Design in Berlin : Wohnen mit Freunden von Freunden

Die Macher von Freunde von Freunden haben eine Wohnung für die digitale Bohème in der Mulackstraße in Mitte eingerichtet.

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Wandschmuck und Statussymbol. Die Aufhängung für das Fahrrad wurde extra für die Küche entworfen.
Wandschmuck und Statussymbol. Die Aufhängung für das Fahrrad wurde extra für die Küche entworfen.Foto: Steve Herud

Es ist das erste richtige Offline-Projekt von „Freunde von Freunden“. Nachdem das Berliner Online-Magazin viele hunderte stilsichere Menschen zu Hause besucht und porträtiert hat, haben sie nun eine Wohnung in der Mulackstraße in Mitte eingerichtet. Mit gutem Geschmack werden hier keine Experimente mehr gemacht, hier ist er gesetzt.

Was als Erstes in der Wohnung der „Freunde von Freunden“ auffällt: Es gibt keinen Schreibtisch, denn der wird nicht gebraucht. „Wir haben alle Laptops. W-Lan und gute Musik sind wichtiger“, sagt Tim Seifert, einer der drei Macher des Magazins. Überhaupt ist nichts in Stein gemeißelt: Was hier steht, ist jetzt gut, es unterliegt keinem Plan, der für den Rest des Lebens gelten soll. Das Bett kann man in einer neu errichteten Trennwand aus Holz zwischen Schlafzimmer und Wohnzimmer verschwinden lassen. Alles ist ein bisschen improvisiert, statt Regalen lehnen mehrere Stapel Bücher und Magazine an der Wand – wie man sie bei fast jedem Besuch bei „Freunden von Freunden“ findet. „Die Leute werden immer mobiler und der Platz nimmt ab“.

Die reale Wohnung ist ein fast zwangsläufiges Experiment

Der Designkonzern Vitra hat nicht nur Möbel, sondern auch Geld für den Ausbau der Wohnung zur Verfügung gestellt. Wer mit Design- und Technikfirmen wie Miele zusammen eine Wohnung einrichtet, könnte leicht in den Verruf kommen, nur einen weiteren Showroom für das richtige Leben der Menschen mit dem richtigen Geschmack einzurichten. „Aber Möbel von Vitra stehen in vielen unserer Porträts rum“, sagt Tim Seifert.

Die Wohnung an sich ist gar nicht so originell, diese Art Altbauwohnungen gibt es in Berlin zuhauf. Nach vorne raus zwei ineinander übergehende Zimmer, nach hinten Küche und Bad. Letzteres ist eine Stufe höher gelegt worden, so kann hinten am Fenster eine Rinne entlanggelegt werden, in der das Duschwasser ablaufen kann. Das ist genauso schlau wie der Dusch- und Sichtvorhang am Fenster, der aus in lauter Töpfen hängenden Pflanzen besteht, die beim Duschen gleich bewässert werden.

Wer sich durch die vielen schönen, wie zufällig fotografierten Bilder auf der Seite von „Freunde von Freunden“ geklickt hat, könnte die reale Wohnung für ein fast zwangsläufiges Experiment halten. Wer so viele mit Mühe und Herzblut verschönerte Wohnungen von innen gesehen hat, der muss irgendwann eine eigene einrichten, die so etwas wie das Konglomerat des guten Geschmacks ist.

"Freunde von Freunden" ist stilprägend - inzwischen in mehr als 50 Städten

So haben „Freunde von Freunden“ das aber nicht gemeint, als sie das Apartment bezogen. „Alles hat sich so ergeben, es gab keine Listen, welche Musikanlage die beste ist, welche Künstler die Bilder beisteuern sollen“, beteuert Seifert. Er betreibt mit Frederik Frede und Torsten Bergler direkt über der Wohnung die Agentur „More Sleep“. Trotzdem ist sie so etwas wie eine Musterwohnung der digitalen Boheme geworden.

Vor fünf Jahren haben sich die drei „Freunde von Freunden“ ausgedacht. Das Onlinemagazin besucht Künstler, Journalisten, Designer und Agenturinhaber in ihren Wohnungen und schreibt auf, zwischen welchen Möbeln sie leben und warum. Die Idee entstand, um zu zeigen, was man als Agentur kann – eine Art Portfolio und Marketingaktion in eigner Sache. Es wurde so stilprägend, dass es jetzt „Freunde von Freunden“ in 50 Städten in aller Welt gibt.

Das ist natürlich auch irre gut fürs Netzwerk, so geht das fast von alleine. Auch den Architekten Etienne Descloux, der die Wohnung umgebaut hat, haben sie so kennengelernt. Aber die Keimzelle ist Berlin, und immer noch werden regelmäßig neue Wohnungen kreuz und quer in der Stadt vorgestellt.

Etwas, das sich in fast jeder der vorgestellten Wohnungen findet, ist die Hausbar. Diese hier sieht aus wie ein Zitat der sechziger Jahre aus der Fernsehserie „Mad Men“. Der Beistellwagen vom Flohmarkt ist gut bestückt mit seltsamen Spirituosen in Karaffen aus Kristallglas, die eher wie Dekoration und nicht wie überlebenswichtige Entspannungshilfe wirken.

Gemeinsames Kochen ist ein wichtiges Ritual

Oft ist die Küche der meistfotografierte Ort in den Berichten. Hier sitzen die Bewohner an ihren Tischen und erzählen, was sie kochen und für wen. Das ist auch in der Musterwohnung ganz wichtig. Deshalb haben Seifert und seine Kollegen auch viel Mühe auf die Gestaltung verwendet. In der Mitte steht ein Küchenblock zum gemeinsamen Kochen, es gibt Nischen mit extra angefertigten schwarzen, rechteckigen Leuchtschirmen aus Metall, die man je nach Lichtbedarf kippen kann. Der Schornsteinschacht ist mit einem schmalen, sehr tiefen Regal verkleidet. Tim Seifert mag es nicht zu gesetzt, gern kann sich jeder etwas aus der Küche holen.

Ein bisschen suchen muss man, bis man auf etwas stößt, was jeder in seiner Wohnung hat, etwas von Ikea – und sei es als Rudimente aus den Anfängen seines eigenständigen Wohnens. Und selbst hier in einer Wohnung, die komplett neu eingerichtet wurde, finden sich schließlich ein paar Küchenmesser. Das erhöht die Glaubwürdigkeit dieser Wohnung ungemein.

Ein Museum soll die Wohnung dann auf keinen Fall werden, beteuert Tim Seifert – eher etwas für Freunde von Freunden, die dürfen sich hier gegenseitig einladen. Aber natürlich wird es auch mal die ein oder andere kleine Produktpräsentation geben. Und wer zur Wohnung passt, darf sich auch einmieten und seine Freunde zum Essen einladen.

freundevonfreunden.com/apartment

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