Designwettbewerb : Kleine Stadt, große Kleider

Das thüringische Apolda buhlt mit einem Modepreis um junge Designer. Hier kämpft man noch um die Zukunft der Textilproduktion in Deutschland.

Ann-Kathrin Riedl
Über das Erwachsenwerden: Mit ihrer Kollektion gewann Gesine Försterling in Apolda den ersten Preis.
Über das Erwachsenwerden: Mit ihrer Kollektion gewann Gesine Försterling in Apolda den ersten Preis.Foto: Corinna Lecca

Ein Mädchen, um dessen Hals ein handgroßer Kristall baumelt, beobachtet unter rot getuschten Wimpern skeptisch ihre Umgebung. Andere Mitglieder ihrer Gruppe heben kaum den Blick vom Display ihrer Smartphones, während sie lautstark in einem Wirrwarr aus Englisch, Französisch und Finnisch diskutieren.

Auf den Besuch dieser jungen Menschen hat sich Apolda lange vorbereitet. Nun sind sie endlich hier und bringen Leben in die ansonsten beinahe ausgestorben wirkende Innenstadt. Die 32 jungen Designerinnen und Designer sind aus ganz Europa nach Thüringen gereist. Sie wollen Teil eines ambitionierten Projekts werden, das für die Zukunft Apoldas entscheidend sein könnte. Seit 1993 wird in der Kleinstadt der Apolda European Design Award vergeben, mit insgesamt 30 000 Euro Preisgeld zählt er zu Deutschlands höchstdotierten Auszeichnungen für junge Designer. Vertreter beinahe aller großen deutschen Modeunternehmen haben bereits in seiner Jury gesessen und Ausschau nach neuen Talenten gehalten.

Der dritte Platz ging an Magdalena Samuel, die an der Universität der Künste studierte.
Der dritte Platz ging an Magdalena Samuel, die an der Universität der Künste studierte.Foto: Gerrit Hüning

"Ich bin hier auf Fang", verkündet auch Martina Buckenmaier, Geschäftsführerin des Modekonzerns Riani. Sie übernimmt in diesem Jahr zum ersten Mal einen Jurysitz und ist angetan vom Niveau der Teilnehmer. "Drei oder vier Leute könnte ich mir gut bei uns im Unternehmen vorstellen", sagt sie und ist schon auf dem Weg, um ihre Favoriten abzupassen. Bewerben können sich die Designer für eine solche Chance nicht selbst. Alle drei Jahre empfehlen Professoren der 16 kooperierenden Hochschulen des Wettbewerbs jeweils zwei Absolventen, die mit ihren Abschlusskollektionen nach Apolda reisen dürfen.

Dort werden sie sehnlich erwartet. Denn die fetten Jahre Apoldas, in denen das Weimarer Land noch Zentrum der deutschen Strickwarenproduktion war, sind lange vorbei. Bis zur Wende arbeiteten bis zu 8000 Menschen in der Branche. "Mach dir keine Gedanken, in der Wolle bekommst du immer Arbeit", lautete ein gängiger Spruch unter den Einwohnern. Doch im wiedervereinigten Deutschland waren die Betriebe nicht mehr wettbewerbsfähig. Produktionen wurden ins Ausland verlagert, Apoldas Textilindustrie steuerte auf einen langsamen Tod zu.

Aufgeben gibt's nicht

Aber die Stadt will sich nicht kampflos ihrem Schicksal ergeben. Sie ist entschlossen, um ihr Erbe zu kämpfen. So auch Gerald Rosner, einer der wenigen verbliebenen Textilunternehmer Apoldas. Den Wettbewerb will er nutzen, um sich in das Gedächtnis der jungen Modeabsolventen zu brennen. Vor der Preisverleihung am Abend lädt Rosner deshalb zur persönlichen Führung durch die Hallen seines Betriebs, in denen sich noch immer die Strickmaschinen eng aneinanderreihen.

