Die Mode der Strümpfe : Socken in Sandalen!

Strumpfwaren sind den meisten Menschen egal. Hauptsache billig, heißt das Gebot, das lange galt. Doch nun ändert sich etwas. Die Socke wird ein wichtiges Accessoire. Ein kleines Update.

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Socken in offenen Schuhen? Ja, das geht jetzt. Und erst recht, wenn die Socken so bunt sind wie die von Minga Berlin.
Socken in offenen Schuhen? Ja, das geht jetzt. Und erst recht, wenn die Socken so bunt sind wie die von Minga Berlin.Foto: Minga Berlin

Ausgerechnet zum Sommer hier nun mit Strümpfen zu kommen, ist doch Quatsch, sagen Sie? Weil Sie Ihre im Schrank längst nach hinten geschoben haben, froh, dass damit bis September Schluss ist und Sie jetzt barfuß in Ihre Schuhe schlüpfen? Dann könnten Sie in diesem Sommer modisch weit abgeschlagen enden.

„Socke ist das Thema“, sagt beispielsweise Betty Brown von Minga Berlin, die an der Wahrhaftigkeit dieser Behauptung insofern Interesse hat, als Minga Berlin eine Sockenfirma ist. Sie zeigt auf die Wand ihres Büros in Berlin-Friedrichshain, an der mehrere Fotos Füße von Modebloggern in Minga-Berlin-Socken zeigen. Ein Paar steckt außerdem in Birkenstocks, und weil Blogger Moden machen, schließt Brown daraus, dass in diesem Sommer sogar Socken in Sandalen gehen. Das deutsche Anzieh-Unglück schlechthin, per Bloggerfoto zum Trend geadelt.

Welche Freude für all jene, die ohnehin trotz Sommer Socken und Strümpfe tragen. Wenn auch – und das hat mit Mode nun wirklich nichts zu tun – genauso gedankenlos wie im Winter. Um Bluse, Hemd, Hose, Jacke kreisen die Gedanken, passt das, sitzt das, gefällt das, x-mal kann man sich an schlechten Tagen an- und ausziehen, wie profan und schnell geklärt sind dagegen die Fragen an Socken: Ergeben die zwei Einzelnen nach Form und Farbe wirklich ein Paar? Und Löcher? Keine? Dann nehmen wir die doch.

Konsumforscher fanden heraus: Sockenkauf macht niemandem Spaß

Diese Sockenmuffeligkeit ist nicht neu, sie hat auch nichts mit Globalisierung und dem Internet zu tun. „Für Dreiviertel der Männer und die Hälfte der Frauen ist der Strumpf nicht mehr als ein Gebrauchsartikel“, heißt es bereits 1992 in dem vielleicht einzigen Coffeetable-Book der Welt zum Thema mit dem programmatischen Titel „Strümpfe“. Die Zahlen stammten von der Gesellschaft für Konsumforschung. Entsprechende Umfragen hätten außerdem ergeben, dass Strümpfe einen äußerst geringen „Kleidungsstatus“ besäßen. Nur 18 Prozent der befragten Frauen fanden Gefallen am Sockenkauf, und drei Prozent der Männer.

Das ist auch fast 25 Jahre später kaum anders. Socken werden vor allem nebenbei gekauft, im Warenhaus, wenn man auf sich hält, im Drogerie- oder Supermarkt, wenn man es eilig hat. Und immer gern im Pack und preisgünstig. Und so fragt bisher auch kaum einer danach, wo sie herkommen, wer sie nähte, wer sie färbte und vor allem mit was.

Doch auch das ändere sich, sagt Betty Brown. Und erzählt die Geschichte von Minga Berlin, die mit genau dieser Spezialisierung in den Markt eingestiegen sind, dessen Volumen laut Statista auf jährlich rund 1,2 Milliarden Euro geschätzt wird. Und der von wenigen großen Namen – Falke, Kunert, Ergee, Wolford – und vielen No-Name-Produkten belegt wird.

Sie erinnerten sich an ihre bunten Kindersocken, das wär's doch!

