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Die Vogue provoziert : Obdachlos und schön dabei

18.10.2012 16:58 UhrVon Julia Stelzner

In der Oktoberausgabe der deutschen Vogue, gibt es eine Modestrecke, in der das Model aussieht, wie eine Obdachlose. Jedenfalls hat sie all die Statussymbole, wie Einkaufwagen und große Plastiktaschen, bei sich. Ob Frauen dazu animiert werden sollen, ihr Geld lieber für eine Designer-Fellweste anstatt für die Wohnungsmiete auszugeben?

Es ist mal wieder soweit! Ein Modemagazin macht mit provokanten Aufnahmen von sich reden. Aktuell in der Kritik: die sonst eher brave deutsche Vogue.
Sie stilisiert unter dem Titel „Signs of the Time“ (Untertitel: „Einzigartig extravagant“) Magdalena Langrova als vermeintlich Obdachlose. Schließlich wird das Model nicht nur mit einer warmen Schicht an Designerklamotten von Louis Vuitton, Rick Owens und Marc Jacobs ausgestattet. Sondern auch mit Pappbecher, Einkaufswagen und Plastiktüten — gewagt! Die Intention dahinter? Wir können nur mutmaßen.
Erstes Indiz: Die Bilder wurden nicht unter einer Isar-Brücke geschossen, sondern in New York.

Mit den vielen Designertaschen wird aus dem Obdachlosen-Modell eine „Bag Lady“, wie dort wohnungslose Frauen genannt werden. Eine davon, die Ex-Merrill-Lynch-Aktienhändlerin Cathy vom Tompkins Square Park, begleitete der Spiegel im Herbst 2009 in einer Reportage. Ob sich die Vogue im Jahr Vier nach der Wirtschaftskrise in Gesellschaftskritik versucht?
Anderer Ansatz. Die Sitcom „2 Broke Girls“ über zwei junge, nicht unmodische Pleite-New Yorkerinnen – alias: Der Auszug aus dem Schlaraffenland von „Sex and the City“ – hat sensationelle Einschaltquoten. Wenn die Vogue jetzt entsprechend eine junge Frau zeigt, die lieber in eine edle Weste von Miu Miu (1050 Euro) investiert als in die Monatsmiete eines kleinen Apartments in Brooklyn, ist das dann vielleicht selbstkritisch oder gar als Sozialsatire zu verstehen?
Tatsache ist, dass das Clochard-Motiv in der Mode von Vivienne Westwood bis Patrick Mohr prima taugt. Wo sonst lassen sich Muster und Materialien derart willkürlich miteinander kombinieren? Soll ja auch vorgekommen sein, dass ein chinesischer Obdachloser in seinem eher zweckmäßigen Layer-Look in Blogs weltweit als Stilikone gefeiert wurde.
Trotzdem: Die Aufregung ist vor allem jenseits der Modewelt riesig. Auf Spiegel online wird eine „geschmacklose Kombination“ moniert – ein Adjektiv, das auch auf jetzt.de zum Einsatz kommt.
„Witzig!“ oder auch „Originell!“, schreien hingegen alle, wenn echte Obdachlose Mode präsentieren, so beim Label Muschi Kreuzberg geschehen. Zugegeben: ein einseitiger Rollentausch. Aber wahrscheinlich hat jene Kampagne das, was dem Vogue-Editorial leider fehlt: etwas mehr Humor gepaart mit Innovation.

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