Designer : Viele Wege führen zum Ruhm

Was passiert eigentlich im Laufe eines Designerlebens? Wir stellen drei Generationen vom absoluten Newcomer bis zur erfahrenen Veteranin vor.

von , und Paulina Czienskowski

Die Newcomerinnen: Adriana Rica

Ein bisschen muffelig riecht es, aber hell ist das Atelier im Herzen Schöneweides. Bis auf zwei Taschen und ein paar Kleidern ist es leer. Rica Dröge und Adriana Garelova haben gerade erst den Schlüssel für den umfunktionierten Laden an einer Hauptstraße bekommen. An der einen Wand hängen zwei Bilder: Das eine ist halb nach oben eingerollt, auf dem anderen sieht man das gemalte Porträt einer Frau – die Designerinnen teilen sich das Atelier mit zwei Künstlerinnen. Als Sichtschutz hängen lange Transparentpapierstreifen in den großen Schaufenstern. Nicht die optimale Lösung, aber irgendwie originell. Und vor allem günstig.

Rica Dröge und Adriana Garelova sind Mitte zwanzig, haben Modedesign an der Hochschule für Technik und Wirtschaft studiert und waren nach dem Abschluss beide ein Jahr arbeitslos. Diverse Labels schickten Absagen, der Verkaufsjob in Modehäusern schien ihnen für ausgebildete Designerinnen zu undankbar zu sein. „Und, wie läuft es bei dir?“ – „Beschissen! Und bei dir?“ – „Auch!“ Da packte sie der Mut: Im vergangenen Frühjahr entschlossen sich die beiden, das junge Modelabel „Adriana Rica“ zu gründen. Aus der kreativen Armut heraus.

Sie plünderten ihre Sparschweine, holten sich finanzielle Unterstützung bei ihren Familien und fingen einfach an. Name, Logo, Konzept standen schnell fest. Ihre Kollektionen machen sie über das Internet und besuchen sich gegenseitig. Adriana Garelova wohnt wieder in ihrer Heimat Bulgarien. Über Skype kann die eine der anderen sogar Entwürfe im 3-D-Format zeigen.

Ihre junge Firma wirkt für die wenige Erfahrung, die sie haben, sehr professionell. Das wollten sie auch von Anfang an sein. Online haben sie einen guten Auftritt, haben einen Katalog. Sogar Kärtchen hängen an den Kleidungsstücken: „Frei von Kinderarbeit und Ausbeutung. Zu 100 Prozent fairer Handel“. Ihre Kleidung ist unprätentiös: einfach geschnittene Kleider aus gemusterter brauner Baumwolle, kleine Shorts und geblümte Blusen. Ganz entgegen dem Klischee durchgeknallter, hyperkreativer Jungdesigner, nähen sie „keine riesigen Püschel auf Schultern“.

Ihre Kleidungsstücke werden in Bulgarien produziert. Von Berlin aber lassen sie sich inspirieren – es ist ihre „Lieblingsstadt“. Schon für das Studium haben sie sich bewusst für die Hauptstadt entschieden. Zwar hat Rica Dröge schon in Paris in der Mode gearbeitet, aber: „Aus Berlin will man nicht weg.“ Ihrer Meinung nach ist es die beste Stadt, um Mode zu machen, die Möglichkeiten seien „atemberaubend“. „Berliner sind spezifisch unspezifisch.“ Spezifisch, weil sie wissen, was sie wollen. Unspezifisch, weil bei ihnen jede Richtung möglich ist. Alles wird akzeptiert.

Die jungen Frauen schauen sich alles an. Tauschen sich aus über Kunst, machen Streifzüge durch Secondhandläden, besuchen auch mal Nobelläden im Quartier 206. Gerne würden sie Charlotte Gainsbourg einkleiden.

Auch von Kollegen grenzen sie sich nicht ab. Sie glauben an das „Jeder-hilft-jedem-Prinzip“. Kann das wirklich funktionieren oder bleibt es ein naiver Wunschtraum? „Nur so macht es Sinn“, meinen beide. Sie tauschen sich aus, helfen sich gegenseitig: Jemand kennt einen Fotografen, der die Kollektion abfotografiert. Es gibt Models im Bekanntenkreis und Grafiker, die die Internetseite gestalten. Ihr Netzwerk in Berlin ist Gold wert, sie nutzen jeden ihrer Kontakte.

Um etwas zu erreichen, braucht man nicht den riesigen Investor. „Trotzdem wäre das natürlich schön“, sagt Rica Dröge. „Neben Geld muss man vor allem Zeit haben wollen“, betonen beide. „Adriana Rica“ wollen nicht für die Müllhalde produzieren, sie haben nicht das Geld, etwas auf Verdacht zu machen. Die Teile aus ihrer Kollektion werden nach Wunsch angefertigt.

Die Designerinnen wollten nie ein kleines Rad in einem riesigen Laufwerk werden. Deshalb haben sie sich zur Selbständigkeit entschlossen. Lieber wollen sie „arm, aber glücklich sein“.

