Euro Fashion Award : Der Blick über den europäischen Tellerrand

Vom „Euro Fashion Award“ in der Sachsenstadt, peinlicher Xenophobie und weltläufiger Mode.

Manuel Almeida Vergara
Mehr Offenheit! Wie es geht, zeigt die Mode von Anastasia Lotikova, Gewinnerin des Euro Fashion Award im sächsischen Görlitz.
Mehr Offenheit! Wie es geht, zeigt die Mode von Anastasia Lotikova, Gewinnerin des Euro Fashion Award im sächsischen Görlitz.Foto: promo

In Sachsen ist rechts ja gerade Mode, könnte man einen Eindruck in Worte fassen, aber dass sich das im Rahmen einer Modenschau beweisen muss, wäre damit natürlich nicht gemeint. So ist es aber gekommen, eine Woche ist das her, und das zog das Licht der Aufmerksamkeit ab von den jungen Designern – was ungerecht ist und nachfolgend wettgemacht werden soll.

Doch erst ein kurzer Rückblick: Am 23. April wurde in Görlitz der erste „Euro Fashion Award“ vergeben. Veranstaltungsort: das traditionsreiche Kaufhaus Görlitz, ein Jugendstilgebäude – Kinofreunden aus „Grand Budapest Hotel“ bekannt –, das seit der Hertie-Pleite 2013 leer steht. Dessen Investor Winfried Stöcker hielt zum Award eine Eröffnungsrede, in der er sich abfällig über Hijab-tragende Iranerinnen äußerte, die er in seinem Kaufhaus nicht zu sehen wünsche, was das internationale Publikum empörte und den ebenfalls anwesenden sächsischen Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) zur umgehenden Gegenrede veranlasste. „Sachsen braucht Kreativität und Weltoffenheit“, sagte er. Ihm sei egal, wen sich Stöcker als Kunden wünsche. Ab da war Politik Thema statt Fashion.

Darum hier die Nachlese: Die Görlitzer Modenschau war ein erfolgreiches Debüt, vor allem auch dank des professionellen, kreativen Teams, das buchstäblich hinter den Kulissen schuftete, dank der namhaften Fachjury, die die internationale Szene repräsentiert, und dank der elf Kollektionen von 15 Jungdesignern aus sechs Ländern. Alle Beteiligten der rund zweistündigen Schau haben sich durch ein hohes Maß an Innovationskraft und Engagement ausgezeichnet und präsentierten in der sächsischen 54 000-Einwohner-Stadt eine gekonnte Modeinszenierung.

Umso bedauerlicher ist es, dass sie jetzt mit Stöckers unmöglicher Eröffnungsrede leben müssen. Dessen Ausgrenzungsrhetorik passte ganz besonders nicht zu der Veranstaltung, die in seinem Kaufhaus-to-be stattfand. Denn einige der jungen Designer haben mit ihren Entwürfen ganz ausdrücklich gezeigt, dass ihre Vorstellung von Toleranz und Schönheit nicht an den europäischen Außengrenzen endet.

Das Designteam Boom Studio zum Beispiel präsentierte eine kulturelle Kollage: Robin Rau aus Deutschland und die Chinesin Jing Jing Qi kreierten eine stoffgewordene Symbiose ihrer beiden Heimatländer in knallbunter Pop-Art-Attitüde. Annalena Skörl Maul wiederum kombinierte das Häkelhandwerk mit der Ästhetik der US-amerikanischen Hip-Hop- Szene. Die Kollektion der Lettin Agnese Narnicka erzählt von einem jungen Mann, der die ganze Welt bereist.

Weltoffene Ideen statt engstirnige Entgleisungen

In den Köpfen der jungen Modemacher herrscht also buntes Treiben. Und der weit gereisten Jury gefiel das. „Ich unterstütze gerne Studenten und junge Talente“, sagt Margareta van den Bosch, die Grande Dame von „H&M“, inzwischen 73 Jahre alt, „wenn ich zu so einer Preisverleihung eingeladen werde, sage ich fast immer zu.“ Rund 30 Jahre lang war sie Chefdesignerin der Schweden, heute berät sie das Unternehmen noch. Und sie konnte sich durch das Votum der Jury bestätigt sehen: Die Weißrussin Anastasia Lotikova war eine ihrer Favoritinnen.

In deren Herren-Kollektion „SHUΓ werden alte Kleidungsstücke und Industriereste zu neuen Ensembles: Jeansstreifen werden zu strukturierten Mänteln und Oberteilen, Lederreste zu neuen Accessoires. „Das war gar nicht so einfach“, sagt die Designerin, „Ich habe Freunde und Bekannte über Jahre immer wieder um alte Hosen und Schuhe gebeten.“

Nach einem industriell ausgerichteten Studium und einiger Zeit in einem großen Modeunternehmen hat Anastasia Lotikova sich für ein weiteres Studium entschieden. „In der Industrie arbeitet man unter viel Druck, und wenn man nicht funktioniert, wird man als kleines Rädchen im großen System schnell ersetzt. Ich wollte nicht länger mit einem schlechten Gewissen Mode machen“, sagt sie. An der Hochschule für Künste Bremen habe man ihr Interesse für bewussten Modekonsum gut angenommen. Genau wie die neunköpfige Jury um Margareta van den Bosch, Alexander Krenn (Chefdesigner von Vivienne Westwood) und Gudrun Allstädt, Ressortleiterin beim Branchenblatt „Textilwirtschaft“, die „SHUΓ mit dem Hauptpreis in Höhe von 30 000 Euro würdigten.

Ein gutes Startgeld für junge Designer und ein schöner Lohn für eine Mode, die Grenzen überwindet. Denn auch Lotikova hat über den europäischen Tellerrand hinausgeblickt und sich von Kung Fu zu asiatischen Silhouetten inspirieren lassen.

Ob Investor Stöcker wie die Jury entschieden hätte, ist glücklicherweise unerheblich, sein Grußwort im begleitenden Schauenheft plädiert auch für Diversität. In abgestecktem Rahmen: Sein Modepreis solle „die kulturelle Vielfalt in Europa“ zeigen. Davon wäre der chinesische Kampfsport ziemlich weit entfernt. Genau wie der Iran. Oder nicht? In Sachsen haben die Kleider auf dem Laufsteg bewiesen, dass Mode und Kultur längst ein globales Gut geworden sind. Bleibt zu hoffen, dass von diesem „Euro Fashion Award“ die weltoffenen Ideen der jungen Designer und nicht die engstirnigen Entgleisungen des Geldgebers im Gedächtnis bleiben.

www.euro-fashion-award.com

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben