gerade für eine Kundin anfertigt, altmodisch schön aus.
Für sie ist ihr Laden in der Oderberger Straße die richtige Form .Hinten stehen die Maschinen, vorne hängen die fertigen Produkte. Wenn eine Kundin einen Druck in einer anderen Farbe oder auf einem anderen T-Shirt haben will, macht Anna von Gwinner das. Man nimmt ihr sofort ab, dass sie das gern macht. Der Laden ist nicht nur ein Vehikel für den Verkauf. Ihr macht es Spaß, nicht nur einfach vor sich hinzuprokeln, sondern ihre Arbeit auch anderen zu zeigen. Wohl auch deshalb kommen im Minutentakt Bekannte von ihr in den Laden – der Restaurantbetreiber von nebenan, der bei ihr Siebdruck gelernt hat, um ihr einen schönen Abend zu wünschen, ein ehemaliger Mitarbeiter, der ihr eine Schürze vorbeibringt.


Anna Gewinner studierte Mitte der achtziger Jahre zusammen mit heute international bekannten Stars wie Damien Hirst in London am Goldsmiths’ College freie Kunst. „Als ich zurück nach Deutschland ging, wurden die groß.“ Sie hängte noch ein Architekturstudium in Berlin dran und versucht, von ihrer Kunst zu leben. Dem Markt ausgesetzt zu sein, war für sie eine „negative Anstrengung“.

Sie liebt die Berge und das sieht man ihrem Laden an

Als ihr ein Freund vor vier Jahren das Ladengeschäft mit den rohen Betonwänden in Prenzlauer Berg anbot, sagte sie sofort zu. Sie begann, Kinder-T-Shirts zu bedrucken, aber erst mit denen für Frauen verdiente sie Geld.
Über dem Ladentisch hängt ein großes Foto, darauf sind nebelverhangene Berge und Rehe auf einer verschneiten Wiese zu sehen. Das ist eines von vielen Bildern, die Anna Gwinner macht, wenn sie in den Bergen ist. Dass sie die Berge liebt, ist nicht zu übersehen, immerhin heißt auch ihr Laden „Zwölfer“. So heißen Berge, die so hoch sind, dass die Sonne um zwölf Uhr mittags darüber steht. Wer sich auskennt, kann auch die neonfarbenen Zahlen aus mundgeblasenem Glas, die an den Wänden leuchten, der Bergwelt zuordnen. Es sind Höhenzahlen, und 4478 steht für das Matterhorn. Ein Glasbläser aus Berlin hat sie für sie angefertigt. Das läuft eindeutig unter Kunst, auch wenn Anna Gwinner keine große Sache daraus macht.

Auch Turnbeutel und Hochzeitstischdecken hat Anna von Gwinner im Angebot

Das Matterhorn beschäftigt Anna von Gwinner auch gerade auf andere Weise. Sie hat eines ihrer großformatigen Fotos zu einem Siebdruck weiterentwickelt, dafür muss sie das Foto in viele kleine Pixel auflösen, die sie dann mit all ihren Schattierungen drucken kann. Das Ergebnis hängt sie in ihren Laden. Anna von Gwinner bedruckt auch Tischdecken – zum Beispiel für eine Hochzeit mit dem Datum der Eheschließung oder Turnbeutel mit einem Namen.
Dass das alles nicht wie ein Kuddelmuddel wirkt, liegt daran, dass Anna Gwinner eindeutig der Mittelpunkt ihres Ladens ist. Nie hätte sie gedacht, dass sie einmal davon leben würde, T-Shirts zu verkaufen. „Aber jetzt bin ich glücklich darüber“, sagt sie.
Anna von Gwinner bietet Siebdrucktageskurse an. Dafür setzt die Künstlerin ein eingereichtes Motiv in einen Siebdruck um. Das Motiv kann dann auf verschiedene Textilien und Papier gedruckt werden. Ein Workshop kostet 120 Euro, die Materialien kommen dazu.

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