"Wenn Sie sich vielleicht irgendwann selbstständig machen und eine Strickerei suchen, dann sind sie bei uns genau richtig", lautet seine Botschaft an die nächste Generation. "Wir können hier in kleinen Stückzahlen produzieren, individuell beraten, schnell auf Wünsche eingehen." Jede Chance will genutzt sein, sagt Rosner. Doch er bleibt realistisch. "Wenn sich nur einer von 100 in zehn Jahren an uns erinnert und hier produzieren lässt oder uns empfiehlt, dann hat es sich schon gelohnt."

Sollte sich die Gewinnerin des diesjährigen Design Awards im Laufe ihrer Karriere an Apolda erinnern, wäre dies vermutlich in der Tat ein großer Gewinn. Denn Gesine Försterling stehen alle Türen offen. Ihre Kollektion mit dem Titel „Coming of Age“ wird am Abend mit dem ersten Preis der Jury ausgezeichnet.

Es ist nicht das erste Mal, dass Försterling für ihre Arbeit geehrt wird. Erst eine Woche zuvor gewann die Berliner Designerin, die ihren Abschluss an der Universität der Künste machte, einen Preis beim Modefestival im französischen Hyères, einem der renommiertesten Designwettbewerbe weltweit.

Der Nachwuchs will lieber nach Paris

Gesine Försterling kann optimistisch in ihre Zukunft blicken, Apolda muss seine erst noch finden. Doch die Stadt scheut sich nicht davor, neue Wege zu gehen. Das zeigt sich auf besondere Weise an Daniela Johanni. Die 28-Jährige trägt den hochtrabenden Titel "Designer in residence". Für den Zeitraum eines Jahres stellt ihr die Stadt finanzielle Mittel zur Verfügung, um sie bei der Gründung ihres eigenen Labels NNIstudio zu unterstützen. Die Firma Strickchic stellt der Desigerin unentgeltlich ein Atelier zur Verfügung. Alles in der Hoffnung, dass sie dem Standort Apolda auch nach Ablauf des Jahres treu bleibt.

Das Atelier von Daniela Johanni in Apolda.
Das Atelier von Daniela Johanni in Apolda.Foto: Daniela Johanni

Und so sitzt Johanni nun in einem holzvertäfelten Atelierraum, in dem locker noch fünf weitere Designer Platz fänden, unter Lampen aus den 60er-Jahren und empfindet die Ruhe, die sie umgibt, mal als inspirierend, mal als beklemmend. Vorteile bietet ihr Apolda durchaus. Mit dem Fahrrad kann sie in wenigen Minuten all die Betriebe besuchen, mit denen sie zusammenarbeitet. So ganz "in residence" ist sie dennoch nicht geblieben. Inzwischen pendelt sie zwischen Apolda und dem lebendigeren Weimar. Ob sie nach Ablauf des Jahres bleiben wird, will sich Daniela Johanni noch offenhalten.

Gesine Försterling jedenfalls zieht es erst einmal weg aus Deutschland. „Im Moment überlege ich, den Schritt nach Paris zu wagen“, sagt sie. Dennoch kann sie sich vorstellen, irgendwann mit einem eigenen Label auf die Betriebe in Apolda zurückzukommen. Warum auch nicht, immerhin findet sich in ihrer Arbeit schon jetzt ein großer Strickanteil. "Inspiration für meine Gewinnerkollektion war diese besondere Zeit im Leben, in der man weder Kind noch Erwachsener ist", erzählt die Designerin. Und so wirken ihre Entwürfe, als müssten die Models erst noch in sie hineinwachsen.

In gewisser Weise steht Försterlings Arbeit damit auch für die Situation Apoldas: Von ihrer Vergangenheit muss sich die Stadt verabschieden, doch sie ist dabei, sich neu zu erfinden und den Platz, den sie in Zukunft in der deutschen Modewelt einnehmen wird, zu definieren. Leicht wird diese Aufgabe nicht. Doch warum sollte nicht gerade in der thüringischen Provinz bald wieder etwas Großes entstehen? "Hyères ist schließlich auch nur eine Kleinstadt im Süden Frankreichs", sagt Försterling.

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