Designer : Viel Gesprächsstoff

Seit Jahren gibt es Kleidung, die ökologisch korrekt ist – was man ihr meist auch ansah: Stoffe für die Müsli-Generation. Jetzt wird Ökomode schick, aber unsichtbar.

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Die Modedesignerin Magdalena Schaffrin arbeitet in ihrem Atelier in Berlin-Neukölln.
Die Modedesignerin Magdalena Schaffrin arbeitet in ihrem Atelier in Berlin-Neukölln.Foto: Thilo Rückeis

Im Prinzip ist Mode ein nonverbales Geschäft. Was soll ein Designer auch über ein Kleid erzählen, wenn er es an einem schönen Menschen zeigen kann? Aber das ändert sich jetzt. Denn in der grünen Mode muss geredet werden, und das aus Prinzip.

„Wir werden schon mal als Greenwasher bezeichnet“, sagt Magdalena Schaffrin. Es geht um Etikettenschwindel, um den Kampf für moralisch einwandfreie Kleidung, und es geht um das Problem, dass nichts mehr davon zu sehen ist. Deshalb redet Magdalena Schaffrin viel.

Vor fünf Jahren hat sie an der Universität der Künste ihren Abschluss als Designerin gemacht, aber inzwischen ist sie so etwas wie die Missionarin der Ökomode. Nicht, weil ihre eigene Firma so groß und bedeutend wäre, im Gegenteil, die ist denkbar klein. Und sie ist nicht einfach eine Designerin, die im Kämmerlein eine Kollektion pro Saison entwirft, sondern sie kann stundenlang reden, sie kennt fast jeden aus ihrer Branche, weiß, wer sich wie spezialisiert hat, nach welchen Zertifikaten arbeitet, welcher Stofffabrikant welches Material wie herstellt.

Denn längst ist Ökomode nicht mehr die ungefärbte Wolle, der man das Schaf noch ansah, und ob die Kleidung gut saß, war nicht wichtig. Es war eine Hülle für die richtige Geisteshaltung. Heute ist es nur noch eine Hülle wie jede andere, das Ökologische ist in der Mode unsichtbar geworden. Und das ist paradox, da Mode, die immer davon lebt, dass man das Besondere an ihr sehen kann, plötzlich nichts mehr für die Augen ist. Jemand muss dem Träger sagen, warum ein T-Shirt, das genauso aussieht wie ein normales, mehr ist, und es zu kaufen, besser.

Dieser Jemand ist Magdalena Schaffrin. Über ihrem Atelier leuchtet der Schriftzug „Labor“ – hängen geblieben von der ehemaligen Arztpraxis, die sich in dem hochherrschaftlichen Berlin-Neuköllner Geschäftsgebäude befand. Hier arbeitet und wohnt Schaffrin. Mit ihrer strengen Kurzhaarfrisur, ihrem an diesem Tag grauweiß gemusterten Hemd wirkt sie nicht wie eine Öko-Predigerin. Und doch geht es ihr in ihrem Labor um reine Lehre. Die Kleider, die Magdalena Schaffrin macht, sind ökologisch absolut unbedenklich. Schlicht, aber edel, wie die weite Leinenhose mit den tiefen Falten am Bund, dazu das Hemd, an dem eine nicht gebundene Fliege am Kragen befestigt ist. Ein Kleid mit fein gefalteten Biesen gibt es als Wintervariante aus seidig fallender Wolle und für den Sommer aus dunkelgrünem Leinen. Schaffrin entwirft nur wenige neue Teile im Jahr. Denn auch das gehört zur grünen Philosophie: Nachhaltigkeit. Ihre Kleider sollen länger Bestand haben als eine Saison.

Die Entscheidung, so zu arbeiten, hat sie ganz am Anfang getroffen. Ein Praktikum bei Hennes & Mauritz hatte sie in Schweden absolviert, ein bisschen auch für eine Outdoor-Marke gearbeitet, als sie ihre Selbstständigkeit entdeckte. Da war niemand, der sie beraten hat, wie eine Berufsanfängerin arbeiten könne, damit alles ökologisch und ethisch korrekt ist. Sie wollte den höchsten Standard. Das Zertifikat Ökotex 100, das weltweit am meisten verwendete, das Schadstoffgrenzwerte in der Kleidung prüft, hat sie nie interessiert. Es war ihr nicht streng genug.

