Die Karriere einer Nicht-Farbe : Grau ist das neue Schwarz

Früher Nieselwettertrübsinnsfarbe, heute aus der Mode nicht wegzudenken. Das ausgleichende Grau ist die perfekte Farbe für die schrille Zeiten. Das lässt sich sogar biologisch begründen.

von
Very New York! Das dunkelgraue Kleid unterm blassgrauen Mantel wurde gerade auf der Fashion Week in New York gezeigt. Foto: AFP
Very New York! Das dunkelgraue Kleid unterm blassgrauen Mantel wurde gerade auf der Fashion Week in New York gezeigt.Foto: AFP

Was Grau alles sein kann, hat vielleicht niemand der Allgemeinheit klarer gemacht als Paul Winkelmann, der Möbelhausgeschäftsführer aus Loriots „Ödipussi“. Als dem während eines Farbberatungstermins beim Ehepaar Melzer klar wird, dass die keine „frischere“ Farbe für ihr Sofa wollen (Frau Melzer: „Wir waren mit Grau eigentlich sehr zufrieden“), kramt er sogleich ein Stoffmusterheft hervor. „28 Grautöne eines belgischen Herstellers“, sagt er und flippt durch die Schnipsel: „Mausgrau, Staubgrau, Aschgrau, Steingrau, Bleigrau, Zementgrau …“

Wenn Loriot-Fans sich darüber bei der Filmpremiere Ende der 1980er Jahre freuten, dann auch, weil Grau damals hierzulande vor allem eine Un-Farbe war. Verkleidung für graue Mäuse und blasse Anzugträger.

Giorgio Armani, der Weltbotschafter des Edel-Graus, war gerade noch dabei, sein erstes Geschäft in Deutschland zu eröffnen – wozu der „Spiegel“ einmal schrieb: „Eine Frau, die auf Armani steht, hat ihre Kleiderschränke in den letzten Jahren mit unendlichen Schattierungen und Mischungen von Grau gefüllt.“ Womit sie zu den modischen Avantgardistinnen gehörte. Die Mehrheit kicherte über die Melzers.

Trendton für 2016: Sharkskin, knorpelfischgrau

Das ist vorbei. Grau ist seit damals zum einen in der Namensgebung ein gutes Stück weitergekommen. Der Pantone-„Fashion Color Report“ – eine Art Bibel der Designerwelt – hat jüngst die Top-10-Trendfarben für 2016 herausgegeben und darin ein Grau gelistet, das „Sharkskin“ heißt, Knorpelfischgrau. Und auch inhaltlich liegen die Melzers heute voll im Trend. Schluss ist mit Grau als Synonym für trüb und blass, für Nieselregenfrust oder Einheitsbrei.

Grau ist heute überall, als Farbe der Städte und Straßen ohnehin, der Industriekomplexe und neuerdings der Computerwelt. Grau hat es außerdem auf Möbel, Autos, Innenwände geschafft. Auch in der Mode sind die Grauträgerinnen heute nicht mehr vorneweg, sondern mittendrin. „Grau ist ein neues Statement“, sagt Gerd Müller-Thomkins vom Deutschen Mode-Institut (DMI) in Köln, genauer: „Es ist das neue Schwarz.“

Bei der gerade zu Ende gegangenen New Yorker Fashion Week zeigten viele Designer Kollektionen in grauer Ästhetik. Sei es die Männermode von Greg Lauren, die Bondagekleider von Promi-Ausstatter Max Azria oder das, was Popstar Rihanna sich für Puma ausgedacht hat. Grau war dabei, und wenn es die Stellwandfarbe war, und es war nicht öde, sondern cool.

Eine Farbe mit "zeitgeistigem Bezug"

Das DMI, das Modefirmen über aktuelle Entwicklungen auf dem Farb- und Materialmarkt informiert, hat in der „Neutralfarbe“ Grau einen „zeitgeistigen Bezug“ ausgemacht. Grau sei „urban, immer passend und auch vernetzend“, es schlage Brücken zwischen anderen Farben, sagt Müller-Thomkins und erfindet ein Beispiel: „Stellen wir uns ein pastelliges Orange vor und ein Grau und dann ein Himmelblau“, er spürt dem Anblick kurz nach – schön, oder? –, „und nun nehmen wir das Grau weg.“ Huch! Richtig, da fehlt etwas. Was eben noch eine Art Farbkunstwerk war, ist nun nur noch bunt. Auch darum würde in der heutigen Welt, in der jeder dauernd sein eigenes Kunstwerk ist, das als Selfie verbreitet wird, die Farbe Grau immer wichtiger. Woraus jetzt aber eins nicht folgen dürfe: „Alles in Grau anzehen und dann bin ich vorn, nee nee!“ Auf die Vernetzbarkeit, die Kombinationen komme es an.

Vor Kurzem war Grau gar – eigens hingefärbt – auf den Köpfen junger Menschen zu besichtigen. Das war vor allem als Aussage interessant. Die Jungen machten sich mit Omas Haarfarbe und wadenlangem Faltenrock alt, während die Alten immer mehr Möglichkeiten haben, jung auszusehen. Müller-Thomkins nennt das den „auf Basis der Ästhetik“ ausgetragenen Generationenkonflikt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar