Dessous aus Großbritannien : Agent Provocateur provoziert jetzt auch am Kurfürstendamm

Die britische Dessousmarke Agent Provocateur wollte mit Sex provozieren – aber das machen mittlerweile alle. In ihrem ersten deutschen Laden auf dem Kurfürstendamm geht es mehr um Luxus als um Reizwäsche.

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Schau mal. So sieht sie aus, die Unterwäsche von Agent Provocateur, die Frauen auch in schlichteren Schlafzimmern gut steht.
Schau mal. So sieht sie aus, die Unterwäsche von Agent Provocateur, die Frauen auch in schlichteren Schlafzimmern gut steht.Foto: promo

Der Pendelverkehr auf der U3 fühlt sich fast an wie die Eröffnung eines Ladens für erotische Dessous. Im Gedrängel in dem winzigen Geschäft von Agent Provocateur am Kurfürstendamm fiel kaum auf, dass Bonnie Strange, Frida Gold und Sophie Thomalla viel Unterwäsche mit wenig darüber trugen und die ganzen Models sehr kleinen Firlefanz.

Möglichst viel Satin, Litzen, Spitze und Bänder werden bei der britischen Marke Agent Provocateur so um den Körper gewickelt, dass es trotzdem nach möglichst wenig aussieht. Die Slips, Korsagen, BHs und Strumpfhalter sind nicht nur schwarz und champagnerfarben, an beiden Seiten des Ladens leuchtet es apfelgrün, feuerrot und türkisblau. Dass sich Bonnie Strange zwischendurch auf dem Pin-up-Podest räkelte, gehört heute zum alltäglichen Verhalten von Prominenten.

Als Kylie Minogue für Agent Provocateur vor fast 14 Jahren in Strapsen und schwarzer Spitzenunterwäsche einen elektrischen Stier ritt, war das noch anders. „Kylie Minogue fast nackt, das war ungehörig!“, sagt Sarah Shotton, Chefdesignerin von Agent Provocateur. Nach dem Ritt strich sich die Sängerin eine verschwitzte Strähne aus der Stirn und sagte: „Jetzt kommt der Test, alle Männer im Publikum bitte mal aufstehen.“ Das war so neu, dass das Video 2009 zum besten Kinowerbespot aller Zeiten gewählt wurde.

Eine Menge Spaß an der Provokation

Heute sind die Hemmschwellen niedriger. Es gibt kaum eine Unterwäschefirma, die nicht etwas Erotisches im Programm hat. Bei Hunkemöller im Untergeschoss eines Einkaufscenters zwischen Frozen Joghurt und Hotdogs steht eine kopflose Puppe mit Strapsen und rotschwarzem Bondage-BH im Schaufenster gleich neben den Frotteepuschen mit Bärchenaufdruck.

„Promis in Unterwäsche, wen regt das heute noch auf? Die laufen doch jeden Tag so rum“, sagt Sarah Shotton. „Jedes Kind schaut sich Pornos auf dem Handy an.“ Sie schüttelt den Kopf: „Nein, mit Wäsche von Agent Provocateur kann man niemanden mehr schockieren.“

Dabei hatte John Corré, der Gründer der Marke, schon von Haus aus eine Menge Spaß an der Provokation. Der Sohn von Vivienne Westwood und Malcom McLaren konnte seit seiner frühesten Kindheit lernen, wie man die Gemüter erregt. Als er Anfang der neunziger Jahre die hinreißend schöne Serena Rees in einem Club traf, war es um ihn geschehen. Wenig später eröffneten sie gemeinsam eine Dessous-Boutique in London. Schon McLaren und Vivienne Westwood hatten ihren Laden „Sex“ mit Latex und Gummipuppen ausgestattet, um zu provozieren.

Lingerie war der neue Punk

Das Paar Rees-Corré verkaufte nicht nur sündhaft teure Reizwäsche, die eben nicht aus Kunstfasern und Plastik, sondern aus Samt und Seide war, sie hängten auch zum Beginn des ersten Irakkriegs Slips mit der Aufschrift „The only bush I trust is my own“ in ihre Schaufenster. Das der Eltern bewarf der Mob in den siebziger Jahren noch mit Steinen. Heute werden die rosafarbenen Kittelkleider der Agent-Provocateur-Verkäuferinnen, die Mutter Vivienne entwarf, für viel Geld auf Ebay versteigert.

Sarah Shotton macht ihre Sache gut, ihr nimmt man nicht nur ab, dass sie sich über die Unterwäsche freut, es ist auch absolut konsequent, dass sie die Nachfolgerin von Joe Corré ist. Für ihn war Lingerie der neue Punk, für sie ist es vor allem Spaß. Wo er zwischen Kotzbrocken und charmantem Frauenfreund changierte, ist sie professionell freundlich und unkompliziert. Dabei sieht sie ungemein britisch aus mit ihren roten Haaren, blasser Haut und grünen Augen.

„Heute kommen die Frauen zu uns, weil sie sich in Unterwäsche wohlfühlen, aber natürlich auch ein bisschen sexy und gefährlich sein wollen“, sagt Shotton. Deshalb hat man sich bei Agent Provocateur schon vor ein paar Jahren entschieden, die Richtung zu ändern. Das war, nachdem Joe Corré die Firma verkauft hatte, um seine Scheidung von Serena Rees zu finanzieren. „Keine schöne Geschichte, wahrscheinlich haben sie es in der Zeitung gelesen“, seufzt Shotton. Wen man den britischen Kollegen glauben darf, war die Trennung eine bombastische Schlammschlacht. Aber da hält die 39-Jährige sich zurück: Joe Corré war ihr Mentor, sie hat viel von ihm gelernt.

In allen Rollen perfekt sein

Und jetzt ist sie die Chefin: „Wir müssen uns weiterentwickeln. Und wer will schon jede Nacht auf Partys tanzen?“ Die Unterwäsche von Agent Provocateur ist immer noch sexy und nicht für den Gesundheitscheck beim Arzt gedacht. Aber es gibt jetzt sogar eine kleine Kollektion mit Kleidern.

Sarah Shotton sieht sich selbst als moderne Feministin: „Du kannst High Heels und enge Kleider tragen und trotzdem für Frauenrechte eintreten. Da hat sich in Großbritannien viel bewegt.“ Für sie ist Sex nicht länger ein Männerding: „Frauen können rausgehen und einen One-Night-Stand haben. Auch das gibt den Frauen Macht.“

Natürlich geht es bei Agent Provocateur immer noch um Sex. Auch Sarah Shotton hat es einen Kick gegeben, als sie vor 15 Jahren als Aushilfe im Londoner Shop anfing und Unterwäsche fand, in der sie sich wohlfühlte. „Deshalb hatte ich aber nicht gleich mehr Sex.“

In letzter Zeit hat sie ein anderes Thema inspiriert. Als sie vor zwei Jahren zum ersten Mal Mutter wurde, brachte sie eine Kampagne heraus, in der Models in Strapsen den Herd putzen, den Boden schrubben und Teig ausrollen. Ironisch wollte sie damit deutlich machen, wie Frauen versuchen, in all ihren Rollen perfekt zu sein.

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