Stattdessen verarbeitet sie nur Materialien, die den Global Organic Textile Standard aufweisen (GOTS). Die Initiative untersucht die ganze Kette – vom Anbau der Baumwolle bis zu Verpackung und Transport der fertigen Produkte. Sie wurde 2008 gegründet, um einen einheitlichen hohen internationalen Standard zu schaffen, um ein wenig Ordnung in die vielen unterschiedlichen Ökosiegel zu bringen. Trotzdem haben Schaffrins Kleider kein GOTS-Zertifikat, weil sie als kleine Unternehmerin dafür das Geld noch nicht aufbringt. Also muss sie reden. Darf ihren Einzelhändlern sagen, dass die Materialien, die sie verwendet, einem hohen Standard entsprechen, aber die dürfen das dem Endverbraucher nicht weitersagen.

Das kann schon mal für Verwirrung sorgen, so dass noch mehr erklärt werden muss. Aber spätestens, wenn Magdalena Schaffrin mit ihrer ruhigen, unaufgeregten Stimme zu erzählen beginnt, merkt man, sie lebt dafür, dass Kleidung nicht nur grüngewaschen wird. Und weil sie keinen passenden Ort fand, ihre Mode zeigen zu können, hat die 31-Jährige gleich noch mit ihrer Kollegin Jana Keller die Modemesse „Green Showroom“ gegründet. Ab morgen findet sie zum dritten Mal im Hotel Adlon statt. Was ihr den „Greenwasher“-Vorwurf eingebracht hat. Aber in beheizte, sonst leer stehende Hotelzimmer zu ziehen, findet Schaffrin, sei besser, als in einem zugigen Industriebau selbst für Energie sorgen zu müssen.

Der „Green Showroom“ steht an der Spitze eines Trends. Immer mehr grüne Marken drängen auf die Fashion Week. Auch wenn einigen noch immer das Image der Wollsocke anhängt, sehen die meisten Produkte ganz normal aus. Kein handgeschnitzter Knopf aus Kokosnussschale, kein pflanzengefärbtes, grob gewebtes Hanf verraten, dass es sich um ein gutes Kleidungsstück handelt. Das Flair der Müsliesser und Atomkraftgegner soll die Kleidung nicht mehr verströmen. Aber wird das Bio-Signum wie im Lebensmittelsektor Teil der großen Industrie werden? „Vielleicht wird aus der Ökomode auch eine eigene Branche“, sagt Schaffrin, „und sie bleibt nicht einfach ein Segment wie die Braut- und Festmode, ein Paralleluniversum zur konventionellen Mode.“

Dass es sich mit der grünen Mode überhaupt etwas anders verhält, zeigt schon der Umgang mit dem, was in Modekreisen als Heiliger Gral betrachtet wird – die Gästeliste. Wo Marken ihre Exklusivität durch eifersüchtiges Überwachen der Einladungen herausstellen, dürfen zu allen grünen Veranstaltungen nicht nur Fachbesucher, sondern auch ganz normale Leute kommen. Das gilt auch für die Ökomesse „The Key.to“ in der Columbiahalle mit immerhin fast 50 Ausstellern. Die Veranstalter Frans Prins und Gereon van der Grinten haben nicht nur die Grünen-Politikerin Renate Künast zur Schirmherrin gemacht, sondern auch mit Summer Rayne Oakes das erste Ökomodel der Welt eingeladen, die „grüne Paris Hilton“, wie Spötter sagen, was die junge, schöne Amerikanerin auch nicht weiter stört. Sie modelt seit vielen Jahren, jedoch immer nur für Firmen, die ihre ökologische Unbedenklichkeit nachweisen. Ihr gehe es darum, sagt sie, dass die Leute Ökologie nicht mehr mit Verzicht in Verbindung bringen, sondern mit einem Mehr: an Lebensqualität, an Genuss, an Spaß. Und gerne auch an „Sexiness“.