Ein Kleid von Dawid Tomaszewski
Ein Kleid von Dawid TomaszewskiFoto: Michal Martychowiec




AUF DEM SPRUNG: DAWID TOMASZWESKI

Dawid Tomaszewski ist vor kurzem umgezogen. Sein Modelabel residiert nun in einer weiträumigen Altbauwohnung mit Stuckdecken an der Potsdamer Straße. Hier entwirft und fertigt er zusammen mit sechs Mitarbeiterinnen die neuen Kollektionen. An den Wänden hängen Bilder, von denen er sich inspirieren lässt, dazwischen stehen Tische mit Nähmaschinen und Kleiderständer, auf denen die fertigen Kleider hängen.

Diese Räume sagen einiges über den Stand der Karriere des aus Gdansk stammenden, aber seit Jahren in Berlin lebenden Modeschöpfers. Er sitzt nicht mehr allein auf engstem Raum an einer Nähmaschine, ein richtiges Hauptquartier mit eigenen Werkstätten und Büros hat er aber auch noch nicht. Der 31-Jährige befindet sich in einer Phase des Übergangs: An den einschlägigen Nachwuchswettbewerben hat er schon teilgenommen – und das sehr erfolgreich: beim „Designer for Tomorrow“-Preis stand er Anfang 2009 im Finale, den „Young Designers Award“ der Modemesse Premium konnte er 2010 sogar gewinnen. Mittlerweile zeigt er seine feminin-luxuriösen Kollektionen auf der Mercedes-Benz Fashion Week und wird in Blogs und Magazinen euphorisch gefeiert.

Man könnte meinen, er habe den Sprung ins modische Establishment bereits geschafft. So sieht es der Designer aber nicht; „Ich bin noch am Anfang und habe mich noch nicht richtig bewiesen. Ich entfalte mich gerade“, sagt er. Mit dem Begriff „Nachwuchsdesigner“, der ja auch abwertend verstanden werden könnte, hat er daher auch kein Problem: Er weiß genau, was er will – und die klare Handschrift sieht man den Kleidern auch an –, hat aber immer noch den Anspruch, sich weiter zu entwickeln: „Ich liebe das, was ich mache. Aber ich sehe immer noch Makel in meinen Kollektionen. Das könnte noch perfekter sein.“

Beim Entwerfen hat er einen Grundsatz: „Ich vergöttere Frauen“, sagt Tomaszewski. Und denen will er schmeicheln. Das tut er mit einer ganz eigenen Mischung aus manchmal geradezu opulentem Luxus und einer Liebe zu den Details – seien es die Schnitte, die oft einfach aussehen und dabei sehr kompliziert sein können, die Materialien – neben hochwertigen Stoffen verwendet er auch Pelz, Federn oder irisierend schillernde, durchscheinende Hightechtextilien – oder die Verarbeitung, auf deren Qualität er größten Wert legt. Dabei hat er kein von vornherein fixiertes Frauenbild. Ihm kommt es auf die individuelle Kundin an. So liegt es nahe, dass er auch Maßfertigung anbietet: Da muss er direkt auf die speziellen Bedürfnisse eingehen. „Es ist egal, mit welchen Problemen die Frau zu mir kommt – ich versuche, sie glücklich zu machen. So einfach ist das. Und das ist das, was ich immer machen wollte".

Offenbar kommt das bei den Frauen gut an. Denn im Gegensatz zu vielen anderen jungen Designern hat er bereits treue Stammkundinnen, obwohl er erst seit drei Jahren im Geschäft ist. Und die kommen häufig aus Berlin – was auch nicht selbstverständlich ist, verkaufen viele Nachwuchslabels doch in der Anfangsphase hauptsächlich im modebegeisterten Ausland, etwa in Japan oder Frankreich.

Es gibt aber noch andere Gründe für den Erfolg. Da ist die volle Konzentration auf das Dasein als Designer. „Ich strebe immer nach etwas. Ich mache auch nie Urlaub, das hier ist mein Leben.“ Einen gesunden Ehrgeiz findet er wichtig, an London, wo er eine Zeit lang lebte, bewundert er den „Kampfgeist“. Trotzdem fühlt er sich im eher entspannten Berlin zu Hause. Rationale Gründe wie die oft genannten erschwinglichen Mieten spielten für seinen Entschluss, hier sesshaft zu werden, keine Rolle. Es war eine Bauchentscheidung.

Aber ein erfolgreiches Modelabel kann ein Designer, so engagiert er auch sein mag, nicht alleine auf die Beine stellen. Teamwork hat Tomaszewski bei seinen Stationen in großen Modehäusern gelernt. So arbeitete er nach dem Studium eine Weile für Comme des Garçons. An den Job war er durch Zufall gekommen, der Ansatz der japanischen Avantgardistin Rei Kawakubo hatte wenig mit seinen eigenen Vorstellungen zu tun – „es war aber interessant, eine so konzeptionelle Arbeitsweise kennenzulernen“. Ganz wichtig war für ihn die Erfahrung, mit anderen zu arbeiten: „Ich hatte vorher alles alleine gemacht. Dort habe ich gelernt, auch Dinge aus der Hand zu geben“. Das könne man an einer Modeschule nicht lernen, daher rät er Nachwuchsdesignern, sich in großen Unternehmen umzusehen. Und gerade das Delegieren wird künftig wohl noch wichtiger werden. Denn Tomaszewski hat für sein Label noch große Pläne. Sein Weg ist also noch lange nicht zu Ende.



