Ein Model als Schauspielerin : Das Topmodel Lykke May Andersen wird zur Schauspielerin

Das Topmodel Lykke May Andersen lief für Dior über den Laufsteg. In ihrem ersten Film spielt sie nun eine Drogensüchtige.

Manuel Almeida Vergara
Lykke May Andersen arbeitete für die großen Modehäuser. Posen kann sie immer noch.
Lykke May Andersen arbeitete für die großen Modehäuser. Posen kann sie immer noch.Foto: promo

„Ich habe vorgeschlagen, dass wir meine Haare rot färben. Ich wollte Haare wie Christiane F.“, erzählt das dänische Topmodel Lykke May Andersen. Für ihre erste Arbeit als Filmschaupielerin hat sie sich Nadja Brunckhorst in der Rolle des drogensüchtigen Berliner Teenagers in „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ als stilistisches Vorbild ausgesucht – das deutet auf eine finstere Handlung hin.
„Zweite Chance“ ist ein bedrückender Film, in dem die Grenzen zwischen richtig und falsch verwischt werden. Im Mittelpunkt steht Sanne, der Charakter, den Lykke May Anderson spielt. Die junge Frau ist heroinabhängig, verliert sich in einer gewalttätigen Beziehung, vernachlässigt ihr neugeborenes Kind bis zur Verwahrlosung.

Mit der Besetzung der Sanne ist Susanne Bier ein Risiko eingegangen

In den Filmen der dänischen Regisseurin Susanne Bier gerät die Welt oft aus den Fugen – nicht im großen Kontext, sondern in ganz persönlichen Lebensläufen. Düsternis bestimmt das Werk der Oscarpreisträgerin, nicht zuletzt wegen ihrer Nähe zur Dogma-Bewegung um Lars von Trier. Sie spielt mit Fragen der Moral und lässt ihre Protagonisten durch emotionale Grauzonen gehen.
Mit „Game of Thrones“-Darsteller Nikolaj Coster-Waldau hat sich Susanne Bier für einen international anerkannten Schauspieler in der Hauptrolle entschieden, aber bei der Besetzung des schwierigen Charakters der Sanne ist sie ein Risiko eingegangen. Lykke May Andersen stand zum ersten Mal vor den Kameras einer großen Filmproduktion – und das in einer Rolle, die nicht gerade von großer Schönheit ist.

Lykke May Anderesen spielt in die "Zweite Chance" die Drogenabhängige Sanne.
Lykke May Anderesen spielt in die "Zweite Chance" die Drogenabhängige Sanne.Foto: © 2015 PROKINO Filmverleih GmbH


Beim Gespräch über ihr Schauspieldebüt in einem Berliner Hotel ist das wieder anders: In High-Heels und Designer-Kleidern, mit rot lackierten Fingernägeln und perfekt frisierten Haaren ist die Mode im Auftreten Lykke May Andersens fraglos spürbar. „Ich verdanke meiner Karriere in der Mode alles. Sicherlich hat mir auch beim Filmdreh geholfen, dass ich bereits 16 Jahre vor Kameras gestanden habe“, sagt sie. Dass sie in ihrer ersten Rolle nicht gut aussieht, war für sie wichtiger Bestandteil des Arbeitsprozesses: „Das war ein richtiges Geschenk, denn es hat mir etwas gegeben, mit dem ich arbeiten konnte. Hätte ich den Charakter eines blonden Models gespielt, dann hätte ich doch im Grunde wieder nur gemodelt, bloß vor einer Filmkamera. Es war mir wichtig, aus meiner Komfortzone heraus und in das Leben eines ganz anderen Menschen einzutreten.“

Auf Golfbällen über den Laufsteg bei Dior


Und doch war auch ihr Privatleben in der Erarbeitung der Rolle entscheidend: Gerade einmal acht Wochen vor Beginn der Dreharbeiten brachte Lykke May Andersen ihren Sohn zur Welt. „Ich habe diese Empfindlichkeit als junge Mutter als Werkzeug für die Arbeit am Film genutzt. Ich musste eigentlich nur an meinen eigenen Sohn denken und habe direkt anfangen können zu weinen, wenn das nötig war“, sagt sie.
Die Arbeit an einem Filmset sei etwas ganz anderes als all ihre Modeljobs davor. „Als Model bist du immer nur ein ganz kleines Element in der Vision eines anderen, aber ein schlechter Schauspieler kann einen ganzen Film ruinieren. Wenn du bei einer Modenschau hinfällst, dann bist du eben hingefallen. Dann kommt ja schon das nächste Model raus“, sagt Andersen. Aber auch auf den Laufstegen von Chanel, Louis Vuitton oder Yves Saint Laurent hatte sie Glück: „Ich bin nie gefallen. Bei einer Dior-Show wäre es allerdings fast soweit gewesen. Da hatten wir so etwas wie Golfbälle an den Absätzen. Da sind die Mädchen reihenweise hingefallen, ich habe mich aber wacker gehalten.“

Das Model und die Regisseurin lernten sich bei einem Abendessen von Freunden kennen


Vor der Arbeit am Film habe sie Respekt, aber keine Angst gehabt. Vor allem das große Vertrauen der Regisseurin, die Andersen auf einem Abendessen bei gemeinsamen Freunden kennengelernt hatte, habe ihr das nötige Selbstvertrauen für die Dreharbeiten gegeben. „Ich habe die Zusammenarbeit sehr genossen, weil Susanne von mir genauso viel erwartet hat, wie von allen anderen am Set. Das war ein gutes Gefühl”, sagt sie, „Ich brauche einen gewissen Druck, um gut zu funktionieren. Ich mag es, wenn von mir etwas verlangt wird. Dann habe ich etwas, dem ich gerecht werden muss. Gerade bei diesem Film, mit einer Oscar-Regisseurin und den vielen wirklich guten Schauspielern, war mir klar, dass ich es nicht vermasseln kann. Allein schon aus Respekt vor ihrem Talent.“

Eigentlich hatte Lykke May Andersen nach ihrer erfolgreichen Modelkarriere in der Kunstszene gearbeitet, die Schauspielerei habe sie vor der Begegnung mit Susanne Bier nie ins Auge gefasst. Die habe ihr auch von Schauspieltraining abgeraten. „Sie wollte das ganz bewusst mit mir am Set erarbeiten“, sagt Andersen. „Wir haben zum Beispiel mit einem Sprachtrainer gearbeitet. Mein Akzent ist einfach nicht mehr der eines dänischen Mädchens, das nie gereist ist und einen eingeengten Horizont hat.“ Susanne Bier habe ihr explizit geraten, sich im Vorfeld keine Drogenfilme anzusehen und sich so von anderen Charakteren beeinflussen zu lassen. Die rot gefärbten Haare von Christiane F. haben es trotzdem in den Film geschafft.

Der Film "Zweite Chance" kommt am 14. Mai ins Kino

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