Inzwischen gibt es sogar eine auf Öko spezialisierte Modeagentur in Berlin, die von PR bis Vertrieb mit eigenem Shop alle Dienstleistungen anbietet. Nadine Valencic, eine der Geschäftsführerinnen, ist davon überzeugt, dass das Ökosegment der eigentliche Profiteur der Fashion Week ist: „Die ganze Stadt spricht von der Fashion Week, aber unsere Veranstaltungen sind die einzigen, wo die Leute tatsächlich hingehen können.“

Dass so viel geredet wird, liegt auch daran, dass sich die Macher von Anfang an viel mehr Gedanken über das fertige Kleidungsstück machen müssen. Designern steht für gewöhnlich eine Fülle von Möglichkeiten zur Verfügung, sie müssen sich, haben sie eine Idee für eine Kollektion, für Stoffe, Farben, Muster entscheiden. Bei Magdalena Schaffrin war es umgekehrt. Mühsam musste sie sich die Materialien zusammensuchen, die Stoffanbieter überreden, ihr auch kleine Mengen zu verkaufen, immer dreimal nachfragen, ob die Stoffe wirklich in Ordnung sind. Das heißt: dass keine Fungizide und Pestizide verwendet werden, Bauern nicht an verseuchtem Trinkwasser erkranken, die Baumwolle nicht von Kindern und Frauen in 15-Stunden-Schichten unter erbärmlichen Bedingungen für einen Lohn, der nicht zum Leben reicht, verarbeitet werden, und dass die Stoffe nicht mit Chemikalien haltbarer, knitterfrei, stabiler gemacht werden. Das hat Schaffrin angespornt. Nun will sie zeigen, dass man es schaffen kann, auch wenn man nicht selbst Baumwollfelder bewirtschaftet und mehrere Tonnen Rohmaterial verarbeitet, wie der Branchenriese Hessnatur es macht.

Als Schaffrin das erste Mal auf einer Stoffmesse nach Öko-Stoffen suchte, folgte sie unauffällig dem Tross der Einkäufer von Hessnatur. Da, wo die auftauchten, sagte sie sich, musste es Bio sein. Die Firma hat so viel Wissen über kontrolliert angebaute Baumwolle, Wolle von glücklichen Rhönschafen und genfreies Leinen aus Schleswig-Holstein wie niemand sonst in der Branche. Sie haben die Rohstoffe, die Vertriebswege. Sie fördern den Baumwollanbau in Burkina Faso und haben einen eigenen Techniker, der sich fortgesetzt mit den Designerinnen über jede Paillette streitet, die Schadstoffe enthalten könnte.

Das Unternehmen steht für eine Zwischenphase der Ökomode. Viele Lehrer gehören zur Kundschaft, die früher in Brokdorf demonstriert hatten und auch bewusst antimodisch waren. Andererseits sind laut Geschäftsführer Wolfgang Lüdke alleine im vergangenen Jahr 30 000 neue Käufer hinzugekommen. Das Unternehmen, das es seit 1976 gibt, hat einen Preis für die beste Ökokollektion ausgerufen, der am Donnerstag im Palazzo Italiano auf der Fashion Week vergeben wird. In der Jury sitzt auch Miguel Adrover. Den Spanier, der in New York aufmüpfige Mode entwarf, bevor die Krise nach dem 11. September 2001 ein Geschäft mit subversiven Kollektionen unmöglich machte, hat Hessnatur vor drei Jahren engagiert, „um die Staubflusen bei uns wegzupusten“, sagt Lüdke. Das gelang so gut, dass sich Cameron Diaz für die US-Vogue in Hessnatur fotografieren ließ. „Wir werden nicht mehr nur von der grünen Nische anerkannt“, sagt Lüdke.

Hinweise darauf, dass Öko irgendwann normal werden könnte, gibt es viele. Die Bekleidungskette C&A verkaufte 2009 18 Millionen Kleidungstücke aus zertifizierter Biobaumwolle und ist damit, nach eigener Aussage, Europas führender Textilfilialist für dieses Material. Und H & M will den Anteil der Bio-Baumwolle bis 2013 um jährlich 50 Prozent erhöhen. Allerdings war ausgerechnet das Zertifizierungsunternehmen von H & M, die Control Union, 2009 in einen Skandal um genmanipulierte Baumwolle aus Indien verstrickt, die wahrscheinlich auch in Kleidung von H & M verarbeitet wurde.

„Man kann niemandem trauen“, sagt Magdalena Schaffrin. „Es gibt Marken, die wollen bei uns mitmachen, weil ihre Produkte aus natürlichen Materialien sind. Aber das reicht seit 20 Jahren nicht mehr.“ Die Endverbraucher sind inzwischen besser informiert als viele Händler. Als zum Green Showroom im Sommer in die Hotelzimmer des Adlon jeder kommen, sich die Kollektionen anschauen und Fragen stellen durfte, war das den Ausstellern irgendwann zu viel. So viel zu reden, so viele Fragen zu beantworten! Und es war überhaupt nicht mehr zu unterscheiden, wer Händler und wer ihre Kunden waren.

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