Minga Berlin entstand 2010, nach einer Wanderung der Geschwister Anna und Markus Lukasson in den vermutlich bayerischen Alpen. Nun könnte man „natürlich!“ rufen, denn wann könnte ein Strumpf quälender falsch sein, als bei der Besteigung eines Berges? Aber so war es nicht. Statt Frontnaht und Fersenzwickel quälte die Geschwister die Frage: Wollen wir wirklich weiterhin für andere arbeiten oder lieber für uns selbst?

Beide waren als studierte Werkstofftechniker in der Stahlbranche angestellt und nein, so weitermachen die nächsten 40 Jahre bis zur Rente, war keine Option. Also was stattdessen? Details kann Bettina Brown nicht liefern, aber plötzlich sei der Gedanke dagewesen, die Erinnerung an die eigenen bunten Kindersocken. Bunte Kindersocken also! Für Erwachsene. Und, um ein mögliches Drücken und Scheuern des Gewissens von vornherein auszuschließen, auch gleich alles nachweislich bio und gut.

Mit eigenem Geld und Unterstützung aus dem Bekanntenkreis entstand zurück im Tal die GOTS-zertifizierte Firma Minga Berlin, GOTS für den „Global Organic Textile Standard“, der für Qualitätssicherung durch die gesamte Produktionskette steht, Minga für München, die Stadt, aus der sie kommen, Berlin für die Stadt, in die sie zogen. Hier, in einem Hinterhof an der Warschauer Straße führt sechs Jahre später Betty Brown die Geschäfte, und die Lukasson-Geschwister sind im Büro nebenan mit dem nächsten Projekt beschäftigt.

Auch Strümpfe erscheinen in Kollektionen

Brown, 36, lacht, als sie von der Ideenfindung auf dem Berg erzählt. So eine rührende Geschichte, und die zur Garnierung eines Produkts, um das die meisten Menschen sich überhaupt keine Gedanken machen! Aber dafür sie umso mehr.

Gerade werden die aktuellen Kollektionen verschickt, so nennt sich das auch bei Strümpfen. Es geht um neue Farben für die drei Mustertypen – Layer Cake (gestreift), Pixelate (kariert), Picnic Anarchy (Romben), Two Face (zweifarbig) und Uni – um neue Formen, 2017 kommen ihre Sneakersocken raus, die gerade eben über den Turnschuhrand schauen, und ihre Füßlis, die als „no-see“ im Schuh verschwinden sollen. Als Angebot an all jene, die der Optik wegen keine Strümpfe tragen wollen, dann aber aus irgendwelchen Gründen doch nicht drauf verzichten. Die nächste große Farbe wird Türkis, und dann kommt auch eine Sportsocke ins Programm, weiß oder schwarz mit Streifen oben am Rand.

Dazu werden immer neue Baumwolltypen ausprobiert, die Bündchen sind mal einfach, mal doppelt, das wird variiert und immer wieder verändert, so eine Socke, wenn man erst mal anfängt, sich Gedanken über sie zu machen, wird immer mehr zu einem Wunderwerk. So viele Kurven am Fuß wollen geschickt umnäht sein, sie darf nicht rutschen, aber auch nicht so eng sein, dass man „die Socke noch an hat, wenn man sie nicht mehr an hat“ wie Brown sagt. Ein Detail, auf das sie bei Minga Berlin Wert legen ist, dass das Zehenteil per Hand an den Strumpf genäht ist. Jedes einzelne Paar mit Nadel und Faden. „So bleiben die Nähte flach“, sagt Brown.

Die bunten Socken seien anfangs ein „Statement Product“ gewesen, gern als Geschenk gekauft. Inzwischen seien sie allgemein tragbar, und auch Männer trauen sich den Farbklecks am Bein zu. Umgekehrt hat Minga Berlin eine Klassikreihe aufgelegt, einfarbig, schwarz, also das, wovon sie sich ursprünglich abzusetzen suchten. Und mit den schwarzen Socken kam noch etwas Klassisches in ihren Betrieb: der Mehrfachkauf. „Schwarze Socken“, sagt Betty Brown, „werden als einzige immer im Pack gekauft.“

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