ANGEKOMMEN: ANNA VON GRIESHEIM

„Ich habe ohne Businessplan angefangen“, sagt Anna von Griesheim, die vor zwanzig Jahren ihre Karriere als Designerin begann. Das Ziel damals beschreibt sie so: „Ich wollte Frauen schöner machen, wollte einfach nur Kollektionen entwerfen.“ Und das wollte sie unbedingt ganz alleine schaffen, ohne Hilfe von Familie und Freunden. Bei der Bank wirkte sie so überzeugend, dass sie einen Kredit über 100 000 DM bekam. Sie führt das heute halb ironisch auch auf ihre „gute Erscheinung“ zurück. Im Oktober 1991 eröffnete sie im Alter von 24 Jahren ihr Geschäft in der Pariser Straße 44. Zuvor hatte die gebürtige Münchnerin eine Couture-Ausbildung bei Elise Topell in Wiesbaden absolviert. Sie lernte dort traditionelle Techniken, die sie heute an ihre Auszubildende weitergibt, zum Beispiel wie man Blüten dreht, Spitzen appliziert und Stoffe um eine Puppe herumdrapiert, statt nach Papierschnitten zu fertigen. Eigentlich hatte sie nach Paris gehen wollen, aber die Liebe zu ihrem Mann lenkte sie um nach Berlin.

„Sicherheiten hatte ich keine, aber das Glück, dass ich durch Mund-zu-Mund-Propaganda meinen Kundenkreis rasch vergrößern konnte“, sagt sie. Natürlich hat sie auch Fehler gemacht. „Das ging alles sehr unkoordiniert vor sich.“ Aus heutiger Sicht würde sie nie mehr auf Messen ausstellen. Einmal bekam sie auf einer Nachwuchsmesse in Mailand eine größere Order von Kanadiern. „Aber sie waren nicht zu Vorauszahlungen bereit, da habe ich es nicht gemacht.“

Anna von Griesheims wichtigster Rat an junge Designer ist, in sich zu gehen und sich darüber klar zu werden, was man wirklich will. Ihr selber ist Freiheit wichtiger als alles andere. Zum Beispiel die Freiheit, nicht nur Mode entwerfen zu müssen. Letztes Jahr hat sie ein Buch herausgebracht, einen Stilratgeber. „Schreiben macht mir Spaß, ich befasse mich aber auch mit Interior Design und Fotografie.“

Das alles könnte sie sich nicht leisten, wenn sie den Ehrgeiz hätte, auf den großen Schauen in Paris zu zeigen oder auch auf der Mercedes-Benz Fashion Week in Berlin. „Das kostet viel zu viel Geld, mindestens 20 000 Euro in Berlin und ein bis zwei Millionen in Paris, das zahle ich lieber an meine Mitarbeiter.“

Mit Sponsoren zusammenzuarbeiten, wie viele andere Designer, hat sie bislang immer abgelehnt: „Dann geht es nur noch um Trends. Das möchte ich nicht.“ Beim letzten Angebot eines Sponsors hat sie allerdings drei Monate lang gebraucht, bis sie sagte: „Nö, lieber nicht.“ Man müsse sich immer wieder fragen: Wer bin ich? Wer seinen Namen in großen Lettern lesen und wirklich nur Mode machen wolle, müsse den Weg der Sponsoren gehen und den Druck der vier bis fünf Kollektionen jährlich aushalten wollen. Sie will sich nicht unterjochen lassen und „nur aus pekuniären Gründen alle drei Monate was ausspucken“. Lieber beschränkt sie sich auf zwei Kollektionen im Jahr. Nur bei der Abendmode lässt sie den Faden nicht abreißen und entwirft kontinuierlich neue Modelle.

Ihr Konzept hat sich bewährt. Die Kunden mögen die intensive Beratung, die sich auch darauf erstrecken kann, was in einen Kleiderschrank gehört und was nicht. Anfangs hatte sie es schwer, wenn sie in Italien auf den Stoffmessen um kleinere Aufträge verhandelte und ein Großkunde blockierte plötzlich 5000 Meter Stoff, der für sie dann nicht mehr zu haben war. Aber sie steht zu ihrem Eigensinn. Auch ohne Sponsoren sind ihre Kreationen inzwischen bei Breuninger in Stuttgart, bei Ludwig Beck in München und bei Salon in Hamburg zu haben. „Ich habe nie eine Anzeige geschaltet“, sagt sie stolz.

Es passiert tatsächlich schon mal, dass eine Kundin mit einem zehn Jahre alten Hosenanzug zurückkommt und ihn neu füttern lassen will, weil der Oberstoff noch gut ist und das Teil sich bewährt hat. Manchmal seufzt sie leise, aber heimlich betrachtet sie das doch als Kompliment.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben